Mediziner der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim, des Gesundheitszentrums Wetterau und der Uniklinik Gießen befassen sich gemeinsam mit dem Problem, dass sich herzchirurgische Eingriffe auf das Gedächtnis auswirken und epileptische Anfälle auslösen können.
+
Mediziner der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim, des Gesundheitszentrums Wetterau und der Uniklinik Gießen befassen sich gemeinsam mit dem Problem, dass sich herzchirurgische Eingriffe auf das Gedächtnis auswirken und epileptische Anfälle auslösen können.

Herz-OPs

Nebenwirkungen nach Herz-OP: Auswirkungen auf Gedächtnis und epileptische Anfälle - Mediziner gehen Problem nach

  • vonRedaktion
    schließen

Mediziner der Klinik für Neurologie am Uniklinikum Gießen, des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW) und der Abteilung für Herzchirurgie der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim forschen zum Zusammenhang zwischen Eingriffen am Herzen und postoperativen neurologischen Störungen.

Bad Nauheim - Ein Eingriff am offenen Herzen war noch vor wenigen Jahrzehnten ein nicht ungefährliches Unterfangen. Das Risiko, Hirnschäden durch Sauerstoffmangel, Schlaganfälle, Blutgerinnungsstörungen oder Infektionen zu erleiden, sei im Vergleich zu heute hoch gewesen, heißt es in einer Pressemitteilung der Kerckhoff-Klinik. »Durch die stetigen technischen Verbesserungen der Herz-Lungen-Maschinen (HLM), der Narkose- und der Operationstechniken sind diese Eingriffe heute so sicher geworden, dass sie auch von hochbetagten Patienten gut vertragen werden.«

Prof. Markus Schönburg, leitender Oberarzt der Abteilung für Herzchirurgie und Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft der Kerckhoff-Klinik, erläutert dazu: »Heute überleben nahezu alle Patienten diese schwerwiegenden Eingriffe, allerdings müssen wir heute unseren Fokus auf andere Nebenwirkungen legen.«

Herz-OP: Luftfilter spielt positive Rolle

Sehr alte Patienten leiden laut Kerckhoff-Mitteilung in den ersten Stunden und Tagen nach dem Eingriff häufig unter vorübergehenden Orientierungsstörungen, die als postoperatives Delir bezeichnet würden. »Diese passageren Funktionsstörungen des Gehirns führen zu Verwirrtheit und Halluzinationen und erfordern ein hohes Maß an pflegerischer Zuwendung und nicht selten auch den vorübergehenden Einsatz von Psychopharmaka. Zudem seien Störungen des Gedächtnisses auch nach Abklingen des Delirs nachweisbar und würden von Patienten und Angehörigen teilweise noch Jahre später als störend wahrgenommen.

»Die Ursachen dieser Delirien und der langfristigen Gedächtnisstörungen sind vielfältig und noch weitgehend unerforscht«, sagt Neurologe Prof. Tibo Gerriets, der zusammen mit Schönburg die »Heart & Brain Research Group«, eine seit dem Jahr 2000 bestehende Forschungskooperation zwischen der Kerckhoff-Klinik und der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Gießen, leitet.

»Einige Aspekte hat unser Team inzwischen aufklären und beseitigen können. So hat der Einbau spezieller Luftfilter in die Herz-Lungen-Maschine zu einer signifikant besseren Gedächtnisleistung geführt. Von unserer Arbeitsgruppe eigens entwickelte und speziell auf die Bedürfnisse dieser Patientengruppe abgestimmte neuropsychologische Trainingsverfahren könnten zudem die Langzeitfolgen lindern«, erklärt Gerriets. »Aktuell verfolgen wir den Ansatz, das Gedächtnis der Patienten bereits vor der Operation zu trainieren, um Folgeschäden zu minimieren.«

In einem weiteren gemeinsamen Projekt werden auch Untersuchungen zum Neurotransmittermetabolismus durchgeführt, die altersabhängig eingeschränkt zu sein scheinen. »Im speziellen sollen Screening-Methoden evaluiert werden, um schon präoperativ das Risiko für das Auftreten des postoperativen Delirs einschätzen zu können«, sagt Prof. Yeong-Hoon Choi, Direktor der Abteilung für Herzchirurgie.

Herz-OP: Versteckte epileptische Anfälle

Einen weiteren Aspekt verfolgt die Arbeitsgruppe mit einer groß angelegten EEG-Studie. Unter der Leitung von Privatdozent Patrick Schramm (Uniklinik Mainz) und Privatdozentin Dr. Marlene Tschernatsch (Neurologische Praxis am Hochwaldkrankenhaus, Bad Nauheim) leitete die Arbeitsgruppe bei 100 Patienten in den ersten 24 Stunden nach dem Eingriff dauerhaft Hirnströme ab. »Aus klinischen Beobachtungen wussten wir bereits, dass Patienten gelegentlich in der Aufwachphase nach dem Eingriff unter epileptischen Anfällen leiden«, erläutert Schramm. »Unklar war jedoch, ob es auch unbeobachtete, sogenannte ›non-konvulsive‹ Anfälle gibt, die man von außen nicht wahrnehmen kann.«

Die Messungen der Hirnstromkurve, das EEG in der Aufwachphase der Patienten, hätten diese nun nachgewiesen, teilt die Kerckhoff-Klinik mit. »Zur großen Überraschung der Forscher zeigten sich bei 33 Prozent der Patienten EEG-Auffälligkeiten und bei neun Prozent tatsächlich unbeobachtete epileptische Anfälle.«

Herz-OP: Geplante Studie über Arzneimittel

Tschernatsch: »Dieses Ergebnis hat unsere Erwartungen weit übertroffen, zudem stimmt die beobachtete Gruppe der Patienten mit Anfällen recht genau mit der Patientengruppe überein, die im weiteren Verlauf an einem Delir leidet, was nahelegt, dass die Anfallsaktivität maßgeblich zur Ausbildung eines Delirs beitragen könnte. Das wäre eine völlig neue Spur.«

Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts sind unlängst im international renommierten Fachblatt »Intensive Care Medicine« zur Publikation angenommen worden. Im nächsten Schritt soll laut Forscherteam geprüft werden, ob Anfälle auch für die langfristigen Gedächtnisstörungen mitverantwortlich sind. Daran anschließend sei eine Arzneimittelstudie geplant, bei der man testen wolle, ob die vorbeugende Gabe von Medikamenten, die zur Behandlung der Epilepsie eingesetzt werden, Anfälle, Delirien und Gedächtnisstörungen nach operativen Eingriffen am Herzen verhindern könne.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare