Die 59-jährige Frau ist im März 2018 in Höhe der Tennisplätze (rechts des Weges) angegriffen worden. ARCHIVFOTO: ROHDE
+
Die 59-jährige Frau ist im März 2018 in Höhe der Tennisplätze (rechts des Weges) angegriffen worden. ARCHIVFOTO: ROHDE

29 Monate Gefängnis

Haftstrafe nach Vergewaltigung im Bad Nauheimer Kurpark

  • vonHedwig Rohde
    schließen

Mit einer Verurteilung zu 29 Monaten Jugendstrafe hat das Jugendschöffengericht Friedberg nach einem Indizienprozess einen sexuellen Angriff im Kurpark Bad Nauheim im März 2018 geahndet.

Schon am ersten der insgesamt zwei Verhandlungstage hatte die Frage im Raum gestanden, ob der Angeklagte wirklich der Täter ist. Anthony Marquez (Name geändert), in Lich geborener farbiger US-Amerikaner, hatte in der Nacht mit Freunden in Bad Nauheim gefeiert, die ihn als ruhigen, offenen und kommunikativen Kumpel beschrieben. Nach 4 Uhr am Morgen des 18. März 2018 machte er sich auf seinen Fußweg zurück nach Friedberg.

Im Bad Nauheimer Kurpark, nahe den Tennisplätzen, will er gegen 5.20 Uhr Hilferufe einer Frau gehört haben, dann einem weglaufenden Mann nachgerannt sein, den er auf einem Richtung Johannisberg führenden Fußweg erst zu fassen bekam und doch loslassen musste. Danach folgte er dem Opfer, der damals 59-jährigen Eden Abraham (Name geändert), die sich mit derangierter Kleidung und traumatisiert zu ihrer Arbeitsstelle schleppte, wo Kolleginnen sich um sie kümmerten und die Polizei verständigten. Abraham hatte an ihrem Arbeitsplatz die Kolleginnen durch panische Rufe "Schwarzer Mann, schwarzer Mann!" alarmiert, was dazu führte, dass die Frauen vor dem herankommenden Marquez die Tür verschlossen. Auch die bald eintreffenden Polizisten hielten den jungen Mann zunächst für den Täter - solange, bis Abraham auf eine direkte Frage antwortete, nein, der sei es nicht gewesen.

Zwei Tage später, bei der polizeilichen Vernehmung, gab sie ihre Vermutung zu Protokoll, er könne es doch gewesen sein. Fakt ist: Das Gesicht des Täters hat sie nicht gesehen, nur eine "schwarze Hand", die ihr den Mund zuhielt.

Kleidung spricht gegen Täterschaft

Mit dem nunmehrigen Zeugen Marquez gingen die Polizisten am Tatmorgen auf Spurensuche, soweit das bei Dunkelheit und starkem Schneefall möglich war. Marquez führte sie ohne Zögern zu der Stelle, wo er mit einem weiteren Mann gerangelt haben will und wo der Schnee auch auf mehreren Quadratmetern plattgetreten war. Seine adrette Kleidung einschließlich sauberer weißer Turnschuhe fiel den Beamten auf, ein deutlicher Kontrast zum Opfer, dessen Kleidung völlig verschmutzt und nass war.

Nach Ansicht von Rechtsanwalt Jürgen Häller spricht die ordentliche Kleidung ebenso gegen eine Täterschaft des Angeklagten wie dessen bisherige Unbescholtenheit, sein zielstrebiges Bemühen nach Schulabschlüssen, Ausbildung und Beschäftigung und ganz allgemein sein stets ruhiges, freundliches und zuvorkommendes Wesen.

Y-Chromosom spielt entscheidende Rolle

Auch Staatsanwalt Alexander Hahn räumte in seinem Plädoyer ein, dass Marquez in keiner Weise der Vorstellung von einem Mann entspreche, der ein solch "widerliches, abscheuliches Verbrechen" verübt haben könne.

Den Ausschlag für die Verurteilung dürfte neben der vom Opfer zitierten "schwarzen Hand" das Gutachten der Rechtsmedizin gegeben haben. Da die Vergewaltigung ziemlich schnell abgebrochen worden war, fanden sich beim Opfer nur geringe Spuren fremder DNA. Diese reichten nach Aussage der Rechtsmedizinerin nicht aus, um ein individuelles DNA-Profil zu erstellen.

Isolieren ließ sich das Y-Chromosom, und hieraus leitete die Expertin mithilfe einer 270 000 Datensätze umfassenden biostatistischen Datenbank die Erkenntnis ab, dass das an Abrahams Körper gefundene Y-Chromosom mit 11 000-mal höherer Wahrscheinlichkeit von Marquez oder einem in Vaterslinie Verwandten stamme als von einem nicht verwandten Mann.

Nach sechsstündiger Sitzung an diesem zweiten Verhandlungstag beantragte Staatsanwalt Hahn daraufhin eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten sowie wegen zu befürchtender Fluchtgefahr einen Haftbefehl, Verteidiger Jürgen Häller plädierte auf Freispruch.

Nach der Verurteilung - ein Haftbefehl wurde nicht erlassen - brach der 21-jährige Angeklagte, der bis dahin sehr ruhig geblieben war, zusammen. Sein Verteidiger kündigte an, Rechtsmittel einzulegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare