Mit einer Taschenlampe kontrolliert ein Beamter der polizeilichen „Kontrolleinheit Autoposer Raser Tuner“ (KART) die Felgen eines Mercedes CLS 550.
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Bad Nauheim ist seit dem Frühjahr 2020 offenbar in den Fokus der Poser-Szene geraten. (Symbolfoto)

Bürgerinitiative fordert mehr Kontrollen

Kampf gegen die Poser-Szene in Bad Nauheim: Raserei, Überholmanöver und Motorenlärm an der Tagesordnung

  • Bernd Klühs
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Seit dem vergangenen Frühjahr ist Bad Nauheim offenbar in den Fokus der Poser-Szene geraten. Straßenrennen, gefährliche Raserei und Motorenlärm haben zur Gründung einer Bürgerinitiative geführt.

Seinen richtigen Namen will Günther Schirrmacher lieber nicht in der Zeitung lesen - aus Rücksicht auf seine Familie. Er wohnt in der unteren Parkstraße von Bad Nauheim, hat die Auto-Poserszene »auf dem Präsentierteller«. Der Unternehmer berichtet von lebensgefährlicher Raserei mit Geschwindigkeiten bis zu 120 km/h und vom aggressiven Auftreten der Fahrer. »Das ist ein hochkrimineller Bereich mit enormer Dynamik. Schon zweimal haben mich getunte Autos aufs Korn genommen, als ich über die Parkstraße gegangen bin.« Das Zimmer seiner Kinder liege zur Straße hin. Sie schrien nachts manchmal vor Schreck, wenn die Raser stark beschleunigten.

Kampf gegen Poserszene: Bad Nauheim will „Super-Gau“ vermeiden

Im Herbst ist er aktiv geworden, um Bewohner und Politiker wachzurütteln. Schirrmacher verteilte 160 Flyer, bald gründete sich eine Bürgerinitiative. Dazu gehören Sven Diederichs und Vincent El Haidag. Sie und Schirrmacher trafen sich nun zu einem Gespräch mit Bürgermeister Klaus Kreß und Erstem Stadtrat Peter Krank. Forderung der BI: Stadt und Polizei sollen einen Katalog mit konkreten Schritten vorlegen, um das Treiben zu beenden. »Wir wollen keinen Super-GAU mit einem Auto, das sich überschlägt und zwei Leute unter sich begräbt«, erinnert Schirrmacher an den Unfall mit zwei Toten, der sich kürzlich in Frankfurt ereignet hat.

Auch Diederichs und El Haidag sprechen von einer regelmäßigen Präsenz der Poser mit PS-starken Boliden. Die Parkstraße stehe im Fokus, daneben seien Frankfurter und Schwalheimer Straße, Eleonorenring, Ring- und Hauptstraße oder Haagweg betroffen. Diederichs ist zu später Stunde oft zu Fuß unterwegs und verfolgt die Aktivitäten der Raser im Sommerhalbjahr. »Eine Bekannte wurde von einem Auto aufs Korn genommen. Die Fahrer wollen bewusst provozieren.« Er berichtet von Drift-Übungen und Rennen.

Vincent El Haidag ist mit seiner Familie vor zwei Jahren in die Parkstraße gezogen. Er fühlt sich wohl in Bad Nauheim, machte aber bereits während des Umzugs erste Erfahrungen mit den Posern. Als Vater einer kleinen Tochter beobachtet er die gefährlichen Aktivitäten besonders genau.

Poserszene in Bad Nauheim: Rennen in Schwalheimer Straße

Bürgermeister und Erster Stadtrat schätzen die Lage ähnlich ein wie die BI. »Sie sind besorgt und verärgert. Dafür haben wir großes Verständnis«, betont der Rathauschef. Krank berichtet von Rennen in der Schwalheimer Straße, dem Treiben auf dem dortigen Parkdeck oder vom Auftreten von bis zu 30 Posern in der City. »Bis zum Frühjahr 2020 war Posing ein Randthema. Seitdem wird Bad Nauheim verstärkt bespielt.« Es handele sich nicht um eine einheitliche Szene. Manche wollten mit Autos protzen, anderen gehe es um Geschwindigkeit. Diese zweite Gruppe sei in Bad Nauheim vertreten.

