Prof. Albrecht Beutelspacher (r.) aus Gießen hat knappe und präzise Hinweise zum Konzert gegeben, das Kantor Frank Scheffler (l.) gegeben hat.
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Prof. Albrecht Beutelspacher (r.) aus Gießen hat knappe und präzise Hinweise zum Konzert gegeben, das Kantor Frank Scheffler (l.) gegeben hat.

Ein großartiges Glaubensbekenntnis

  • vonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim(gk). "Clavierübung, 3. Teil": Hinter diesem lakonischen Titel verbergen sich Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge in Es-Dur BWV 552, ein Zyklus von 21 großen und kleinen Choralbearbeitungen BWV 669-689 sowie vier Duette BWV 802-805. Frank Scheffler, nunmehr seit 20 Jahren Bad Nauheimer Stadtkantor, unternahm es am Samstagabend, diesen äußerst komplexen, z. T. extrem schwer zu interpretierenden musikalischen Kosmos mit seinem Instrument zu "durchwandern". Dies ist ihm glänzend gelungen, wie nicht zuletzt der Applaus der Besucher zeigte.

Um den Verständnisschwierigkeiten des musikalischen Laien beim Hören dieser weltenthobenen, kryptischen Orgelmusik abzuhelfen, war auch an diesem Abend Prof. Albrecht Beutelspacher aus Gießen angereist. Wie beim ersten und zweiten Teil der "Clavierübung" im italienisch-französischen "galanten Stil" waren seine so knappen wie präzisen Hinweise zum in sich geschlossenen "liturgischen" dritten Teil äußerst hilfreich und wurden ebenfalls mit dankbarem Beifall bedacht.

Präludium und Fuge rahmen die Choralbearbeitungen, von denen Scheffler die zehn großen vortrug, gleichsam ein. Bereits das machtvolle Präludium stimmt mit seiner Dreigliedrigkeit den Hörer auf das Kommende gleichsam leitmotivisch ein. Die sich anschließenden ersten drei Bearbeitungen "stilo antico" lassen das Mysterium der Trinität von Gott Vater, seinem "eingeborenen" Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist musikalisch erklingen.

Sehr schwierige Stücke

Es ist ein stiller, verinnerlichter, meditativer Beginn des liturgischen Teils der "Clavierübung". "Allein Gott in der Höh sei Ehr": Dieses "Gloria" bearbeitete Bach als einziges des Zyklus in drei Varianten. Die vom Kantor gespielte zweite ist ein kunstvoll gefügter Triosatz, der wie ein "Aufruf" zur Besinnung klingt, ohne triumphale Lobeshymnen anzustimmen.

Im Vortrag der folgenden Bearbeitung von "Dies sind die heil’gen zehn Gebot" kann Kantor Scheffler sein ganzes Können demonstrieren. Das fünfstimmige, zehnteilige Meisterstück ist eine ehrfurchtgebietende musikalische "Predigt", wie Beutelspacher diese Vergegenwärtigung der Zehn Gebote als Grundlage des Glaubens nannte. Man sieht Moses mit den Gesetzestafeln vom Berg Sinai herabsteigen."Wir glauben all an einen Gott": Verlangt schon die zweite Katechismuschoral-Bearbeitung dem Interpreten ein hohes Maß an Fingerfertigkeit ab, so wird ihre Schwierigkeit durch die folgende Bearbeitung von "Vater unser im Himmelreich" noch überboten. Sie ist zweifellos die komplizierteste und "dunkelste" des gesamten Zyklus. Bach ringt hier leidenschaftlich um eine wenigstens partielle "Entzifferung" des unausschöpfbaren göttlichen Geheimnisses. Zahlenmystische Deutungen tragen zum Verständnis dieses Abschnitts, so Prof. Beutelspacher, nur bedingt bei. Auch dieser extremen Herausforderung wurde Scheffler gerecht.

Den letzten drei Choralbearbeitungen folgten vier ursprünglich für Cembalo geschriebene Duette, die nicht so recht in den liturgischen Rahmen des dritten Teils der "Clavierübung" passen wollen. Diese trotz Zweistimmigkeit ebenfalls schwierigen Stücke bereiten gleichsam den Weg zur Schlussfuge. Sie beschwört in ihrer Dreigliedrigkeit noch einmal das Zentralgeheimnis des Glaubens. Kraftvoll, ruhig, weltenthoben: Es ist, als bündele Johann Sebastian Bach zum Abschluss alle Stränge seines musikalischen Könnens zu einem großartigen Glaubensbekenntnis.

Nach diesem beeindruckenden Klangerlebnis, für das Frank Scheffler großer Dank gebührt, ist es nicht leicht, wieder in den profanen Alltag einzutauchen.

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