Eine Herzschwäche wird von Laien oft nicht erkannt.
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Eine Herzschwäche wird von Laien oft nicht erkannt.

Interview mit Kardiologie-Direktor

Herzschwäche wird schnell lebensgefährlich – Wie zeigen sich die Symptome?

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Die Anzeichen für eine Herzschwäche zeigen sich oft schleichend. Kardiologe Christian Hamm aus der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim erklärt die risikoreiche Erkrankung.

  • Die Herzschwäche - oder Herzinsuffizienz - ist eine der häufigsten Krankheiten in Deutschland.
  • Gerade für Laien ist es schwer, eine Herzschwäche frühzeitig zu erkennen.
  • Prof. Chrisitan Hamm im Interview zu den häufigsten Symptomen und Risiken von Herzschwäche.

Woran erkenne ich, dass mein Herz zu schwach ist? Was sind die Symptome?

Man selbst erkennt es nur schwer, weil es meist sehr schleichend beginnt. Man merkt, dass die Luft knapp wird, wenn man sich belastet. Das ist das klassische Symptom. Viele ältere Menschen führen die Luftnot darauf zurück, dass sie älter geworden sind, doch das kann auch Ausdruck einer Herzmuskelschwäche sein. Das andere ist, dass man Beinschwellungen, sogenannte Ödeme, bekommt.

Herzschwäche: Laien tun sich schwer, eine Herzschwäche zu erkennen

Es ist also für den Laien nicht so einfach zu beurteilen, ob es eine normale Alterserscheinung ist oder ob man einfach nur schlapp ist - oder ob man eine Herzschwäche hat?

Ja, es ist häufig ein Prozess über Monate oder Jahre, so dass man es gar nicht so mitbekommt, dass man immer weniger leistungsfähig ist. Es fällt häufig eher den Angehörigen auf.

Ist Herzschwäche eigentliche ein Sammelbegriff für verschiedene Krankheiten oder eine bestimmte Krankheit?

Nein, der Begriff Herzschwäche oder medizinisch »Herzinsuffizienz« beschreibt erst mal einen Zustand, in dem das Herz den Körper nicht ausreichend mit Blut versorgen kann. Das liegt in der Regel an einer Erkrankung des Herzmuskels. Dafür gibt es verschiedene Ursachen beziehungsweise Krankheiten, die den Herzmuskel schädigen. Das Resultat ist aber in allen Fällen das Gleiche: Es wird nicht genügend Blut in den Körperkreislauf gepumpt.

Kann eine Herzschwäche auch von alleine verschwinden oder muss auf jeden Fall etwas medizinisch getan werden?

Dass sie von ganz allein verschwindet, ist eher die Ausnahme und hängt von der Ursache ab. In der Regel ist eine medikamentöse Behandlung notwendig.

Vorbeugen hilft: Der Lebensstil ist ausschlaggebend beim Risiko für Herzschwäche

Kann eine Herzschwäche auch im Lebensstil begründet sein?

Ja, soweit ein ungesunder Lebensstil zu den klassischen Volkskrankheiten führt: Bluthochdruck, Diabetes und alles, was wir zu koronaren Herzerkrankungen rechnen, also Durchblutungsstörung des Herzens bis hin zum Herzinfarkt. Das sind die klassischen Gründe für die Entwicklung einer Herzschwäche.

Spielt für das Auftreten das Alter eine Rolle?

Es ist ganz klar eine altersabhängige Erkrankung. Herzschwäche gibt es auch bei jüngeren Menschen, also auch 20- oder 30-Jährige können durch eine Herzmuskelentzündung eine Herzschwäche entwickeln. Aber es ist typischerweise eher die Erkrankung des älteren Menschen, also 60, 70 Jahre und mehr.

Kann man auch eine Herzschwäche bekommen, wenn man es als Leistungssportler übertreibt?

Das wäre ungewöhnlich, da müsste dann eigentlich noch was hinzukommen, eine zusätzliche Erkrankung des Herzens.

