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Heftige Szenen

Haftstrafe nach Verfolgungsjagd am Bahnhof in Bad Nauheim

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Eine Verfolgungsjagd und Schüsse mitten in Bad Nauheim: Nach einem Vorfall 2017 am Bahnhof endete der Gerichtsprozess 2018 mit einem Freispruch. Nun wurde der Fall wieder aufgerollt.

Quietschende Reifen, Schüsse, eine Verfolgungsjagd - es muss eine unwirkliche Szene gewesen sein am Bahnhof in Bad Nauheim, als in der Nacht des 15. November 2017 der Streit zwischen zwei Wetterauern eskalierte. Wie sich das abgespielt hat, beschäftigte nun zum zweiten Mal ein Gericht. Angeklagt in dem Berufungsverfahren am Gießener Landgericht war ein Ober-Mörlener, der einen Friedberger mit dem Auto blockiert, verfolgt und gerammt haben soll. Das sah die vierte Strafkammer als erwiesen an und verurteilte ihn am Freitag wegen versuchter Nötigung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.

Das Friedberger Schöffengericht hatte den Mann aus Ober-Mörlen im September 2018 freigesprochen - wegen unklarer Beweislage. Zwar nahm die Polizei Unfall- und Schmauchspuren am Wagen des Friedbergers auf. Doch schilderten er und der Angeklagte die Ereignisse in der Novembernacht recht unterschiedlich. Auch die Aussage der Polizisten, die an jenem Abend im Dienst waren, konnte die Lage nicht aufklären. Zudem blieb ein maskierter Mann, der auf den Wagen des fliehenden Friedbergers geschossen haben soll, weiter unbekannt. "Es stand Aussage gegen Aussage", sagte damals Richter Dr. Markus Bange. "Es gab keine objektiven Beweise für den Wahrheitsgehalt der Schilderungen."

Mit dem Ziel, neue Beweise zu liefern, rollte die Staatsanwaltschaft den Fall nun wieder auf. Gehört wurden in vier Verhandlungstagen neben bekannten auch vier neue Zeugen. Alle vier Männer aus Friedberg waren nach eigenen Angaben 2017 nicht dabei. Einer sagte aber aus, der Geschädigte habe ihn noch in der Nacht angerufen. "›Er ist mir ins Auto gefahren und wollte mich von der Straße abdrängen. Einer hat geschossen. Ich zittere überall‹, hat er zu mir gesagt", berichtete der Zeuge.

Die Befragung der neuen Zeugen drehte sich vor allem um ein Treffen zwischen den Beteiligten nach dem Vorfall. Dabei soll der Angeklagte seinem Kontrahenten 5000 Euro als Ausgleich für den Schaden an seinem Auto geboten haben. Drei von vier Zeugen wussten nach eigenen Angaben von dem Treffen, einer will dabeigewesen sein. "Es ging darum, die Sache außergerichtlich zu klären", sagte er. Sein Bekannter, der Geschädigte, habe das Geld jedoch nicht angenommen. Ein weiterer Zeuge, der als Vermittler aufgetreten sein soll, will sich nicht an das Treffen erinnern. "Selbst wenn es so gewesen sein sollte, können wir daraus keine Schlüsse auf den Tathergang schließen", sagte der Verteidiger des Angeklagten. "Ja, aber es geht um die Glaubwürdigkeit", entgegnete die Richterin. Der Verdacht: Der Angeklagte könnte versucht haben, einem gerichtlichen Verfahren zu entgehen. Denn er war zu diesem Zeitpunkt auf Bewährung.

Die Staatsanwaltschaft sah ihre Anschuldigungen im Berufungsverfahren bestätigt. Sie forderte zwei Jahre und acht Monate Haft für den Angeklagten sowie die Abgabe seines Führerscheins. Sein Verteidiger plädierte auf Freispruch. Um die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei festzustellen, gebe es nicht genug objektive Beweise. Zum Beispiel habe man keine Patronenhülsen gefunden, und die Schäden am Auto seien nicht kriminaltechnisch untersucht worden.

Führerschein ist weg

Die Richterin und die beiden Schöffen sahen keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten. "Wir haben hier keine klassische Aussage-gegen-Aussage-Situation", sagte die Richterin. Der vom Friedberger geschilderte Ablauf sei plausibel und werde durch die Spuren sowie die Aussagen seines Begleiters bestätigt. Der Friedberger habe der Polizei die Situation ebenso kurz nach dem Vorfall geschildert. "Es wär außergewöhnlich, wenn er in kurzer Zeit einen so komplexen Tathergang erfunden hätte, der auch noch zu den gefundenen Spuren passt." Auch der Versuch der außergerichtlichen Einigung lasse eine Schuld des Angeklagten vermuten. Die Haftstrafe wird zur Bewährung auf drei Jahre ausgesetzt. Der Angeklagte muss 1500 Euro an die Lebenshilfe zahlen und seinen Führerschein abgeben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das geschah am 15.11.2017

Nach Überzeugung des Landgerichts Gießen hat es sich in der Nacht vom 15. November 2017 so am Bad Nauheimer Bahnhof abgespielt: Nach einem vorangegangenen Streit, an dem ein Ober-Mörlener und ein Friedberger beteiligt waren, verabredeten sie sich gegen 23 Uhr zur Aussprache auf dem Bahnhofsvorplatz. Das Gespräch eskalierte, der Friedberger wollte wegfahren und stieg in sein Auto. Der Ober-Mörlener setzte sich ebenfalls in seinen Wagen, parkte seinen Kontrahenten zu und hinderte ihn am Wegfahren. Unterdessen trat ein unbekannter Maskierter aus der Dunkelheit, sprang auf die Motorhaube des Friedbergers und feuerte mit einer Waffe auf dessen Windschutzscheibe. In Panik gelang es dem Attackierten noch herauszufahren und in Richtung Frankfurter Straße zu fliehen. Der andere verfolgte ihn, rammte ihn und verursachte nahe der Tankstelle in Richtung Friedberg einen Unfall. Dort soll der unbekannte Schütze aus dem Auto des Ober-Mörleners ausgestiegen sein. Der Friedberger rief die Polizei, die Schmauch- und Unfallspuren an seinem Auto feststellte. Der Ober-Mörlener meldete sich ebenfalls bei der Polizei, schilderte den Ablauf aber ganz anders.

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