Prof. Petra Gehring von der TU Darmstadt erklärt den kategorischen Imperativ sehr verständlich. FOTO: GK
+
Prof. Petra Gehring von der TU Darmstadt erklärt den kategorischen Imperativ sehr verständlich. FOTO: GK

Geheimnis gelüftet

  • vonGerhard Kollmer
    schließen

Bad Nauheim(gk). "Kategorischer Imperativ" - was war das noch mal schnell? Wer’s nicht mehr weiß, der schlage nach in Immanuel Kants 1785 erschienener Abhandlung "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten". Dort finden wir gleich drei Versionen der berühmten Formel - ein wichtiger Referenzpunkt für den moralphilosophischen Diskurs der vergangenen 200 Jahre. Zwei von ihnen seien hier zitiert: "Ich soll niemals anders verfahren als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden." Die zweite Version lautet: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Alles klar?

Prof. Petra Gehring von der TU Darmstadt war am Freitagabend eigens nach Bad Nauheim geeilt, um im großen Saal der Trinkkuranlage vor etwa 40 Hörern die Geheimnisse um den "kategorischen Imperativ" zu lüften - was ihr in gut einer Stunde zweifellos gelang. Dabei diente ihr die oben genannte . "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" als Leitfaden. In ihr entfaltet Kant in Grundzügen, was er drei Jahre später in seiner "Critik der practischen Vernunft" vertieft und systematisiert.

Die "Grundlegung" steckt voller Zumutungen - zumindest für den "gesunden Menschenverstand". Jeder Mensch (auch der Bösewicht) hat "a priori" - das heißt, unabhängig von seiner konkreten empirischen Ausprägung - einen guten Willen. Dieser ist nichts anderes als die praktische Vernunft. Und er ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass der Mensch rein aus Pflicht, nur aus Achtung vor dem (Moral-)Gesetz handeln kann und soll - nach der Devise:

"Du kannst, was du sollst": Damit dieses Gebot einen Sinn ergibt, ist eine weitere Vorannahme nötig: Der Wille jedes Menschen ist nicht nur grundsätzlich gut, sondern er ist auch frei, autonom.

Beispiele für Widersinn

Obwohl Kant, so Prof. Gehring in ihren erhellenden Erläuterungen, freimütig zugibt, dass es in der Realität kein einziges Beispiel für eine pflichtgemäße Handlung ohne alle "Beimischungen" gibt, sondern immer auch subjektive "Neigungen" mit im Spiel sind, hält er an seiner "apriorischen" These fest. Ihm kommt es also weder um die pragmatischen Bedingungen von Handeln an, noch interessieren ihn dessen Folgen. Nein: Für den Mann aus Königsberg gilt einzig das - formale - Gebot des "kategorischen Imperativs". Die Kritiker dieses "gesinnungsethischen Rigorismus’" führen eine Vielzahl von Beispielen an, um dessen Widersinn und Weltfremdheit aufzuzeigen. Muss ich als Helfer von politisch Verfolgten deren Versteck an die Häscher verraten - nur um das Gebot "Du sollst nicht lügen" zu achten? Muss ich - mit gutem, freien Willen, das heißt, "praktischer Vernunft" ausgestattet - widervernünftigen, unterdrückerischen, undemokratischen Gesetzen gehorchen? Die Bejahung solcher Fragen scheint absurd, wider alle Vernunft.

Der Referentin sind ihre heldenhaften Bemühungen, Kant gegen solche und ähnliche Kritik zu verteidigen, hoch anzurechnen. Umso mehr, als sie selbst wohl kaum eine treue Anhängerin von dessen Moralphilosophie sein dürfte.

An den mit viel Beifall bedachten Vortrag schloss sich eine halbstündige Gesprächsrunde an, in der es um die Ungereimtheiten des "kategorischen Imperativs" ging. Verstößt es wirklich gegen dessen Verallgemeinerungsgebot, selbst Hand an sich zu legen? Ist der bewusst gewählte Freitod nicht vielmehr höchster Ausdruck menschlicher Willensautonomie?

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare