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Das Kur-Sinfonieorchester Bad Nauheim darf nach langer Pause wieder auf der Bühne des Jugendstil-Theaters stehen und im Innenraum ein Konzert geben.

Gewagter Neustart

  • VonHanna von Prosch
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Nach sieben Monaten Schließung konnte am Sonntag erstmals wieder das Kur-Sinfonieorchester Bad Nauheim auf der Bühne des Jugendstil-Theaters spielen. Das normalerweise treue Publikum fand sich aber nur spärlich ein. Musikalisch hatte das Orchester unter der Leitung von Markus Neumeyer und Darstellerin Ingrid El Sigai einiges zu bieten - jedoch das Konzept »Klassik gepaart mit Komik« kam so nicht an.

Dreimal musste das Konzert des Kur-Sinfonieorchester Bad Nauheim im Jugendstil-Theater wegen der Pandemie verschoben werden. Jetzt wurde das Programm den aktuellen Bedingungen angepasst und ein Neustart gewagt. Das bedeutete: kleines Orchester in einheitlicher Besetzung. Ausgewählt wurden Rossinis Ouvertüre zu »Der Barbier von Sevilla«, Tschaikowskis Nussknacker-Suite - beide von kabarettistischen Texten begleitet - und Franz Schuberts 5. Sinfonie.

Text ist nicht zu verstehen

Wer Markus Neumeyer als Dirigent des Jugend-Sinfonieorchesters Wetterau kennt, weiß, dass er nicht nur ein feines Händchen für die Musiker hat, sondern auch eine Menge Humor und Witz. Das sollte in der Konstellation mit seiner langjährigen Bühnenpartnerin Ingrid El Sigai in einem klassisch-komischen Programm zum Ausdruck kommen. Hemdsärmelig stürzte er als Rossini auf die Bühne, versprach eine »extra deutsche Fassung, damit Sie alles kapito.« El Sigai verkörperte eine Dame auf bestem Logenplatz, die sich, in Rhythmus und Tempo mit der Musik übereinstimmend, über die Manieren ihres Mannes echauffierte. Während sie über seine Parkgewohnheiten schimpfte, schwärmte sie zugleich »Das ist Musik.«.

Man hätte sich dabei leicht in einen Frisiersalon mit den üblichen Tratscherein versetzen können, was dem Titel der Oper zur Ehre gereicht hätte.

Doch leider verstand man weder bei Rossini noch bei der Nussknacker-Suite mit ihren sieben Tänzen den Text. Woran immer es auch lag, man konnte lediglich aus den kessen Anspielungen, aus Wortfetzen, Mimik und Gestik entnehmen, welche frechen oder frivolen Anmerkungen über ihre verflossenen Männer jene Dame wahrscheinlich gerade von sich gab. Die Verbindung zur Geschichte des Nussknackers blieb unerschlossen.

Auf der Bühne eines Kammertheaters mit Klavierbegleitung ist dieses Konzept sicher der Renner, denn an den Ausführenden lag es nicht. Aber allein das Orchester, das wie immer sehr engagiert, munter und überzeugend spielte, übertönte die für sich genommen imponierende akrobatische Sprech-Singstimme. So nahmen sich Wort und Musik gegenseitig den Atem, und die Zuhörerinnen und Zuhörer hatten weder am einen noch am anderen Freude. Genügt hätten die kleinen Sketch-Intermezzi und die Anekdoten zu Schubert, Rossinis Wiener Zeitgenossen. Denn dessen frühlingshafte spitzige Sinfonie Nr. 5 B-Dur - als erste reife Jugendsinfonie bezeichnet - war ein Hörgenuss.

Mit mehr Resonanz gerechnet

So leicht und geschmeidig, so offen und zugespitzt wie Neumeyer dirigierte, folgte ihm das Orchester präzise und nuanciert in bunten Klangfarben und frischer Dynamik. Zu gerne hätte man diese Sinfonie unter freiem Sommerhimmel genossen. Man hätte mit den Tönen perlend eine Sektflasche entkorkt und sich besonders im dritten Satz einem lieblich wohligen Gefühl hingegeben.

Eigentlich hatten die Veranstalter, die Musikschule in Kooperation mit dem Förderverein sinfonische Musik Bad Nauheim mit einem gewaltigen Musikhunger gerechnet und dem Nachmittagskonzert eine Matinee vorgeschaltet. Aber anscheinend schrecken die Bedingungen für Innenraumveranstaltungen mit tagesaktuellem Test oder Impfnachweis noch ab, obwohl Musikschulleiter Ulrich Nagel es den Besuchern kurzfristig ermöglichte, direkt vor dem Konzert einen Selbsttest zu machen.

Wer inzwischen noch Bedenken hat, kann beruhigt sein: Es lief alles reibungslos und mit dem gebührenden Abstand. Dennoch: Der Auftakt ist gemacht. Die klassischen Konzerte werden ihren Platz im Leben Bad Nauheims zurückerobern. Die Musik lässt sich eben nicht den Mund maskieren.

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