1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Bad Nauheim

Stadt Bad Nauheim rechnet mit vielen Kriegsflüchtlingen – und richtet Appell an Helfer

Erstellt:

Von: Bernd Klühs

Kommentare

Sehr viele Ukraine-Flüchtlinge kommen dieser Tage am Hauptbahnhof in Frankfurt an und werden dann auf die hessischen Kommunen verteilt. Auch Bad Nauheim rechnet mit einem großen Zustrom.
Sehr viele Ukraine-Flüchtlinge kommen dieser Tage am Hauptbahnhof in Frankfurt an und werden dann auf die hessischen Kommunen verteilt. Auch Bad Nauheim rechnet mit einem großen Zustrom. © Boris Roessler/dpa

Angesichts des Ukraine-Krieges sieht die Stadtverwaltung erneut eine Herausforderung auf Bad Nauheim zukommen. Eine ähnliche Lage wie in der Flüchtlingskrise 2015/16 wird aber nicht befürchtet.

Eigentlich ging es in der Bad Nauheimer Trinkkuranlage um den Kita-Bedarfsplan. Doch eine kurze Bemerkung des CDU-Stadtverordneten Albert Möbs reichte aus, um die Diskussion im Sozialausschuss in eine ganz andere Richtung zu lenken. Der Christdemokrat hatte gefragt, ob es angesichts der angespannten Situation bei den Plätzen in Tagesstätten genügend Kapazitäten für die Betreuung von Kindern aus der Ukraine gebe. »Anders als beim Flüchtlingszustrom vor ein paar Jahren kommen diesmal vor allem Frauen mit Kindern«, sagte Möbs.

In seiner Antwort hielt sich Jochen Mörler, Fachbereichsleiter für Soziales, bedeckt, denn es handele sich um Spekulation. »Da liegt die nächste Glaskugel auf dem Tisch. Es ist schwer zu sagen, wie sich die Lage entwickeln wird.«

Grundsätzlicher und konkreter - weit über das Thema Kita hinaus - wurde Erster Stadtrat Peter Krank. Das durch die Flüchtlingswelle aus der Ukraine nahende Problem sei »aufgeploppt«. »Wir haben uns bereits vor zwei Wochen mit dem Thema befasst, in enger Abstimmung mit dem Kreis. Jetzt müssen wir jeden Tag schauen, was passiert«, sagte der Sozialdezernent. Bei Kita-Plätzen und Wohnraum gebe es in Bad Nauheim fast keinen Spielraum. »Trotzdem müssen und werden wir uns der Herausforderung stellen.«

Geflüchtete aus der Ukraine: Kein Anerkennungsverfahren

Eine Aussage, die Alexander Freiherr von Bischoffshausen (CDU) zu Zwischenbemerkungen veranlasste. Der entscheidende Punkt sei, ob es genügend kommunale und private Quartiere für Ukrainer gebe. »Mit der Situation von 2015 ist das vermutlich nicht vergleichbar. Die Flüchtlinge von damals finden bis heute kaum Wohnungen auf dem freien Markt«, sagte von Bischoffshausen. Die Menschen aus der Ukraine könnten sich von Anfang an frei bewegen und Arbeit suchen. Ein langwieriges Anerkennungsverfahren bleibe ihnen erspart.

Das bestätigte der Erste Stadtrat. Die ersten Kriegsflüchtlinge seien in Bad Nauheim eingetroffen. Alles lasse sich unbürokratisch regeln. Die Menschen meldeten sich im Bürgerbüro, dort werde ihnen der Zugang zu finanziellen Leistungen des Kreises und zur Krankenversicherung ermöglicht. »Die Kinder wurden sofort in der Schule angemeldet«, berichtete Krank.

Geflüchtete aus der Ukraine: 250 hilfsbereite Vermieter in Bad Nauheim

Der große Unterschied zu 2015: Es herrsche große Bereitschaft, diese Menschen aufzunehmen. Zudem hätten einige Flüchtlinge persönliche Beziehungen zu Leuten, die in der Stadt lebten. Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Bad Nauheim kommen, werde deutlich steigen - das sei klar. Eine genaue Prognose könne nicht gestellt werden.

Neben der Betreuung der Kinder in Kitas und Schulen werde die Unterbringung die größte Herausforderung. Krank setzt dabei auf die »ungeheure Hilfsbereitschaft«, die zu spüren sei. So hätten sich bereits 250 Menschen aus der Wetterau gemeldet, die Wohnungen zur Verfügung stellen wollten. Das private Engagement werde aber mit Sicherheit nicht ausreichen, um alle Flüchtlinge einzuquartieren.