Welche Rolle spielt das Coronavirus bei der Herzschwäche?

Das Coronavirus befällt in Einzelfällen auch den Herzmuskel. Wir an der Kerckhoff-Klinik haben das als eine der Ersten dieses Jahr beschrieben, weil wir es Anfang des Jahres bei einem Patienten festgestellt haben - der nur durch eine Herzmuskelschwäche aufgefallen ist. Wir haben mit einer Biopsie ein Stück des Herzmuskels entnommen. Dabei stellten wir fest, dass der Patient schon Corona durchgemacht hatte. Eine Herzbeteiligung von Corona war zu der Zeit noch nicht bekannt. Wir haben dann im Nachhinein gesehen, dass er im Januar eine Corona-Erkrankung durchgemacht hatte. Aber das ist eher eine Rarität. Corona kann fast alle Organe befallen.

Personen mit Herzschwäche sind durch Corona besonders gefährdet

Wenn man eine Herzschwäche hat und dann Corona bekommt, ist man wahrscheinlich schlecht gerüstet, oder?

Ja, Corona kann eine sehr schwere Entzündungsreaktion hervorrufen. Da ist man natürlich immer schlechter dran, wenn man bereits eine Herzmuskelschwäche hat.

Sie sprachen eben schon die Biopsie an. Aber wie stellt ein Arzt ansonsten in der Regel eine Herzschwäche fest?

Die Diagnose wird am einfachsten durch einen Blutwert gestellt, das sogenannte BNP, oder das NT-proBNP. Das ist ein Blutwert, der extrem empfindlich erfasst, ob jemand eine Herzmuskelschwäche hat. Ist dieser Blutwert normal, kann man eine Herzmuskelschwäche praktisch ausschließen. Wenn dieser Wert erhöht ist, kann das auch andere Gründe haben, aber in den meisten Fällen liegt eine Herzschwäche vor. Der nächste Schritt wäre ein Ultraschall des Herzens, eine Echokardiografie. Das sollte möglichst in der Hand eines Kardiologen liegen, der sich die Pumpfunktion des Herzmuskels anschaut. Dann findet er meist noch nicht die Ursache. Eine der wichtigsten Untersuchungen ist eine Kernspintomografie - ein MRT - des Herzens. Im Rahmen dieser Untersuchung kann man den Herzmuskel sehr gut beurteilen, in welchem Zustand er ist, und man kann zum Beispiel Entzündungen erkennen. Der nächste Schritt wäre dann - bei sehr ausgesuchten Fällen - eine Biopsie vom Herzmuskel. Die entnommene Probe wird dann feingeweblich nach Entzündungszeichen, Viren oder Bakterien und anderen Ursachen untersucht.

Die Behandlungsmöglichkeiten einer Herzschwäche sind vielfältig

Wie läuft denn die Behandlung ab?

Die Behandlung richtet sich zuerst nach der Ursache der Herzschwäche. Es gibt Herzschwäche, bei der die Ursache behandelt werden kann. Beispielsweise ein Herzklappenfehler, der operativ beseitigt werden kann. Oder eine Durchblutungsstörung, die durch einen Kathetereingriff oder eine Bypass-Operation behoben werden kann. Dann kann sich das Herz ganz oder teilweise wieder erholen. Aber häufiger liegen Gründe für eine Herzschwäche vor, die ursächlich nicht mehr beseitigt werden können. Beispielsweise wenn bei einem Herzinfarkt viel Herzmuskelgewebe zerstört wurde. Dann versucht man das Herz durch Medikamente zu entlasten, damit es besser pumpen kann. Dazu gibt es in den letzten Jahren sehr große Fortschritte, die gut wirksam sind und zu einer Lebensverlängerung führen.

Das heißt, eine Operation ist eigentlich nicht nötig?

Nein, eine Operation kann nur bei ganz bestimmten Ursachen helfen.

