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Ein Gefühl von Trost und Geborgensein

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim/Friedberg(hms). Friedhofskapellen und Trauerhallen sind Kulträume. Sie sind für die Trauernden Haus und Hort für eine würdige Verabschiedung. Daher ist es für die Innengestalter eine besondere Aufgabe, den richtigen Ausdruck in Ausschmückung und Farbsprache zu finden. In der Friedberger Aussegnungshalle ist dies der Werkgemeinschaft Ess-Kutscher vor fast 70 Jahren gut gelungen. In der Bad Nauheimer Trauerhalle hat die Künstlerin und Pfarrerin i. R. Barbara Wilhelmi in jüngerer Zeit neue Wandbilder geschaffen.

Die Ausschmückung der Aussegnungshalle in Friedberg beruht auf der für Otto Franz Kutscher typischen Sgraffito-Technik. Philipp Ess aus Dorn-Assenheim und er hatten 1953 den Gestaltungsauftrag für die neue Kapelle erhalten. Beide waren in dieser Kratz-Schab-Technik auf feuchtem Putz Meister. Im Wetteraukreis sind noch einige ihrer Kunstwerke zu sehen. In der Aussegnungshalle sind die Wände mit einem gefärbten Rauh- und Feinputz in sanften Übergängen überzogen. Drei in Farben und Tonwerten unterschiedliche Putzschichten wurden übereinander aufgetragen, die hellste Farbe als oberste und das tiefe Rotbraun als Untergrundschicht. So wirkt die beim Betreten des Raums ins Auge fallende Christusfigur in der gotisch gerahmten Nische versöhnlich und beruhigend. Hier hält jemand die Hand über die Verstorbenen und die Trauergemeinde. Claus Ess, Sohn des Künstlers, erinnert sich, dass man seinen an Kinderlähmung erkrankten Vater mit dem Rollstuhl nach oben zog, um die Putztechnik auszuführen.

Wenn Steine schreien

In einem WZ-Artikel zur Einweihung 1953 ist die Gestaltung so beschrieben: "Besonders die Decke, die mit ihrer reich durchwirkten Fläche von mehr als 120 Quadratmetern den Raum der Kapelle überwölbt, trägt dazu bei, dem Kultraum die geschlossene Wirkung zu verleihen, die das Gefühl des Geborgenseins vermittelt."

Zwei weitere Sgraffito-Werke, ein Landmann auf dem Felde, dem der Tod die abgelaufene Sanduhr zeigt, und der 90. Psalm, in mühevoller Arbeit aufwändig geschabt, schmückte die Urnenhalle. Sie ist inzwischen Büro der Friedhofsverwaltung; die Kunstwerke blieben erhalten. Auch die Glasfenster, in nur vier dezenten Glasfarben gehalten, stammen von Kutscher und Ess. Modern und sehr schlicht mit betontem aber dezentem Lichteinfall durch die wandhohen Fenster und kleinen quadratischen Oberlichter wurde die Trauerhalle auf dem Bad Nauheimer Friedhof gestaltet. Die grauen Betonwände verlangen daher nach Schmuckmotiven - nicht zu viel, nicht zu dramatisch. Barbara Wilhelmi hatte sich dazu über Bilder Gedanken gemacht, die den Kontext der Trauer und des Trostes, der Ewigkeit und Lebendigkeit ausdrücken könnten. Sie erinnerte sich an die Lithografie, den mehr als 200 Jahre alten Steindruck, den sie während ihres Studiums erlernt hatte. Bei diesem Flachdruckverfahren wird die Oberfläche in zwei verschiedenen Komponenten aufgebaut, bevor in einem geheimnisvollen Prozess, Ergebnisse auf Papier entstehen.

Für die Künstlerin haben Steine eine besondere Bedeutung: Sie sind lebendes Material, das spricht. Schon in der Bibel (Habakuk 2, 9-11) steht: "Wenn Menschen etwas verschweigen wollen, schreien die Steine." Auch Menschen in Trauer können oft nicht sprechen. "In diesem Raum kommt es darauf an, dass etwas auf die Seele einwirkt und tröstet", erklärt die Künstlerin. Besonders wenn Bilder hergestellt werden durch Jahrmillionen alte Steine, die etwas von ewigen Zeiten wissen. Es entstanden zwölf im Motiv ähnliche aber farblich unterschiedliche Steindrucke, die den Bogen spannen von der Erde zum Himmel und symbolisch Ausblick und Hoffnung geben. Bei drei Bildern gibt es zusätzlich zeichnerische Akzente, verblasste Schriftzeichen, die auf "eine andere Welt" jenseits des Irdischen verweisen.

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