»Bei der Welle, die auf uns zurollt, werden wir an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen«, prognostizierte der Dezernent. Zumal die städtische Wohnungsbau-Gesellschaft aufgrund des angespannten Markts nicht so effektiv helfen könne wie 2015. Gleichwohl werde die Stadt alles daransetzen, um bei der bewährten Linie zu bleiben: Alle Flüchtlinge sollen möglichst dezentral untergebracht werden. Die Einquartierung in Großunterkünften wollte Krank allerdings nicht ausschließen.

Appell: Keine Sachspenden mehr

Insgesamt zeigte er sich zuversichtlich, die Herausforderung meistern zu können. Im Gegensatz zu den Flüchtlingen, die vor Jahren eingetroffen seien, kämen Menschen aus der Ukraine besser mit den hiesigen gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten zurecht. Deshalb seien möglicherweise keine Integrationslotsen erforderlich. Wichtig seien Sprachkurse, Angebote würden entwickelt.

Krank richtete eine Bitte an die Bad Nauheimer Bevölkerung. Die enorme Menge an Sachspenden bringe alle Verantwortlichen in gewaltige Schwierigkeiten. »Das kann nicht abgearbeitet werden, diese Spenden werden auch nicht abgerufen.« Er appellierte dringend, Geld zu spenden.

Flüchtlingswelle 2015 in der Wetterau: Ausnahmezustand im Rathaus

Der Flüchtlingsstrom, der 2015/ 2016 vor allem aufgrund der Kriege in Syrien und Afghanistan nach Deutschland hereinschwappte, sorgte im Bad Nauheimer Rathaus für einen Ausnahmezustand. Die Beschäftigten vieler Abteilungen arbeiteten über Monate an der Grenze der Belastbarkeit. Im Sommer 2015 zeigten sich in Bad Nauheim erste Anzeichen einer großen Herausforderung. Im Herbst spitzte sich die Lage dramatisch zu. Obwohl letztlich fast 40 städtische Wohnungen mit Flüchtlingsfamilien belegt wurden, war der Plan, alle Asylbewerber dezentral unterzubringen, nicht ganz zu erfüllen. Anfang 2016 mussten 60 Flüchtlinge im Sportheim in der Hauptstraße einquartiert werden: In »Gitterkäfigen«, die viele Beteiligte als menschenunwürdig empfanden.

Die Wobau wurde beauftragt, Immobilien anzukaufen oder anzumieten und dort Wohnungen einzurichten. Genutzt wurden zum Beispiel das ehemalige Gasthaus »Zum Taunus« in der Altstadt oder das Gebäude des früheren Rosenanbau-Betriebs Gönewein in Steinfurth. Überlegungen, auch die alte Therme, die damals noch stand, das Wobau-Hochhaus in der Dieselstraße oder Sporthallen zu belegen, mussten nicht realisiert werden. Die Höchstzahl der Flüchtlinge lag letztlich bei etwa 350. Befürchtungen, deren Zahl werde sich auf 700 erhöhen, erwiesen sich als falsch, da die Zuweisungen 2016 deutlich zurückgingen.

Kriegsflüchtlinge in der Wetterau: Stimmung wandelte sich

Auch damals wurden die Kriegsflüchtlinge und andere Asylbewerber anfangs mit sehr viel Hilfsbereitschaft empfangen. Im Lauf der Monate wandelte sich die Stimmung allerdings. Vor allem in den sogenannten Sozialen Medien, aber auch in anderen Äußerungen trat viel Rassismus und Menschenfeindlichkeit zutage. Es war nicht möglich, für den Großteil der Flüchtlinge, die in Bad Nauheim blieben, Wohnungen auf dem freien Markt zu finden. Viele Eigentümer lehnten es ab, an Asylbewerber zu vermieten. Zudem durften sich diese Menschen erst nach dem langwierigen Anerkennungsverfahren eine Arbeit suchen. »Noch heute betreuen wir etwa 200 Flüchtlinge aus dieser Zeit, die sich fast alle gut integriert haben«, sagt Erster Stadtrat Peter Krank.

Die Situation von damals sei kaum mit der aktuellen Lage zu vergleichen. Zwar rechnet Krank mit vielen Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine, die aber deutlich bessere Voraussetzungen hätten, um sich schnell in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden. (Bernd Klühs)

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine löst auch in Hessen Betroffenheit aus. Die Landesregierung und die hessischen Landkreise sind offen für Menschen, die die Ukraine verlassen müssen.

Auch interessant

Kommentare