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Fast vergessene Schmiererei

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Bad Nauheim-Rödgen (ihm). Man könnte es skurril nennen, wenn es nicht so traurig wäre. »Ihr seid hier nicht willkommen«: Dieser Spruch, der in großen Buchstaben plötzlich auf der Spielplatzmauer in Rödgen prangt, hat für Aufregung in dem Bad Nauheimer Stadtteil gesorgt. Was steckt dahinter? Nicht das, was zunächst vermutet wurde.

Das darf doch nicht wahr sein!«, dachte Hanngeorg Votteler im ersten Moment, als er am Dienstag am Rödgener Spielplatz vorbeiging. Das Bad Nauheimer Grünamt hatte Efeubewuchs von den Mauern entfernt, worauf sich Votteler das Ergebnis anschauen wollte und den Satz »Ihr seid hier nicht willkommen« entdeckte. »Es wohnen ja Flüchtlinge im angrenzenden Alten Rathaus – da dachte ich sofort an rechtsradikale Schmierereien«, erzählt Votteler. Umgehend rief er Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch an, die ebenfalls schockiert war. »Ich bin sofort dorthin gefahren und habe es mit Schrecken gesehen.« Mütter, die mit ihren Kindern auf dem Spielplatz gewesen waren, hätten sie auch schon alarmiert. »Sie haben gesagt, dass sie die Mauer streichen wollen, und gefragt, ob ich Farbe habe.«

Babitz-Koch konnte damit nicht aushelfen, rief stattdessen bei der Bad Nauheimer Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) an, der das Haus gehört, die aber nicht für den Spielplatz zuständig ist. »Schließlich habe ich erreicht, dass der städtische Bauhof es weiß streichen wird«, zeigt sich die Christdemokratin erleichtert. Die Mütter hätten sich daraufhin bereiterklärt, die Wand im Frühjahr mit Blumen-Malereien zu verzieren. Zu diesem Zeitpunkt war die Ortsvorsteherin immer noch in heller Aufregung, rief bei der WZ an, um sich von den Schmierereien zu distanzieren. »So etwas wollen wir nicht in Rödgen«, betonte sie.

Kurz darauf klingelte Votteler erneut bei ihr an – und meldete Fehlalarm. Er hatte die Nachbarschaft über seine Entdeckung unterrichtet, darunter auch Rolf Friedrich aus seiner Straße, der Licht ins Dunkel brachte. »Ich las den Satz und sagte: ›Mensch, das ist doch der uralte Spruch.»« Vor 17 Jahren hätten kurzzeitig zwei Jungen in Rödgen gewohnt, erinnert sich Friedrich. Die beiden hätten sich mit der Dorfjugend nicht verstanden. »Es war ein Dummer-Jungen-Streich. Einer hat dann nachts den Spruch gegen die beiden Waldorfschüler aufgebracht.

« Die Nachbarn hätten sich alle über einen Schreibfehler darin amüsiert, woran Friedrich den Satz letztlich auch wiedererkannte. Das Ganze sei folgenlos geblieben, die Familie mit den zwei Jungen kurz darauf fortgezogen. Friedrich weiß nicht, wer der Täter war, hat aber eine Vermutung – sollte sie zutreffen, wohne auch er nicht mehr in Rödgen. Mit der Zeit bedeckte der Efeu die Mauer des Spielplatzes, der im vergangenen Jahr saniert wurde und – abgesehen von der Schmiererei – ein nettes Bild bietet.

»Die Menschen im Dorf sind sehr liebenswürdig zu uns – wir fühlen uns hier wohl«, lächelt eine Bewohnerin des Alten Rathauses, die aus Syrien stammt.

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