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Voller Begeisterung spricht Jolanta Lepper von ihrer Arbeit als Hebamme. In ihrer eigenen Praxis in Bad Nauheim betreut sie Schwangere und Mütter.

Welthebammentag

Faszination Lebenswunder: Bad Nauheimer Hebamme spricht über ihren Beruf

Die Bad Nauheimer Hebamme Jolanta Lepper ist seit 28 Jahren im Beruf. Sie erzählt, wieso sie das Wunder der Geburt begeistert und warum man ein bisschen verrückt sein muss, um Hebamme zu sein.

Es ist Welthebammentag - ohne Pandemie würden heute unzählige Aktionen und Infoveranstaltungen weltweit auf den Wert der Hebammenarbeit hinweisen. Ein wichtiger Tag, findet auch Jolanta Lepper.

Beim Betreten ihrer Hebammenpraxis in Bad Nauheim verspürt man ein Gefühl von Geborgenheit. Die Räume sind liebevoll eingerichtet, im Hintergrund läuft leise Musik. »Ich habe einen Beruf mit einer besonderen Herausforderung gesucht«, sagt sie. Neugierde und Faszination für das Lebenswunder hatten sie zu einem Praktikum im Kreißsaal gebracht - und zur Entscheidung, die Herausforderung anzunehmen.

Hebamme aus Bad Nauheim: Ein Leben im Kreißsaal

»Der Beruf ist wahnsinnig emotional. Er ist voller Freude«, sagt Lepper. In ihrer Heimat musste die gebürtige Litauerin dafür studieren - so wie es seit Januar 2020 auch in Deutschland geregelt ist. Nach ihrem Studium kam Lepper als Au-Pair-Mädchen nach Deutschland, wo sie ihren Mann kennenlernte und blieb. »Ich habe in Gießen am Uniklinikum als Klinikhebamme im Kreißsaal gearbeitet. Aber mir hat immer etwas gefehlt. Ich wollte die Frauen von Anfang an begleiten und unterstützen«, sagt Lepper. »Also habe ich als Beleghebamme angefangen.« So habe sie die Frauen von der Schwangerschaft über die Geburt im Krankenhaus bis hin zum Wochenbett betreuen können - eine zeitintensive Beschäftigung. »Ein Baby kommt, egal ob du gerade den Geburtstag deines Kindes feierst oder woanders eingeladen bist«, sagt Lepper und lacht. Sie sei sehr dankbar für das Verständnis, das ihre Familie für sie aufgebracht habe. »Ich habe im Kreißsaal gelebt. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um diesen Job zu machen.«

Hebammen vermitteln Glaubne an den eigenen Körper

Bei ihrer Betreuung in der Schwangerschaft legt Lepper den Fokus zunächst auf die Mutter. »Ich versuche, den Frauen den Glauben an ihren eigenen Körper zu vermitteln«, sagt sie. Es sei wichtig, sich um das Wohlbefinden der Frau zu kümmern. »Wenn sie sich etwas Gutes tut, dann geht es auch dem Baby gut.« Lepper möchte die werdenden Mütter auf ein positives Geburtserlebnis vorbereiten. »Nicht umsonst haben wir 40 Wochen dafür Zeit - um Entspannung zu lernen, Vorfreude zu teilen und uns auf unsere eigenen Erfahrungen einzulassen.«

Bis zum vergangenen Sommer hat Lepper als freiberufliche Hebamme auch Geburtshilfe praktiziert und insgesamt über 4000 Babys geholt. Dass sie jetzt nur noch die Betreuung in der Schwangerschaft und im Wochenbett übernimmt sowie Kurse zur Geburtsvorbereitung und Rückbildung anbietet, habe nichts mit der hohen Haftpflichtversicherung zu tun, die freiberufliche Geburtshelferinnen zahlen müssen. »Das war für mich nie ein Grund, meinen Beruf nicht frei auszuüben«, sagt Lepper. Die Entscheidung habe sie aus zeitlichen Gründen zugunsten ihrer Familie getroffen.

Hebamme: Viele Berufe in einem

Dass es einen Hebammenmangel gebe und immer weniger junge Frauen den Beruf ergreifen, sieht Lepper weder in der hohen Versicherungssumme, noch in der neuen akademischen Ausbildung begründet. »Wir haben viele Berufe. Wir sind nicht nur Geburtshelfer, wir sind auch Psychologen, Eheberater, Finanzberater, Erzieher, Mediatoren. Wir sind mit vielen Themen konfrontiert, und ich denke, das ist zu viel.« Lepper glaubt, dass junge Leute durchaus arbeiten, aber auch viel Geld damit verdienen wollten. »Als Hebamme wird man eben nicht reich.«

Auch, dass man für die ganzheitliche Betreuung eine Reihe Fortbildungen machen und diese selbst zahlen müsse, könne laut Lepper ein Grund sein. »Ob man die wissenschaftliche Basis im Studium oder in der Ausbildung lernt, ist unerheblich. Die notwendige Psychologie, die man beispielsweise für die Gesprächstherapie braucht, kommt dabei zu kurz.« Zur Ergreifung des Berufs gehöre eine große Portion Hingabe und Leidenschaft. »Es ist eine Berufung.«

Früher habe der Fokus mehr auf der Geburtsvorbereitung gelegen, heute werde eine Hebamme vornehmlich für die Nachsorge im Wochenbett angefragt. »Früher haben alle zusammen gewohnt - Mutter, Großmutter, Cousine. Das ist heute nicht mehr so. Die jungen Mütter haben Fragen«, sagt Lepper. Als Hebamme halte sie Antworten bereit, und sei es nur, wie man die Babykleidung richtig sortiert.

Lepper sei für alle bisherigen Erfahrungen dankbar - das gelte auch für Corona. »Wir können aus guten und schlechten Erlebnissen gleichsam etwas mitnehmen«, sagt sie. Ihre Kurse bietet sie pandemiebedingt nun auch online an.

Vertrauen ist Wertschätzung

Die größte Wertschätzung, die man ihr als Hebamme entgegenbringen könne, sei eine erneute Anfrage. »Wenn mich Mütter anrufen, die ich vor fünf Jahren schon einmal betreut habe, und sie meine Arbeit für ihr zweites Kind wollen - dieses Vertrauen ist das größte Geschenk.«

Hebamme - ein akademischer Beruf?

Jolanta Lepper musste in ihrer Heimat Litauen schon vor 30 Jahren ein Studium für ihren Wunschberuf Hebamme absolvieren. Nun ist der Beruf auch in Deutschland akademisiert worden: Wer Hebamme werden möchte, muss jetzt ein Bachelorstudium abschließen. Aktuell gibt es laut Deutschem Hebammenverband (DHV) jedoch nicht genügend Studienplätze dafür.

Noch bis 2027 werden Hebammen weiter in Berufsfachschulen ausgebildet. Da diese zunächst die Mehrheit der Hebammen bilden werden, fordert der DHV die übergangsweise Gleichstellung ihrer Qualifikation mit der Qualifikation akademisch ausgebildeter Hebammen. So sollen die berufliche Perspektiven der altrechtlich ausgebildeter Hebammen gesichert werden.

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