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Der Bildhauer und Drucker Mathias Hornung stellt im Kunstverein Bad Nauheim aus.

Grenzgänge im Großformat

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Seit ein paar Tagen ist in der Galerie des Kunstvereins Bad Nauheim wieder Leben: Die neue Ausstellung »digital melt« des Berliner Bildhauers und Druckers Mathias Hornung wird vorbereitet. Ab dem heutigen Samstag ist sie geöffnet - die Corona-Verordnung erlaubt aber noch keine Vernissage.

Es ist Großes zu sehen: riesige Druckstöcke als Wandreliefs, Unikate, die, würden sie vervielfältigt, durch Bearbeitung wiederum Unikate wären. Farbe und Material, Raum und Zwischenraum, Fläche und Tiefe, Form streng grafisch und fantasievoll - Mathias Hornung eröffnet in seinem Werk Denk- und Sehräume. Was man darin entdeckt, überlässt er jedem selbst. Daher haben seine Werke keine Bezeichnungen, sondern sind als Serie aufgebaut. Diese heißt »digital melt« - digitale Schmelze.

Andere Wirkung vor weißer Wand

»Im vergangenen Jahr ist viel entstanden. Vielleicht 200 Werke mit den kleinen Grafiken«, erzählt er. Alles andere verdrängen und einfach weitermachen, sei sein Motiv gewesen, während es weder Ausstellungen noch Messen gab. Er deutet auf das beige-schwarze Relief, das von ferne aussieht wie ein Oszillografenmuster: »Das habe ich erst letzte Woche fertig gemacht.« Kunstvereinsmitglied Johannes Lenz klettert auf die Leiter und stellt die Scheinwerfer ein. Ein Leuchten geht über des Künstlers Gesicht und den Druckstock: »Ah, so versinkt es nicht im Dunkel.« Man sieht plötzlich die vielen Feinheiten, die Struktur und Farbauftrag hergeben.

Horizontal und vertikal setzen sich die Module zusammen, verschmelzen, laufen auseinander. Die Tafel in Blau hat Farbkonzentrationen wie Einschüsse. Wo in dem mutigen Rot absolute Klarheit herrscht, entdeckt man in dem Grünfarbigen Ungewissheit, in einem anderen schillernde Expressivität.

Als studierter Bühnen- und Kostümbildner versteht Hornung es, zwei- und drei- und überdimensional zu sehen. In seinen Berliner Ateliers arbeitet er grundsätzlich draußen - nicht nur wegen der Emissionen und des Drecks, die seine Arbeit am Material Holz, oft einfache Schalbretter vom Bau, mit sich bringen. Manche Tafel hat er noch nie vor einer weißen Wand gesehen und staunt über die so andere Wirkung.

Die Rotunde, sagt er, sei für seine Großformate eine Herausforderung gewesen. Er meistert sie mit der noch unfertigen und »wer weiß, wann und wie« sich vollendenden Tischskulptur »Plattform«. »Ich habe früher viele Tische aus gefrästen Holzmodulen gemacht und auch einen in meiner Wohnung stehen«, erzählt er. Überhaupt lebe er im Privatbereich gerne mit seinen Werken. Spannung erzeugen die Abdrücke von diesem Druckstock, die vor die Wölbungen der Rotunde gespannt sind.

Und wie kommt ein etablierter Künstler, der schon weltweit ausgestellt hat, nach Bad Nauheim? Johannes Lenz lernte ihn und seine Werke auf der Messe »Art Karlsruhe« 2019 kennen. Er fand den Entstehungsprozess der Reliefs spannend, den Künstler sympathisch. Guter Kontakt sei unglaublich wichtig, bestätigen beide. Hornung schickte stapelweise Kataloge. Lenz schlug eine Ausstellung im Verein vor, was basisdemokratisch eindeutig entschieden wurde. Gemeinsam besichtigten sie die Räume, um die passende Werkauswahl zu treffen. Lenz holte die voluminösen Farbdruckstöcke ab. Jetzt geben sie der Ausstellung ganz real ihr digitales Gesicht.

Laudatio nur online

Bei der Vernissage hätte die renommierte Kunstkritikerin Dorothée Bauerle-Willert die Laudatio halten sollen. Da dies nicht möglich ist, hoffen alle auf eine Finissage mit ihr und dem Künstler. Um einen Einblick in sein Schaffen zu bekommen, laufen während der Ausstellung zwei Filme mit einem Atelierrundgang und einem Interview. Die Laudatio kann man auf der Internetseite des Vereins hören: www. kunstverein-bad-nauheim.de

»Digital melt Rot« tritt in seiner Strenge, aber auch der Farbgebung aus den schwarzweißen, dunkelgrünen oder blauen Farbdruckstöcken hervor.
Beim Hängen und Ausleuchten der großen Reliefs ist Fingerspitzengefühl gefragt. Künstler Mathias Hornung (l.) und Johannes Lenz vom Kunstverein gehen gemeinsam an die Arbeit.

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