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Gewaltsamer Tod von Klinik-Chefin schockt Bad Nauheim

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Von: Bernd Klühs

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Vor zehn Jahren verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in Bad Nauheim: Parkinson-Klinik-Chefin Karin Prokein ist getötet worden. Jetzt wird bekannt, dass sie vor dem Täter gewarnt wurde.

Karin Prokein war eine rührige Geschäftsfrau und Juristin. Sie kümmerte sich nicht nur um die Parkinson-Klinik, sondern auch um ehrenamtliche Belange, etwa die Hospizhilfe. Als die Klinik in wirtschaftliche Schieflage geriet, versuchte sie neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Vermögende Patienten aus dem arabischen Raum waren eine Zielgruppe. Der Ägypter Tarek E. bot sich 2003 als Mitarbeiter an, beide gründeten in Kairo die German Health Group. Immer öfter war die attraktive und charmante Rechtsanwältin an der Seite des kleinen, rundlichen Mannes zu sehen.

Erste Erfolge der Kooperation schienen sich einzustellen, wobei das Duo nicht eben zimperlich vorging. So wurde das Klinikgebäude für 5,5 Millionen Euro an Khaled Al-Toukhy, einen Landsmann von Tarek E. veräußert – ein Deal mit juristischem Nachspiel. Der Käufer hatte geglaubt, nicht nur die Immobilie, sondern auch die Klinik-GmbH zu erwerben. Prokeins Mitarbeiter wurde vorgeworfen, Vertragsinhalte falsch übersetzt zu haben. Vor Gericht hatte Al-Toukhy keinen Erfolg. Später erhielt er nicht einmal Mietzahlungen, weil Sanierungen nicht vorgenommen worden seien.

Es kommt zum Eklat

Im Lauf der Zeit kamen sich Prokein und Tarek E. auch menschlich näher, hatten eine Liebesbeziehung. Im Prozess gegen den Ägypter gab es dafür stichhaltige Beweise: SMS, ein Video und eine Tonbandaufnahme. Angehörige, Freunde und Bekannte des Opfers wollten trotzdem nicht an das intime Verhältnis glauben.

Die private Verbindung soll im Geheimen über Jahre bestanden haben. Im Juni 2008 kam es zum Eklat. Der Ägypter warf Prokein eine Beziehung zu einem anderen Mann vor. Er wurde ausfallend, die 48-Jährige beendete die Partnerschaft, drohte mit rechtlichen Konsequenzen. Zwei Tage später, am 22. Juni 2008, lag Karin Prokein tot in ihrem Büro in der Küchlerstraße.

Täter geständig

Erneut war es zum Streit gekommen, Tarek E. wurde handgreiflich, erwürgte die Frau. Kurz nach der Tat legte er ein Geständnis ab. Im Urteil des Landgerichts Gießen war von einer Affekttat die Rede, Eifersucht und Angst vor wirtschaftlichem Abstieg wurden als Motive genannt. Wegen Totschlags verurteilten die Richter den damals 46 Jahre alten Araber zu einer Haftstrafe von achteinhalb Jahren.

Wir haben viel gemeinsam gemacht, hatten ganz engen Kontakt

Bernd Witzel

Viele Bad Nauheimer und Geschäftspartner von außerhalb reagierten geschockt auf den Tod von Karin Prokein. Der Verlauf des Prozesses, der etwa ein halbes Jahr nach der Tat begann, wurde genau verfolgt. Zu den Beobachtern gehörte der damalige Bürgermeister Bernd Witzel.

»Wir haben viel gemeinsam gemacht, hatten ganz engen Kontakt«, blickt er zurück. Öfters gab es Gespräche wegen der Zukunft der Klinik, die Prokein kurz vor ihrem Tod ins Gesundheitszentrum Wetterau integrieren wollte. Das lehnten Witzel und andere GZW-Vertreter ab. Bezüglich der Hospizarbeit marschierten Bürgermeister und Rechtsanwältin dagegen in dieselbe Richtung: Beide wollten ein stationäres Hospiz in Bad Nauheim. Pläne, die nach Prokeins Tod scheiterten.

Tipp von der Ausländerbehörde

»Es war ein Riesendrama«, beschreibt Witzel das Geschehen von damals. Auch der spätere Täter Tarek E. sei oft bei ihm gewesen, habe einen recht guten Eindruck gemacht. Doch irgendwann wurde Witzel eigenen Angaben zufolge von der Ausländerbehörde kontaktiert, erfuhr von zurückliegenden Delikten des Ägypters, der auch Frauen gegenüber gewalttätig geworden war. Einmal wurde er wegen Nötigung verurteilt (siehe weiteren Bericht). »Ich habe Karin Prokein mehrfach gewarnt, den Kontakt nicht zu eng werden zu lassen«, sagt Witzel, der nichts vom intimen Verhältnis des Duos wusste und es bis heute nicht fassen kann. Prokein nahm die Warnungen offenbar nicht ernst.

Auch vom wirtschaftlichen Erfolg durch Kontakte nach Ägypten war der Ex-Bürgermeister nicht überzeugt. »Andere Kliniken haben sich in Richtung Russland und Saudi-Arabien orientiert. Das habe ich auch Prokein empfohlen.« Nach ihrem Tod war die Klinik nicht mehr zu retten. Die überschuldete GmbH musste im Mai 2010 Insolvenz beantragen, im Oktober folgte die Schließung. 120 Mitarbeiter standen auf der Straße.

Info

Tarek E.: Ausweisung 2012

Schon ein gutes Jahr nach der Verurteilung von Tarek E. zu achteinhalb Jahren Haft wegen Totschlags an Karin Prokein bereitete die Ausländerbehörde des Wetteraukreises die Ausweisung des Ägypters in sein Herkunftsland vor. Nicht nur aufgrund der schweren Straftat, sondern auch wegen seines Vorlebens mit einer Verurteilung wegen Nötigung wurde dem Ägypter eine schlechte Sozialprognose bescheinigt, die Gesellschaft müsse vor ihm geschützt werden. Tarek E., der 1980 nach Deutschland gekommen war und nach der später geschiedenen Ehe mit einer Deutschen Aufenthaltsrecht erhalten hatte, ging juristisch gegen die Abschiebungsanordnung des Kreises vor. Begründung: Er habe keinerlei Kontakte mehr in seinem Geburtsland und fürchte, als koptischer Christ verfolgt zu werden. Diese Argumentation beeindruckte die Gerichte nicht. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof lehnte den Einspruch letztinstanzlich ab. 2012 wurde Tarek E. nach Ägypten ausgewiesen, dort kam er auf freien Fuß. (bk)

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