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Dringender Sanierungsbedarf

Gefräßige Käfer gefährden Steinfurther Pfarrscheune

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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350 Jahre alt und kein bisschen baufällig. Schön wär’s: Die Pfarrscheune in Steinfurth muss dringend saniert werden, weil sich Hausbock und Nagekäfer an dem Denkmal zu schaffen machen.

Unter den Bad Nauheimer Stadtteilen ist Steinfurth vielleicht derjenige mit dem stärksten Zusammenhalt. Das zeigt sich alle zwei Jahren anlässlich des Rosenfests, aber auch aktuell bei der dringend erforderlichen Sanierung der Pfarrscheune in der Steinfurther Hauptstraße. Ein Beispiel: Mitten im Pressegespräch schaut ein Mann im Baudenkmal vorbei, drückt Heinz Acker vom Vorstand der evangelischen Kirchengemeinde einen Briefumschlag mit einer Spende in die Hand. Das Geld sei für die Renovierung, lässt der Besucher wissen und verabschiedet sich. "Er kommt ursprünglich nicht aus Steinfurth und ist außerdem katholisch", verrät Acker. Die Pfarrscheune sei eben ein Begriff, sie betreffe nicht nur Protestanten.

Vor Jahren hatte Pfarrer Siegfried Nickel erste Schäden an dem imposanten Gebäude entdeckt, das als Gemeindezentrum dient, aber auch vom Dekanat oder von Vereinen genutzt wird. Die Fachwerkfüllung wölbte sich an manchen Stellen nach außen, Putz blätterte ab. 2018 ergab ein Holzgutachten das befürchtete Resultat: Neben Hausbock und Nagekäfer machen Hausporling (Pilz) und Fäulnis den Eichenbalken zu schaffen. "Besonders betroffen ist der Gebäudeteil an der Ecke Hauptstraße/Kellereigasse", erläutert Nickel. Ein Statikerbüro legte 2019 eine Expertise vor und sah akuten Handlungsbedarf.

Landeskirche zahlt nur ein Drittel

Allein der erste Bauabschnitt wird 80 000 Euro verschlingen. Doch damit dürften nicht alle Schäden beseitigt sein, auch wenn die Gemeinde Glück im Unglück hat. Laut Heinz Acker ist die Dachkonstruktion ebenso in Ordnung wie die Zwischendecken. In einem Raum hatten die Gutachter den Boden geöffnet, um sich die Balken anzuschauen.

Das Geld aufzubringen ist für die Kirchengemeinde Steinfurth/Wisselsheim mit ihren 1550 Mitgliedern eine Mammutaufgabe, denn die Landeskirche steuert nur 26 000 Euro bei. "Viele Gebäude, wenig Geld", bringt Pfarrer Nickel die Lage auf einen kurzen Nenner. Zudem lasse Corona die Steuereinnahmen weiter sinken. Nach den Worten von Heinz Acker bekommt die Kirchengemeinde Steinfurth auch deshalb einen relativ geringen Zuschuss, weil sie sich für ihre Größe ein recht großes Gemeindezentrum leiste.

Im Frühjahr soll mit dem ersten Bauabschnitt gestartet werden. Wie viele weitere folgen müssen, ist noch unklar. Der Sanierungsfortschritt wird auch von den Finanzen der Kirchengemeinde abhängen. Zudem ist die Instandsetzung des Baudenkmals nur eine von drei "Baustellen".

Nach Aussage des Pfarrers müsste die alte Mauer, die das Kirchengelände umgibt, ebenfalls dringend instand gesetzt werden. Aus Sicherheitsgründen können diese Arbeiten nicht auf die lange Bank geschoben werden. Nickel zufolge ist bereits eine Ausschreibung erfolgt. Bei dieser Gelegenheit soll möglichst der hässliche Drahtzaun auf der Natursteinmauer entfernt werden. Und dann gibt es noch den großen Raum im Obergeschoss der Scheune, der aus Brandschutz-Gründen nicht mehr genutzt werden kann. Geplant ist der Anbau einer Stahltreppe als Fluchtweg.

Die Kirchengemeinde benötigt also viel Geld - zunächst einmal 54 000 Euro für den ersten Bauabschnitt der Scheunen-Renovierung. Im Sommer wurde ein Arbeitskreis gegründet, der sich um Spendenaktivitäten kümmert, unter anderem eine Crowdfunding-Aktion. "Vier, fünf Leute, die bisher nicht allzu aktiv waren, haben sich begeistern lassen", sagt Heinz Acker.

Bäckerei verkauft "Scheunenbrot"

Etwa 4500 Euro sind an Spenden bisher eingegangen. Zudem hat die Stadt 5000 Euro bewilligt. Pfarrer Nickel hofft auf eine Förderung durch die Denkmalschutzbehörden. Schließlich erhielt die Kirchengemeinde in den 1980er Jahren für die Pfarrscheune den Denkmalschutzpreis des Landes. Seit Monaten wird das anstehende Bauprojekt von der Gemeinde immer wieder im Mitteilungsheft "Die Eule" thematisiert. 1700 Flyer mit einem Spendenaufruf wurden gedruckt, alle Konfirmanden der vergangenen Jahrzehnte werden angeschrieben.

Siegfried Nickel, der seit zwölf Jahren in Steinfurth tätig ist, und Heinz Acker sind zuversichtlich, das nötige Geld zusammenzubekommen. Sie freuen sich über das Engagement vieler Bürger - auch wenn es um kleine Beträge geht. So verkauft Bäcker Faulstich jetzt ein "Scheunenbrot". Es kostet 2,60 Euro, 30 Cent fließen in den Spendentopf.

Gemeindezentrum seit 1986

Die Steinfurther Pfarrscheune wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts neben der 1490 eingeweihten Kirche errichtet. Die Pfarrer wurden damals mit Naturalien bezahlt, die sie dort lagerten. Außerdem bauten die Geistlichen bis in die 1920er Jahre selbst Kartoffeln an und hielten Vieh. 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Steinfurth eine Diskussion über einen Abriss der Scheune und den Neubau eines Gemeindezentrums. Ende der 70er Jahre fiel die Entscheidung zugunsten einer Sanierung des heruntergekommenen Bauwerks.

Die Renovierung erfolgte im Lauf mehrerer Jahre, im April 1986 erfolgte die Einweihung des Gemeindezentrums. Die rund 100 aktiven Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Steinfurth/Wisselsheim nutzen das Baudenkmal für zahlreiche Aktivitäten - von Frauen- und Jugendarbeit bis zum Essen für Alleinstehende. Weil in dem dreistöckigen Gebäude neben der Küche sechs Räume zur Verfügung stehen, gibt es auch genügend Platz für Aktivitäten des evangelischen Dekanats. Vereine wie der TV oder Sänger sind in der Pfarrscheune auch zu Gast.

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