agl_choi2_010621_4c_1
+
Prof. Yeong-Hoon Choi leitet die Abteilung Herzchirurgie. Im vergangenen Jahr sind an der Kerckhoff-Klinik sieben Herzen und zwei Lungen transplantiert worden.

Interview

Bad Nauheimer Arzt über Organspenden: „Bei Herzen und Lungen ist der Mangel eklatant“

  • Christoph Agel
    VonChristoph Agel
    schließen

Prof. Yeong-Hoon Choi, Direktor der Abteilung Herzchirurgie an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik, spricht über Leid, Euphorie und über Pandemie-Folgen.

Wie groß ist derzeit der Mangel an Spenderorganen? Und bei welchen Organen ist er besonders eklatant?

Bei Herzen und Lungen ist der Mangel besonders eklatant, da die Anforderungen an die Organqualität bei Herzen und Lungen deutlich höher als bei allen anderen Organen sind. Hinzu kommt, dass das Transplantations-Team spezifisch für den Empfänger rausfahren und das Organ entnehmen muss - und das ist sehr zeitkritisch. Vor vier Jahren hatten wir in Deutschland den Tiefpunkt mit 300 Transplantationen. Im Vergleich dazu konnten wir vor etwas über 20 Jahren über 500 im Jahr durchführen. Aber selbst das war nicht ausreichend für die Patienten, die auf der Warteliste waren.

Es war erst kürzlich eine Gesetzesänderung angedacht, derzufolge man sich im Sinne einer Widerspruchsregelung aktiv gegen eine Organspende hätte entscheiden müssen.

Gesundheitsminister Spahn hatte diese Widerspruchsregelung auf den Weg gebracht. Das hieße, man müsste sich, so wie zum Beispiel in Österreich und Spanien, aktiv dagegen aussprechen. Ansonsten wäre man erst mal per se Organspender.

Das fänden Sie wahrscheinlich sinnvoller, oder?

Natürlich. Daraus ist in der Bevölkerung aber die Angst entstanden, keine Entscheidungsgewalt mehr über seinen Körper, seine Organe zu haben und komplett entmündigt zu werden. Dabei kann natürlich jeder ohne Weiteres verweigern. Diese Angst aber hat sicherlich mit dazu geführt, dass am Ende der Gesetzentwurf nicht durchgegangen ist. Und Leute wollen nicht gerne Organe spenden. Man möchte quasi unversehrt beerdigt, verbrannt oder nach dem Tod sozusagen weiterexistieren, was auch immer »existieren« dann heißt. Deshalb ist es umso wichtiger, auf das Thema Organspende aufmerksam zu machen. Auch die Kerckhoff-Klinik leistet seit Jahren Aufklärungsarbeit zum Thema, unter anderem an Schulen und Universitäten. Für den diesjährigen Tag der Organspende, der unter dem Motto »Entscheide dich« steht, machen Kolleginnen und Kollegen in einem kurzen Video darauf aufmerksam, wie einfach es ist, sich zu entscheiden. Ja oder Nein zur Organspende? So schafft man Klarheit für sich und seine Angehörigen.

Wie viele Organe wurden 2020 in der Kerckhoff-Klinik transplantiert?

Wir sind sehr stolz darauf, dass wir im letzten Jahr sieben Herzen und zwei Lungen unter Covid-19-Pandemie-Bedingungen erfolgreich transplantiert haben. Das gesamte Herz-Team der Klinik hat hier großartige Teamarbeit geleistet. Und glücklicherweise verfügen wir in der Kerckhoff-Klinik über eine hervorragende Infrastruktur, die auch unter erschwerten Bedingungen diese komplexen lebensrettenden Eingriffe ermöglicht. Im Vergleich zu den Jahren zuvor, in denen wir nur ein Herz pro Jahr transplantiert haben, ist das eine gewaltige Steigerung.

Wie erleben Sie Menschen, die auf eines neues Organ warten?

