In jedem Jahrhundert zu Hause: So überzeugt das Calmus-Ensemble beim Konzert in der Trinkkuranlage (v. l.) Anja Pöche, David Erler, Friedrich Bracks, Mitbegründer Ludwig Böhme und Manuel Helmeke. FOTO: HMS
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In jedem Jahrhundert zu Hause: So überzeugt das Calmus-Ensemble beim Konzert in der Trinkkuranlage (v. l.) Anja Pöche, David Erler, Friedrich Bracks, Mitbegründer Ludwig Böhme und Manuel Helmeke. FOTO: HMS

Harmonie schillernder Klangfarben

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim(hms). Die einen mögen Gregorianik, die anderen Barock oder den Überschwang der Romantik. Wer sich im Rahmen der städtischen Kammerkonzertreihe auf das Programm des weltweit gefeierten und preisgekrönten Vokalensembles aus Leipzig einließ, wurde am Ende mit etwas Modernem überrascht: Mit einem eigens für Calmus komponierten Werk im "Surround-Klang".

Man schließt die Augen und stellt sich Notre Dame vor: Der 1000 Jahre alte gregorianische Gesang der Schola im halligen Gotikbau. Es erklingen klar die Stimmen Sopran, Altus, Tenor und Bariton im Kyrie. Einmal im Original und in der ersten vollständig überlieferten vierstimmigen Messe der Musikgeschichte von Guillaume de Machaut. Den Hall muss man sich dazudenken bei diesem Konzert, denn der große Saal der Trinkkuranlage verfügt über eine eher trockene Gesangsatmosphäre. Dass trotzdem jede Silbe zu verstehen war, jeder Klangnuance den Raum erfüllte und sogar das zarteste Pianissimo in der letzten Reihe ankam, war dem hervorragenden Ensemble zu verdanken.

Calmus - der Name entstand durch die Anfangsbuchstaben der Gründernamen 1999 - ist ein Quintett von höchster Güte. Von Anfang an dabei ist Bariton Ludwig Böhme, seit 2001 die Sopranistin Anja Pöche, später kamen dazu Manuel Helmeke, Bass, der Countertenor David Erler und vor Kurzem der Tenor Friedrich Bracks. Die Männer waren bei den Thomanern und den Windsbachern, auch Konzertsängerin und Gesangspädagogin Anja Pöche lebt Gesang von klein auf.

Krasse Rhythmen

Homogenität, Präzision, Leichtigkeit, eine Klangkultur, die fasziniert und immer wieder überrascht in der Abwechslung der Stil- und Interpretationsvielfalt.

Bei Calmus geht es um Empfinden, um Vermittlung der gesungenen Wortes, um die Harmonie der Klangfarben. Ob der weiche klare Sopran von Anja Pöche sich über den warmen Klangteppich der Männerstimmen legte oder sich die Stimmen in den Fugen aufbauten, sich im Text überlagerten, um zum Unisono wieder zusammenzuklingen: keine Stimme drängte sich hervor, keine wurde verschluckt. Krasse Rhythmen und ein erzählender durchkomponierter Text ist noch in der "Ecclesiae militantis" zur Krönung Papst Eugens IV. zu finden. Doch bereits bei Palestrinas Gloria aus dem 16. Jahrhundert verschmelzen fließend die Harmonien. Kaskadenartig plätschert der Gesang. "Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn" aus Johann Herrmann Scheins "Israelsbrünnlein" und in der Bach-Motette "Lobet den Herrn alle Heiden" hüpfen die barocken Koloraturen. Johann Christoph Altnikol verleiht mit "Nun danket alle Gott" dem Wort eine tiefe Bedeutung. Andächtig und bescheiden trug es das Quintett vor.

Ihre Reise setzten sie in der Romantik ausdrucksstark mit Johann Gottfried Schichts "Die mit Tränen säen" und dem Magnifikat op. 69/3 von Mendelssohn Bartholdy fort.

Wechselgesang bestimmte "Jesus Kristus er opfaren" von Edvard Grieg, wobei der Bariton hinter dem Publikum stand. Danach überraschten sie mit einem gefühlvoll interpretierten 23. Psalm des Leipziger Kompositionsprofessors Wilhelm Weismann, der mit neuen Mitteln doch traditionell die Leipziger Schule fortsetzte. Und schließlich: "And why?", die Psalmvertonung von Bernd Franke. Ein faszinierendes Klangerlebnis, hervorgezaubert durch zufällige, individuelle Höreindrücke. Die fünf Singenden wandelten durch die bis auf den letzten Platz gefüllten Zuhörerreihen. Am stärksten war es, die Augen zu schließen und geradezu körperlich den vorbeiziehenden Ton im Zusammenklang mit den entfernteren Stimmen zu spüren.

Sehr dankbar für den lange vermissten herzlichen Applaus des Publikums sangen sie als Zugabe ein Abendlied, anrührend und zärtlich wie am Bett eines Kindes.

Die städtische Kammermusikreihe wird am Sonntag, 8. November, um 16 Uhr in der Trinkkuranlage mit dem Merian-Quartett und "Kostbarkeiten für Klarinette und Streicher" fortgesetzt.

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