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Manfred Geisler zeigt in Bad Nauheim edle Stücke

Für Jugendstilsammler ist ein Flohmarkt wie eine Wundertüte

  • VonHanna von Prosch
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Manfred Geisler liebt den Jugendstil, ist wegen dieser Kunstrichtung von Köln nach Bad Nauheim gezogen. Jetzt zeigt er im Sprudelhof edle Stücke seiner Pivatsammlung.

Manfred Geisler trieb es wie einen Blumensamen nach Bad Nauheim, im Mai 2019. Zweimal drängte ihn ein Freund, er müsse das Jugendstil-Ensemble unbedingt besuchen. Dann kam er - mit dem Faible für kleine intakte Städte. Der Samen ging auf in einer ersten Ausstellung. Dass auch seine Sammlung für immer hier blühen soll, ist sein Wunsch.

Der erste Weg des Kölners führte ins Jugendstil-Theater. Dann erst ging Manfred Geislers Blick zum Sprudelhof, wo er inzwischen heimisch ist. In seiner Person vollkommen uneitel, ruhig in der Sprache, mit einem spitzbübisch wissenden Lächeln um die Augen, offenbart er seine Leidenschaft: Die »vier Dekaden in die Moderne«. Wenn er erzählt, fließen Künstlernamen, Werkstätten, Orte, Objekte und Geschichten ineinander, so viel Wissen steckt in jedem seiner Sammlerstücke. Man muss ihn zurückholen, will man auch ein wenig vom Menschen Manfred Geisler wissen.

Mit acht Jahren fand Geisler beim Graben im Familiengarten eine Preußenmünze von 1848. Seine Sammelleidenschaft, zunächst auch auf Briefmarken und Fußballartikel gerichtet, war geweckt. Erst 1977 entdeckte er den Jugendstil für sich. Als Student mit schmalem Geldbeutel erwarb er auf einem Flohmarkt sein erstes Stück: einen Spiegel mit Seerosenfries.

Vorfreude auf die Ausstellung 2020

Da ihn die Weimarer Republik als eine Zeit des künstlerischen Aufbruchs in die Moderne schon immer interessierte, sei auch die für 2022 geplante zweite Bad Nauheimer Ausstellung mit Exponaten aus dieser Zeit sein absoluter Favorit, sagt er. Inzwischen beschäftige er sich intensiver mit dem Wiener und dem französischen Jugendstil. Die Wunschliste schöner Stücke sei noch lang, schmunzelt Geisler.

30 Jahre lang betrieb der Jugendstil-Sammler ein Feinkostgeschäft in Köln. Das Ingenieursstudium, das er seinen Eltern zuliebe durchgezogen hatte, befriedigte ihn nicht. Viel lieber studierte er an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln Fotografie und nebenbei in Bonn Kunstgeschichte. »Eigentlich wollte ich mich mit einer Galerie und Gastronomie selbstständig machen. Aber dann bekam ich ein nicht auszuschlagendes Angebot für den Weinhandel«, verrät er.

Geisler bewies sich als sach- und kunstverständiger Kaufmann. Er liebte im Geschäft wie auf den Flohmärkten, den Handel und den Kontakt zu den Menschen. Heute ist er sich sicher: Hätte er die Wahl zwischen Wein und Delikatessen einerseits und dem Ankauf eines Objekts andererseits, würde er sich immer für den Jugendstil entscheiden.

Die spannenden Zusammenhänge dieser kurzen Epoche beeindrucken ihn noch immer. »Ich hatte einen tollen Professor, der sammelte damals Spritzdekor-Keramik. Damit steckte er mich an. Später mochte ich die kubistischen Objekte von Paul Speck mehr, und ich war begeistert von der Avantgardistin Margarete Heymann, die am Bauhaus studierte, ebenso wie Hildegard Delius mit ihrer Gebrauchskeramik.« Ein beachtlicher Teil seiner Sammlung besteht aus Keramik und Porzellan, Glas und Besteckteilen sowie 500 Papierarbeiten. Schon früh gehörten Möbel dazu, darunter der legendäre Thonet-Stuhl.

Eine Kaminuhr von Albin Müller

Beim Darmstädter Jugendstil fangen Geislers Augen Feuer: »Vor drei Jahren habe ich mir einen Wunsch erfüllt und eine Kaminuhr von Albin Müller erstanden. Sie war im Magdeburger Zimmer auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis ausgestellt. Mein teuerster Einkauf, aber ich bin glücklich.« Eine Rarität ist das Buch »Also sprach Zarathustra« von Henry van der Velde, das er für einen Meilenstein der Grafik hält und auf einer Auktion erwarb. Geisler lebt mit den Dingen. Bisweilen tauschte seine Frau in ihrem Wohnhaus das eine gegen anderes aus. Manches Stück musste er lange suchen in den vollgestopften Kisten, obwohl seine Sammlung konsequent strukturiert ist.

Und auch seine Lieblingsmusik bewegt sich um 1900: »Ich mag das Schwebende von Ravel und Debussy und die Ballette von Strawinsky, aber manchmal auch Jazziges und Modernes.« Jeden Text schreibt er selbst aus seinem unerschöpflichen Erfahrungsschatz. Manfred Geisler ist das, was er von Flohmärkten sagt: eine Wundertüte. Die sich vielleicht für Bad Nauheim weit öffnet: Über den Verbleib seiner Sammlung will er noch intensive Gespräche mit der Stadt führen.

Öffnungszeiten der Ausstellung im Sprudelhof

Die Privatsammlung Geisler umfasst rund 2500 Objekte und Papierwerke aus der Zeit zwischen 1900 und 1940. Eine Auswahl ist auf Youtube zu sehen (»COLLECTION 1900 modern times«). Infos zur aktuellen Ausstellung gibt’s unter: jugendstilforum.de/jugendstilkeramik-tendenzen-einer-neuen-zeit. Die Ausstellung im Badehaus 3 ist bis April 2022 geöffnet (täglich 14 bis 18 Uhr); geschlossen ist sie freitags bis sonntags am 1. und 3. Wochenende des Monats. Anmeldung zu Führungen sind möglich unter Telefon 0 60 32/9 25 17 42 oder per Mail: kontakt@jugendstilverein.de. Öffentliche Führungen gibt es jede vierte Woche im Monat, Mittwoch, Samstag und Sonntag von 15 und 16 Uhr.

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