Die Patienten auf der Hochdringlichkeitsliste sind so kritisch, dass sie im Krankenhaus sind und kreislaufunterstützende Medikamente brauchen, rund um die Uhr. Die Patienten, die wissen, dass sie in akuter Lebensgefahr sind, laufen quasi auf der letzten Rille und sind verzweifelt. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine ebenerdige Wohnung, gehen dort zehn Meter und sind aus der Puste wie wir nach einem Sprint. Wenn diese Menschen hierher kommen, sind sie verängstigt, weil die Lebensgefahr wie ein Damoklesschwert über ihnen hängt. Auf der anderen Seite die große Hoffnung. Und sie sind hoch motiviert und versuchen, sich so fit wie möglich zu halten. Teilweise schaffen die Patienten nur wenige Minuten auf einem motorbetriebenen Heimtrainer, der es ermöglicht, die Beinmuskulatur zumindest passiv zu bewegen.

Wie erleben Sie Menschen, die ein neues Herz bekommen haben?

Die Erholungsphase nach der OP ist deutlich schwieriger als bei »normalen« Herzpatienten. Das Erste, was bei den Patienten passiert, wenn sie wach werden, ist die Euphorie darüber, überlebt zu haben. Dann fallen viele nicht selten in ein neues Stimmungstal hinein, denn den Patienten geht es nicht akut so viel besser. Der eine oder andere Patient muss auch erst verarbeiten, ein fremdes Herz in der Brust zu haben. Das ist ja ein ganz zentrales Organ. Den Sitz der Seele hat man implantiert bekommen.

Gibt es Patienten, die wissen möchten, von wem das Organ stammt?

Sie möchten das gerne wissen, aber wir dürfen keine Informationen dazu herausgeben. Allein eine Information über die Region, woher das Organ stammt, kann da schon zu viel sein. Bei so wenigen Transplantationen im Jahr wäre es durchaus möglich, mit dieser Information noch weitere Informationen zu recherchieren. Spender- und Empfängerseite dürfen keinen Kontakt zuei-

nander herstellen können, alleine schon, um keine moralische Verpflichtung aufkeimen zu lassen. Mögliche Forderungen jeglicher Art der Angehörigen der Organspender gegenüber den Organempfängern werden auf diesem Wege unterbunden.

Wegen der Pandemie haben sich viele Menschen nicht ins Krankenhaus getraut. Könnte dies dazu führen, dass bei deutlich mehr Menschen ein Organ so kaputt ist, dass sie ein neues brauchen?

Vielleicht kommt in nächster Zeit eine deutlich größere Welle an Patienten auf uns zu, die wegen einer nicht optimalen Therapie einen schnelleren Progress ihrer Erkrankung hatten. Wir hätten dann eine noch höhere Nachfrage nach Organen bei gleicher Spenderbereitschaft.

Könnte auch Covid-19 selbst - Stichwort Long Covid - einen größeren Bedarf an Spenderorganen zur Folge haben?

Es ist beschrieben, dass Patienten nach einer Covid-19-Infektion schwer krank werden können, was die Herzfunktion angeht. Das reicht nahe an das Niveau heran, was Patienten haben, die für eine Transplantation gelistet sind. In erster Linie sind allerdings die Lungen von der Covid-19-Infektion betroffen, was dazu geführt hat, dass zum Beispiel Zentren wie das UKGM in Gießen Patienten mit zerstörter Lunge transplantiert haben, nachdem die Corona-Infektion an sich ausgestanden war.

Wie werden in der Kerckhoff-Klinik Menschen, die auf ein neues Organ warten, vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus geschützt?

Es geht nicht nur darum, dass das Personal durch noch mehr Schutzkleidung und Händedesinfektion den Patienten noch mehr schützen muss, sondern wir mussten auch zusehen, dass sich alle Wege, die theoretisch Covid-Patienten nehmen, nicht mit anderen Wegen kreuzen. Welche Patienten dürfen über welche Aufzüge transportiert werden? Durch eine Neustrukturierung der Intensivmedizin an der Kerckhoff-Klinik nach Fachgebieten (internistisch und chirurgisch) und der Inbetriebnahme einer hochmodernen neuen Intensivstation nach einer etwa einjährigen Umbauphase wurde die Umsetzung dieser Konzepte außerordentlich vereinfacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare