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Herzmuskelentzündungen sind eine offizielle Nebenwirkung bei mRNA-Impfstoffen. Sie treten jedoch sehr selten auf, sagt Prof. Christian Hamm.

Corona und die Folgen

Herzmuskelentzündung nach Corona-Impfung? Gießener Experte: Kommt »extrem selten« vor

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Herzmuskelentzündungen sind nicht neu. Seit Corona haben sie jedoch eine neue Bedeutung gewonnen. Vor allem Impfskeptiker äußern die Sorge, durch den Pieks zu erkranken. Ausgeschlossen ist das nicht, aber extrem selten, sagt Prof. Christian Hamm von der Uniklinik. Covid-19 verursache diese Krankheit viel häufiger.

60 Prozent der Deutschen sind vollständig gegen das Corona-Virus geimpft. Eine Herdenimmunität ist damit noch nicht erreicht. Um die Pandemie einzudämmen, müssten laut Weltgesundheitsorganisation mindestens 80 Prozent der Deutschen geimpft werden. Es gibt aber einen Anteil der Bevölkerung, der sich nicht impfen lassen will. Unter anderem die Sorge vor einer Myokarditis, also einer Herzmuskelentzündung, wird als Grund für die Ablehnung genannt. In der Tat können Herzmuskelentzündungen nach Impfungen auftreten, sagt Prof. Christian Hamm, Direktor der Medizinischen Klinik I am UKGM (Kardiologie/Angiologie). »Aber das ist extrem selten.«

Kaum Frauen und Ältere betroffen

Laut Hamm sind bisher am Uniklinik bzw. an der Kerckhoff Klinik drei Patienten mit einer Herzmuskelentzündung gesehen worden, bei denen der Verdacht nahe gelegen hat, dass die Impfung Auslöser für die Erkrankung gewesen ist. Es sei aber auch nicht ausgeschlossen, dass eine vorherige, unentdeckte Covid-Infektion die Myokarditis verursacht hat. »Die Fälle sind alle harmlos verlaufen und konnten ambulant behandelt werden«, sagt Hamm. Wobei eine spezielle Behandlung gar nicht nötig gewesen sei, in der Regel heile die Entzündung von alleine aus. »Dann reicht Schonung«, sagt Hamm und fügt an, dass auch keine Langzeitfolgen zu erwarten seien.

Die Wahrscheinlichkeit, durch eine Impfung eine Myokarditis zu erleiden, ist laut Hamm also sehr klein - besonders bei Frauen. Denn groß angelegte Studien in den USA und Israel, bei denen über drei Millionen Geimpfte nachuntersucht worden sind, hätten ergeben, dass 75 Prozent aller Menschen, die in der Folge an einer Herzmuskelentzündung erkrankten, junge Männer unter 40 Jahren waren. « Bei über 50-Jährigen tritt es so gut wie gar nicht auf«, sagt Hamm.

Im Schnitt drei Gießener betroffen

Auch die drei Patienten am UKGM und der Kerckhoff Klinik seien männlich und unter 40 Jahren alt gewesen. Warum das so ist, sei noch unklar, sagt Hamm. Womöglich habe es etwas damit zu tun, wie das Immunsystem bei jüngeren Männern auf die Viruslast reagiere. Herzmuskelentzündungen, die nicht aus einer Impfung resultieren, gingen hingegen durch alle Altersklassen. Den vorliegenden Studien zufolge tritt eine Myokarditis infolge einer Impfung also äußert selten auf. »Bei 100 000 Impfungen sind im Schnitt drei bis vier Männer betroffen und eine ›halbe‹ Frau«, sagt Hamm. Würden sich alle Bewohner Gießens impfen lassen, wären das zwei oder drei Erkrankte.

Herzmuskelentzündungen seien bei vielen Krankheiten zu beobachten. Oft würde das aber gar nicht oder lediglich zufällig bei einer Kernspintomografie entdeckt. Auch bei einer Covid-19-Infektion trete eine Myokarditis mitunter auf, sagt Hamm. »Und das deutlich häufiger als nach einer Impfung.« Selbst das Risiko, an Corona zu sterben, sei höher, als von einer Impfung eine Herzmuskelentzündung davonzutragen, betont Hamm und fügt an: »Wir kennen keinen Todesfall durch eine Myokarditis im Zusammenhang mit einer Impfung.«

Für einen Großteil der Menschen, die sich nach der Impfung trotzdem Sorgen machen, ihr Herzmuskel könnte sich entzünden, hat Hamm noch weitere Entwarnungen parat.

Zum einen betreffe die Thematik lediglich mRNA-Impfstoffe, also Biontech und Moderna. Zum anderen trete die Myokarditis in der Regel wenn überhaupt wenige Tage nach der zweiten Impfung auf. »Zwei Wochen später besteht praktisch keine Gefahr mehr.«

Zur Person

Christian Hamm ist nicht nur Direktor der Medizinischen Klinik I, Kardiologie/Angiologie des UKGM, sondern auch Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der Abteilung Kardiologie der Kerckhoff Klinik in Bad Nauheim. Von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie ist Hamm für seine Verdienste um Herzen und Gefäße mit den goldenen Ehrennadel ausgezeichnet worden.

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