Die Stadt müsse dagegen im engen Schulterschluss mit der Polizei vorgehen. Nur so lasse sich der BI-Vorschlag umsetzen, nachts zu blitzen. Mitarbeiter der Stadt ohne Polizeibegleitung an die Straßen zu schicken, lehnt Krank aus Sicherheitsgründen ab. Den von der BI geforderten Einsatz von Laserpistolen oder bauliche Veränderungen - etwa Schwellen - sieht der Erste Stadtrat kritisch. So führten Schwellen zu Lärmbelästigungen und Anliegerbeschwerden.

Rennstrecke Parkstraße: Bei der Poserszene, die seit dem vergangenen Jahr verstärkt in Bad Nauheim auftritt, ist diese Straße besonders beliebt. Doch die Raser sind in den Sommermonaten in der ganzen Innenstadt zu beobachten.

Poserszene in Bad Nauheim: Aktionsplan von Stadt und Polizei

Laut Krank haben Stadt und Polizei das Problem auf dem Schirm. Die Verwaltung erfasse Daten, um herauszufinden, wo und zu welchen Zeiten die Poser aktiv werden. »Wir haben einen Aktionsplan und regelmäßige gemeinsame Kontrollen vereinbart. Am Dienstag war die Polizei mit drei Streifenwagen präsent.«

Zwar verfüge die Polizei über Spezialisten, die den technischen Zustand der Poser-Pkw kontrollierten, gleichwohl sei es aus personellen und rechtlichen Gründen schwierig, der Lage Herr zu werden. Vertreibe man die Szene aus der Parkstraße, trete sie in der Frankfurter Straße auf oder weiche nach Friedberg aus. Zudem könnten getunte Pkw meist nicht aus dem Verkehr gezogen werden, weil die Aufrüstung genehmigt sei. Krank: »Auch ein 80-Euro-Bußgeld wegen Lärm- und Abgasbelästigung schreckt nicht ab.«

Die BI begrüßt die Ankündigung des Dezernenten, hält die Aktivitäten aber nicht für ausreichend. Sie fordert die Prüfung aller denkbaren Maßnahmen, vor allem mehr Kontrollen - auch wegen Drogen und Tuning. »Wir müssen diesen Leute den Spaß verderben. Sind sie genervt, verschwinden sie«, glaubt Diederichs.

BI und Rathausspitze wollen in Kontakt bleiben. Krank appelliert an besorgte Bürger, Vorfälle zu melden, Kennzeichen zu notieren und Anzeige zu erstatten.

Bad Nauheim: Online-Petition „Stop!Posing“ gegen Raser

Die Bürgerinitiative, die sich gegen die Raserei mit getunten Autos zur Wehr setzt, verteilt Flugblätter und hat die Online-Petition »Stop!Posing - Gegen Verkehrsterror in Bad Nauheim« gestartet. Seit dem 2. Februar ist die Petition unter der Internet-Adresse www.openpetition.de zu finden. Bislang haben sich 70 Bürger den Forderungen der BI angeschlossen, 60 davon aus Bad Nauheim.

»In den vergangenen Jahren waren gefährliche Rasereien und Überholmanöver sowie mutwillig erzeugter Motorenlärm (neben anderen Verletzungen der Straßenverkehrsordnung wie das unerlaubte Durchfahren der Fußgängerzone) während der Sommermonate an der Tagesordnung«, heißt es in dem Petitionstext. Politisch Verantwortliche müssten konkrete Maßnahmen zur Überwindung des Poser-Problems einleiten. Bürger müssten sich mit konstruktiven Vorschlägen einbringen können. Bislang arbeiteten Stadt und Polizei lediglich ihr Standardprogramm ab, damit sei den Posern nicht beizukommen. »Bad Nauheim fängt an, unter diesem Problem zu leiden«, schreibt die BI.

Die Initiatoren bezeichnen sich als unabhängig und überparteilich, fühlen sich den Werten der Aufklärung, des Humanismus und den Prinzipien der demokratischen Grundordnung verpflichtet. »Jeder Form von Extremismus und Fanatismus erteilen wir eine klare Absage. In diesem Sinne werden Trittbrettfahrer sowie Anhänger von Gewalt und Verschwörungstheorien bei uns definitiv keinen Platz finden.« (Bern Klühs)

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