Gutachter: Genügend Einsichts- und Steuerungsfähigkeit

  • vonJürgen W. Niehoff
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Bad Nauheim (jwn). Warum hat der oder die Täter/in im März 2019 in einer Teeküche der Kerckhoff-Klinik Medikamenten in Kekse oder Kaffee beigemischt? Das wollte das Gießener Schwurgericht von Psychiater Dr. Jens Ulferts (Uni Gießen) wissen; es war der vierte Verhandlungstag im Prozess gegen eine 53-jährige Pflegehelferin, die sich wegen versuchten Mordes verantworten muss.

Bei der Frage nach dem Motiv musste Ulferts passen. Die Frau sei weder abhängig von Medikamenten noch von Alkohol. Sie habe reichlich Probleme gehabt - von der Erziehung ihres zum Autismus neigenden Sohnes über den Tod der Mutter bis zum Streit mit Nachbarn. Eine ebenfalls alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern überhäufte die Angeklagte in den letzten zehn Jahren mit Anzeigen - von Ruhestörung über Körperverletzung bis zur Vergiftung ihrer Haustiere. Die Anzeigen wurden alles mangels Beweise eingestellt, wie sie gegenüber der Verteidigung einräumte.

Die Nachbarin hatte sich aus freien Stücken als Zeugin zur Verfügung gestellt, »um Gerechtigkeit herzustellen«. Ihr Belastungseifer war nicht zu überhören. Nach Auffassung des Gutachters können sich die häufenden Belastungen bei der Angeklagten zu einer verdeckten Wut gesteigert haben. »Aber das reicht als Motiv für die Vergiftung von Kollegen nicht aus«, sagte Ulferts. Dass sie nach Beginn der Untersuchungen gegen sie oft schon morgens Alkohol trank und Beruhigungstabletten schluckte, führte Ulferts auf den Stress, dem die Angeklagte ausgesetzt war.

Der Gutachter kam deshalb zum Schluss, die Angeklagte habe zu jeder Zeit über Einsichts- und Steuerungsfähigkeiten verfügt und sei daher als voll schuldfähig anzusehen. Deshalb käme im Falle eines Schuldspruches eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik nicht in Frage.

Medikamente frei zugänglich gelagert

Ein weiterer wichtiger Zeuge war der Kriminalbeamte, der die Ermittlungen gegen die Angeklagte geleitet und bei deren Festnahme dabei war. Nach seinen Angaben konnte jeder der Krankenhausmitarbeiter die Teeküche betreten und sich dort bedienen. Auch das Stationszimmer, wo die Medikamente in einem unverschlossenen Rollcontainer aufbewahrt wurden, sei für alle Bediensteten frei zugänglich gewesen. »Unser Problem damals war, dass wir kein Plätzchen, weder ein vergiftetes noch ein sauberes, für unsere Untersuchungen gefunden haben. Auch die heimliche Videoüberwachung über zwei Monate hat nichts ergeben«, sagte der Kriminalbeamte. Dafür hätten die Ermittlungen ergeben, dass eine Kollegin der Angeklagten im Jahr 2007 einem Stationsarzt eine Überdosis Medikamente habe einflössen wollen. Der Arzt habe dies noch rechtzeitig bemerkt und die Kollegin verwarnt.

Dieser Arzt soll in der nächsten Verhandlung am 4. Mai vernommen werden. Außerdem will das Gericht einen Zeugen vernehmen, der möglicherweise Details zu der Kette »Kaffee in der-Küche, Einsammeln der Tassen, Aufbewahrung über Nacht und Abtransport zur Polizei« Auskunft geben kann. Sollte diese Kette nicht lückenlos geschlossen sein, wird eine Verurteilung der Frau immer unwahrscheinlicher.

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