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Jede Stimme des Jungen Sinfonieorchesters Wetzlar ist beim Kammerkonzert in der Bad Nauheimer Wilhelmskirche mit Körper und Seele dabei.

Feingefühl und Leidenschaft

  • VonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Mit voller Power traten sie an, diesmal im Nonett: Das Kammerensemble des Jungen Sinfonieorchesters Wetzlar begann die neue Saison der städtischen Kammermusikreihe mit Mendelssohn, Elgar und Grieg und erntete großen Applaus.

»Wolkenflug und Nebelflor« war das Konzert betitelt - mit direktem Bezug zur ersten Komposition. Denn diese Verse aus Goethes Walpurgisnachtszene im Faust inspirierten den erst 16-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy für ein Scherzo. Im Jahr 1825, in dem er das Oktett in Es-Dur op. 20 für die berühmten Sonntagskonzerte im Hause Mendelssohn schrieb, hatte er Goethe schon zum zweiten Mal persönlich getroffen.

»Wolkenflug und Nebelflor erhellen sich von oben. Luft im Laub und Wind im Rohr. Und alles ist zerstoben«, heißt es bei Goethe. Das Bild einer geheimnisvollen Walpurgisnacht mit wilden Hexenritten, kecken Kobolden, mit Getöse und Geflüster malt der junge Felix wie ein Bilderbuch als dritten Satz mit Noten aus. Am Schluss flattert die Geige federleicht auf - und alles ist zerstoben.

Sehnsuchtsvolle Klänge

Doch schon der erste Satz ließ in der energisch jubelnden Interpretation des Kammerensembles ahnen, welche Fülle von Musikvorstellungen der junge Komponist in seinem Kopf gehabt haben muss. Die Läufe wirbelten und forderten die erste Geige (Ariane Köster) wie einst den Freund und Geigenvirtuosen Eduard Rietz. Das Werk trägt quasi symphonische Züge wie im Autograf vermerkt ist: »Pianos und Fortes müssen genau eingehalten und schärfer betont werden als gewöhnlich in Werken dieses Charakters.«

Im vierten Satz setzt Mendelssohn dem ganzen mit einem bravourösen siebenstimmigen Doppelfugato die Krone auf. Das jugendliche Temperament war spürbar in den drei weiteren Violinen (Joachim Kreiter, Dorle Ellmers, Katharina Schumacher), den zwei Bratschen (Jonathan Steinert und Felix Leidinger) und den ausdrucksstarken Celli (Christopher Blüthgen und Anja Schlemminger). Der Kontrabass (Michael Götzen) kam in dieser Fassung extra dazu.

Die beiden folgenden Komponisten schließen sich alters- und stilmäßig an Mendelssohn an. Edward Elgar, der später zum Nationalkomponisten der Briten wird, komponierte mit 35 Jahren - noch nicht auf der Höhe seines Ruhms - sein op. 20: die Serenade für Streichorchester e-Moll. Als Geiger wusste Elgar den Charme und den Farbenreichtum des Streicherklangs voll auszuschöpfen. Die drei Sätze sind von mittleren bis tiefen Lagen geprägt mit pastoralen bis sehnsuchtsvollen Klängen. Nach einem ausdrucksvollen Larghetto schließt sich das heitere Allegretto mit Themen aus dem ersten Satz an. In den romantischen Akzenten, fließenden Passagen und drangvollen Betonungen zeigte das Ensemble seine beeindruckenden Stärken in jeder einzelnen Stimmgruppe.

Den Abschluss bildete Edvard Griegs Suite im alten Stil »Aus Holbergs Zeit«. Anlässlich des 200. Geburtstags des norwegischen Dichters und Philosophen Ludvig Holberg, der im Jahr 1884 in Bergen gefeiert wurde, schrieb Grieg dieses Werk als sein op. 40. Vielleicht ist diese Komposition so beliebt, weil Grieg so gut die Verquickung von romantischem Streicherklang und spätbarocker Orchestersuite gelang. Von festlich über träumerisch bis heiter und galant tänzelnd reichen die Stimmungen der fünf Sätze. Das Wetzlarer Ensemble nahm sie auf und überreichte sie dem Publikum mit einem virtuosen Abschluss in erster Violine und Bratsche.

Man wollte von den neun Musizierenden nicht wissen, wer Profi und wer Laie ist, denn jede Stimme war mit Körper und Seele dabei, brachte Energie und Feingefühl, Leidenschaft und feinste harmonische Abstimmung ein. Das wurde noch einmal deutlich bei der Zugabe nach herzlichem Applaus: »Der letzte Frühling« von Edvard Grieg.

Diesmal musste wegen der Bundestagswahl das Konzert in der Wilhelmskirche stattfinden. Gerade bei dieser Power-Besetzung hätte ein größerer Saal den Hörgenuss noch weiter steigern können.

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