Die letzten Platten werden verlegt, am Montag endet die Leidenszeit für die Geschäftsleute in der unteren Hauptstraße.
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Die letzten Platten werden verlegt, am Montag endet die Leidenszeit für die Geschäftsleute in der unteren Hauptstraße.

Hauptstraße: Umsatz im Keller

Bad Nauheim (cor/bk). Seit 1966 gibt es Nowak & Peichl in der Bad Nauheimer Hauptstraße 4. Normalerweise machen die Spezialisten für Radio-, Fernseh- und Elektrotechnik Gewinn. 2014 sind rote Zahlen zu erwarten. "Wir haben einen Verlust von 200 000 Euro", sagt Geschäftsführer Arnold Peichl. Schuld daran sei die Baustelle, die Kunden und Lieferanten die Anfahrt verwehre. Auch andere Geschäftsleute klagen.

Bereits die Bauarbeiten weiter oben in der Hauptstraße hätten Spuren hinterlassen. "Schon da haben wir Umsatzeinbußen gespürt", meint Peichl. Kunden und Lieferanten hätten das Geschäft nicht mehr anfahren können. "Eine Frau versuchte mehrmals, eine Parkmöglichkeit zu finden", erzählt der Inhaber. Schließlich habe sie aufgegeben, einen anderen Händler aufgesucht. Kein Einzelfall: Ein großer Teil der Kunden habe sich anderweitig orientiert. Ohnehin seien die Leute nicht bereit, lange Strecken zu laufen. Zudem sei es nicht möglich, Waschmaschine oder Fernseher über die Baustelle zu transportieren. Ob die Kunden wiederkommen, bleibe abzuwarten. Für die Instandsetzung hat Peichl Verständnis. "Aber muss es wirklich so lange dauern, einen solch kleinen Abschnitt zu sanieren?" Die Stadt sagt Ja, am Montag werde die Straße wieder geöffnet. An manchen Tagen sind nach Aussage des Geschäftsmanns nur drei Bauarbeiter dagewesen. Trotzdem macht er der Firma keinen Vorwurf, die Beschäftigten seien sehr hilfsbereit gewesen. "Schuld sind die Leute, die die Verträge machen."

Auf die Stadt sind auch Heidi und Andreas Hölzel in ihrem Foto-Hölzel-Laden nicht gut zu sprechen. "Um uns hat sich in all der Zeit niemand gekümmert." Hölzel hatte sich im Rathaus gemeldet, unter anderem seien ältere Kunden mit Rollatoren im Kies stecken geblieben. An der Situation habe das nichts verändert. Die Arbeiten seien teilweise sehr schleppend vorangegangen. Weil Baufahrzeuge abgestellt und Materialien gelagert wurden, seien auch die letzten 15 Parkplätze an der Ecke Hauptstraße/Kurstraße entfallen. Lief im Fernsehen WM-Fußball, sei die Baustelle früh am Nachmittag "betriebsbedingt" geschlossen worden. "Das alles ist für uns nicht nachvollziehbar." Der Fotoladen habe ebenfalls hohe Einbußen zu verzeichnen. "Gerade samstags war es sehr ruhig."

In der Bäckerei Stark (Café Bienenkorb) wurden laut Geschäftsleitung seit Eröffnung der Baustelle nur noch zehn Prozent des normalen Umsatzes verbucht. Längst hat Konditormeister Georg Stark die Produktion runtergefahren. "Das Terrassengeschäft hat gar nicht stattgefunden", sagt Stark. An manchen Tagen seien gerade mal 300 Euro in der Kasse gewesen. Backwaren hätten abends entsorgt werden müssen. Die Belieferung der Filialen sei problematisch gewesen. "Ohne Parkmöglichkeit mussten wir teilweise zwei Stunden zum Auto hin und zurück laufen, bis wir die Ware ausfahren konnten." Wegen der fehlenden Stellplätze seien auch Stammkunden weggeblieben. "Viele kaufen um 7 Uhr belegte Brötchen und Kaffee, Autofahrer zählen zu den wichtigsten Kunden." Selbst in der Vorweihnachtszeit seien die Parkplätze durch Material belegt gewesen, obwohl die Baustelle weiter oben in der Straße seit November ruhte.

Wie alle Geschäfte haben auch die Café-Betreiber mit Einbußen gerechnet. Das Resultat sei aber schlimmer als erwartet, habe an den Nerven gezerrt. Doch Stark blickt optimistisch in die Zukunft. Am Montag soll die Straße frei gegeben werden. Er hat neue Tische und Stühle bestellt, wird direkt mit der Außenbewirtung starten. "Ich bin gespannt, wie das angenommen wird, hoffentlich spielt das Wetter mit."

"Die Hauptstraße war keine einfache Baumaßnahme", sagt Jürgen Patscha, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung, der den Ärger der Geschäftsleute ein Stück weit verstehen kann. In dieser Straße sei nicht so viel Platz wie etwa in der Parkstraße, deshalb habe abschnittsweise komplett gesperrt werden müssen. Laut Patscha hat es zwar technische Schwierigkeiten und gewisse Organisationsprobleme bei der Baufirma gegeben, letztlich sei der Zeitplan – Abschluss Ende August – aber eingehalten worden. "Die Kosten liegen sogar etwas unter der Kalkulation", sagt der Fachbereichsleiter. 2,1 Millionen Euro hatte die Stadt für alle Abschnitte veranschlagt.

Was den Zeitplan angeht, hatten die Verantwortlichen ursprünglich allerdings andere Erwartungen. Eigentlich sollte das Teilstück zwischen Kreuzung Karlstraße/Hauptstraße und der Kurstraße bereits Ende Juni fertig sein. Anfang Juli hatte ein Mitarbeiter der Stadt gegenüber der WZ erklärt, es sei zu Verzögerungen gekommen, nicht zuletzt durch Probleme mit den Gas- und Kanalrohren. Neues Ziel sei es, das Projekt Ende August abzuschließen. Das ist gelungen. "Wir können nicht alles auf den Straßenbau schieben. Die Stadtwerke waren auch beteiligt und mussten entgegen der ursprünglichen Planung alles neu verlegen", erklärt Patscha.

Um die Probleme der Anlieger habe sich das Rathaus sehr wohl gekümmert. Täglich seien Mitarbeiter vor Ort gewesen. "Dadurch wurden auch manche Fehler bei der Bauausführung entdeckt und schnell bereinigt", sagt der Fachbereichsleiter. Bis zum Herbst soll noch der Kurstraßen-Abschnitt zwischen Hauptstraße und Ernst-Ludwig-Ring saniert werden. Patscha zufolge weniger problematisch, weil es dort keine Anwohner gibt. (bk)

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