Manchmal kommt Mentalmagie auch ohne Worte aus: Yann Yuro dirigiert seine Mitspielenden. FOTO: HMS
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Manchmal kommt Mentalmagie auch ohne Worte aus: Yann Yuro dirigiert seine Mitspielenden. FOTO: HMS

In den Gehirnen der Zuschauer

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim(hms). Die Handys der Zuschauer, ein Flipchart, bunte Stoffball-Viren und Computer Alfred: Das ist das Equipment eines modernen Zauberers. Der Vize-Weltmeister 2018 der Mentalmagie, Yann Yuro, verblüffte an seinen zwei Showabenden das coronabedingt reduzierte Publikum in der Trinkkuranlage. Aber er beängstigte auch ein wenig, denn er bewies: Der Computer weiß alles.

Es ist natürlich nur Illusion. Verblüffend, undurchschaubar, täuschend echt und doch unfassbar. Magie hat von jeher die Aufgabe, Menschen in Staunen zu versetzen und ihnen die Neugier auf die Stirn zu schreiben: Wie geht das? Umso mehr setzt die moderne Mentalmagie auf Phänomene, die man sich lieber nicht vorstellen möchte. Denn wer will schon sein Bankkonto hacken lassen oder den Versandkonzernen überlassen, was man kaufen will? Yann Yuro sagt: "Nur zwei Worte beherrschen unser Leben: An und Aus." Und er warnt: "Wenn ihr ins Theater kommt, verkauft Ihr eure Seele. Aber das tut ihr auch, wenn ihr eine App herunterladet." Sein Alleswisser heißt Alfred und ist ein Laptop, in den die Zuschauer natürlich nicht hineinsehen können. Sie hören ihn nur mit ernster Stimme sprechen, wenn er seine Prognosen, oder besser, bestellten Wahrheiten von sich gibt. Er muss funktionieren, wenn Yann befiehlt: "Alfred, Musik!". Stimmt eine Vorhersage nicht ganz, dann ist Alfred schuld.

Das mitspielende Publikum wird weit genug entfernt zur Wundermaschine gesetzt, um seine Kreise nicht zu stören. Dafür darf es freiwillig Handys abgeben - früher war es der bekritzelte Zehn-Euro-Schein -, wer ein iPhone besitzt, darf sich als "reich" outen. Er ist dreist genug, um die persönliche Pin einzufordern, weil er das Passwort für das Bankkonto knacken will.

Alles hängt mit allem zusammen, versucht er zu beweisen. Der Zusammenhang erschließt sich nicht immer ganz, denn am Ende eines perfekten Kunststücks kommt das heraus, was Mentalmagier ausmacht: Sie geben vor, mit oder ohne Laptop, in die Gehirne der Menschen schauen zu können.

Kontozugang eines Besuchers

Immer wieder verblüfft ein alter Trick, der mit einem hochwertigen Smartphone aber besonders schmerzhaft wirkt. Vor den Augen des Besitzers steckt der Magier das Handy in die gleichgroße Verpackung einer Schokoladentafel - dunkel muss sie sein! - und reiht danach fünf solcher Tafeln an einem Seil auf. Hat sich der Besitzer gemerkt, wo sein Handy verborgen ist? Er zuckt schon mal zusammen, wenn Yann die bezeichnete Tafel in der Verpackung zertritt oder durchbohrt. Gott sei Dank, es war nur Schokolade. Doch dann taucht das Handy unversehrt in einem zuvor abgegebenen Päckchen in der letzten Zuschauerreihe auf. Glück gehabt.

Eine erdachtes Passwort entsteht aus den Anfangsbuchstaben von scheinbar willkürlich gemalten Bildern, den Kontozugang eines Besuchers ermittelt er durch Eurhythmie und durch Beobachten von Reaktionen. Die Zulassung zur Weltmeisterschaft erhielt Yann Yuro mit einer Illusion, die behauptet, er wisse, was eine völlig fremde, von Besuchern angerufene Person demnächst über den Versandhandel bestellen werde. Es ist eine fluoreszierende Lampe, wie sich herausstellt. Treffer! Applaus.

Tatsächlich stellt sich im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz die Frage: "Wenn das Internet die Welt beherrscht, wer beherrscht das Internet?" Von lustigen Ablenkungsmanövern, Zufallstreffern und seiner rasant überrumpelnden Sprechweise abgesehen, bleibt am Ende ein großes Fragezeichen in den Köpfen. Wenn zuhause am PC plötzlich alles weg ist oder Dinge erscheinen, die man nicht will - ist das dann auch Magie?

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