All das hat ja sicherlich auch Konsequenzen für den künftigen Lebensstil des Patienten, oder?

Richtig, man muss seinen Lebensstil schon darauf einstellen. Aufgrund seiner Leistungsschwäche macht der Patient das schon von selbst, trotzdem rät man durchaus zu einer moderaten sportlichen Betätigung. In erster Linie ist es aber wichtig, dass der Patient die verordneten Medikamente regelmäßig einnimmt und an seinen Risikofaktoren arbeitet. Die Risikofaktoren Übergewicht und Rauchen hat der Patient selbst im Griff.

Durch eine Herzschwäche wird die Lebenserwartung deutlich gesenkt

Wie viele Patienten werden jährlich in der Kerckhoff-Klinik wegen Herzschwäche behandelt?

Im Herzzentrum der Kerckhoff-Klinik sehen wir mindestens 2000 Patienten mit Herzmuskelschwäche pro Jahr. Wenn die Diagnose gestellt ist, dann ist die Prognose ähnlich wie bei einer Krebserkrankung: 50 Prozent sind nach fünf Jahren verstorben. Das wird häufig unterschätzt.

Können Sie das bitte präzisieren?

Die Lebenserwartung - nachdem die Diagnose Herzinsuffizienz gestellt worden ist - ist leider nicht sehr gut. Es muss damit gerechnet werden, dass die Hälfte der Patienten nach fünf Jahren nicht mehr lebt. Allerdings können wir die Lebenserwartung heute mit den modernen Medikamenten deutlich verbessern, aber es ist und bleibt eine ernst zu nehmende Erkrankung. Die Prognose hängt aber auch entscheidend von der Ursache der Herzschwäche ab.

Aber bei einer Herzmuskelentzündung ist die Lebenserwartung besser, oder?

Vorausgesetzt sie heilt komplett aus, dann ist die Lebenserwartung gut. Die Herzmuskelentzündung kann aber auch nicht ausheilen, bis hin dazu, dass das Herz vollständig versagt und nur eine Herztransplantation oder das Kunstherz als Möglichkeit bleibt.

Herzwochen setzen Herzschwäche auf die öffentliche Agenda

Der Prozess der Heilung eines Herzmuskels ist nicht innerhalb, sagen wir mal, eines halben Jahres erledigt?

Die Herzmuskelschwäche wird den Patienten lebenslang begleiten. Nur bei einigen Ursachen, wie beispielsweise nach einer Herzmuskelentzündung, können wir auf eine gewisse Heilung hoffen. Zwei Gefahren drohen, wenn die Diagnose einer Herzschwäche gestellt wird: Erstens, dass die Schwäche unaufhaltsam fortschreitet und der Patient an Herzversagen verstirbt. Zweitens ist der Patient durch lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen bedroht. Wir sprechen dann vom plötzlichen Herztod. Für beides haben wir in der modernen Medizin aber Antworten. Das Fortschreiten des Pumpversagens kann durch Medikamente aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden. Gefährliche Herzrhythmusstörungen, meist das sogenannte Kammerflimmern, können bei ausgesuchten Risikopatienten durch den Einbau eines sogenannten Defibrillators, der die Rhythmusstörung durch einen kurzen Stromschlag beseitigt, behandelt werden und den Patienten überleben lassen.

Es sind auch schon Menschen auf dem Sportplatz umgefallen, weil sie keine entsprechende Diagnose gehabt hatten.

In der Tat wird manchmal die Diagnose erst nach einem Wiederbelebungsereignis gestellt, weil der Patient bis dahin keine oder nur sehr geringe Symptome wie zum Beispiel Luftnot hatte. Wir würden uns wünschen, dass die Diagnose früher gestellt wird. Das ist der Grund, dass das Thema Herzschwäche jetzt im Rahmen der Herzwochen der Deutschen Herzstiftung zum Thema gemacht wurde. (Interview: Christoph Agel)

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