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Fitness-Trainer: Am Ende fließt doch noch Schweiß

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Alles eine Frage der Einstellung: Fitnesstrainer Leon Heinrichs zeigt Stammkundin Sabine Lyhs, wie sie das Gerät zur Stärkung der Wirbelsäule optimal nutzen kann.
Alles eine Frage der Einstellung: Fitnesstrainer Leon Heinrichs zeigt Stammkundin Sabine Lyhs, wie sie das Gerät zur Stärkung der Wirbelsäule optimal nutzen kann. © Jürgen Wagner

Bad Nauheim (jw). 11 Uhr. Leon Heinrichs nimmt einen Mitgliedsausweis entgegen, tauscht ihn gegen einen Spindschlüssel, wünscht der Frau viel Spaß und registriert den Besuch im Computer. Dort kann er auch ablesen, dass die Stunde bis zwölf definitiv nicht zu den Stoßzeiten im Bad Nauheimer Fitness-Treff Lindemann gehört.

Gerade watschelt ein Dreikäsehoch am Tresen vorbei, die Mutter eilt hinterher. Stemmen die jetzt schon Hanteln, bevor sie in den Kindergarten gehen? Leon Heinrichs lacht: »Der kommt aus der Kinderbetreuung.« Die wird im Fitness-Treff an der Birkenkaute dreimal pro Woche angeboten. Die Mütter besuchen einen Bodystyling- oder »Step & Pump«-Kurs, die Kinder vertreiben sich derweil mit Moni, einer ehemaligen Kinderkrankenschwester, im Spielzimmer die Zeit. Es herrscht familiäre Atmosphäre.

»Bei 800 Mitgliedern kennt jeder jeden. In großen Sportstudios mit 5000 Mitgliedern ist das anders«, sagt Andreas Lindemann. Seit mehr als 25 Jahren betreibt der zweimalige Kickbox-Weltmeister ein Fitnessstudio mit Sauna und Kursen – von Rückentraining über Yoga bis Kickboxen. Auch Leon Heinrichs ist Kickboxer, aber nicht nur. Der 23-Jährige hat vieles ausprobiert: Fußball, Handball, Turnen, Judo, Boxfitness und Laufen. Die richtige Voraussetzung für ein Studium der Fitness-Ökonomie. Das absolviert Heinrichs im dualen System an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Eschborn. Trainingslehre steht derzeit auf dem Stundenplan, die Aufgaben erhält er online.

Heinrichs lernt für die nächste Klausur in Betriebswirtschaftslehre. Nach sieben Semestern hat er den Bachelor of Arts, nebenher macht er Fitnesstrainer-Scheine.

Auch wenn vormittags nicht so viel los ist, zum Lernen kommt Heinrichs hinter dem Tresen nicht. »Es gibt immer was zu tun«, erzählt er. Getränke verkaufen, Geräte abstauben, kleine Reparaturen oder die Wasserqualität im Pool prüfen, in dem sich Saunagäste abkühlen. Heinrichs nimmt Wasserproben, prüft sie auf ph-Wert und Chlorgehalt. Im Sommer wird das dreimal am Tag gemacht. »Das Gesundheitsamt überprüft das Wasser regelmäßig«, sagt Lindemann.

Am Computer können die Mitarbeiter des Fitness-Treffs auch ablesen, welchen Tarif die Gäste gebucht haben: normal, Daylight (bis 17 Uhr) oder Happy-Hour (12 bis 17 Uhr). Die Software verrät, dass über 51 Prozent der Gäste regelmäßig kommen und Tagesgäste im Fitnesstreff eher selten sind, in der Sauna aber vorkommen. Auch dort haben sich Cliquen gebildet, treffen sich Stammgäste immer zur gleichen Zeit.

Ein ungeprobtes Lob

»Mir macht es Spaß, mit anderen Menschen zu arbeiten«, sagt Heinrichs und wird in diesem Moment an eines der Geräte gerufen. Sabine Lyhs kommt seit vier Jahren, trainiert an Geräten und besucht das Rückentraining. Nun will sie ihre Wirbelsäule am »Rotary Torso« auf Vordermann bringen und die schräge Bauchmuskulatur trainieren. Bei diesem Gerät sitzt man, dreht den Oberkörper abwechselnd nach links und nach rechts und drückt dabei zwei Schulterpolster zur Seite. Lyhs ist mit der Einstellung der Gewichte nicht zufrieden. Heinrichs erläutert ihr die Beweglichkeit von Lenden- und Brustwirbeln, gibt Tipps zur Haltung und stellt die Gewichte neu ein. »Das war zu viel«, sagt er. Lyhs probiert’s gleich aus, es passt, sie strahlt und keucht glücklich: »Bestes Fitnessstudio, wo gibt.« »Das haben wir nicht geprobt«, lacht Heinrichs.

Die meisten Fehler würden an Bauchgeräten gemacht, sagt der Fitnesstrainer. Wer sich falsch reinsetzt und bei Übungen verkrampft, kann sich die Muskulatur ruinieren. Darauf müssen die Trainer ein Auge werfen. Gerade vormittags haben sie mehr Zeit für individuelle Tipps, weiß Erhard Winkler. »Eigentlich braucht man nur am Anfang eine Anleitung.« Aber zwischendurch mal fragen, ob man nichts verkehrt macht, ist auch nicht verkehrt. Der 74-Jährige kommt regelmäßig mit seiner Frau Roswitha (72) ins Studio, und die ist voll des Lobes über Leon. »Der macht das sehr schön, ohne besserwisserisch zu sein«, sagt sie. Ihr Mann ergänzt: »Das hier ist keine reine Muckibude. Auch die etwas älteren Leute können in diesem Studio gut trainieren.«

Gerade hat Heinrichs zwei Stammgästen am Tresen Spindschlüssel ausgehändigt, wirklich schweißtreibend ist der Job im Fitnesscenter ja wohl nicht, oder? »Doch, doch«, sagt er und blickt zur Uhr: Kurz vor zwölf, Zeit für den ersten Aufguss in der Sauna.

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