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Udo Kühnel präsentiert beim Jugendstil-Festival seine Hochräder.

Fahrten auf dem »Knochenschüttler«

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Bad Nauheim (hms). Leichte Regenspritzer fielen am Samstag auf die Brüsseler Spitzen der Sonnenschirmchen der in der Trinkkuranlage flanierenden Damen. Doch sie waren, wie ihre befrackten Begleiter, gut behütet, weshalb das Jugendstil-Festival unbeschadet seinen Verlauf nahm. Wie immer rissen sich Schaulustige um Fotos mit Jugendstil-Paaren oder staunten an den Ständen mit Schmuck, Glas, Holz und Accessoires.

Musik- und Tanzgruppen lieferten in der Konzertmuschel stilvolle Unterhaltung bis in den Abend hinein.

Udo Kühnel vom Radfahrer-Verein Groß-Gerau hatte immer eine Schar Interessenten um sich, sofern er nicht auf dem 26-Kilo-Hochrad mit dem Zylinder grüßend eine Runde drehte. Er hatte ein robustes Trainingsrad, den »Boneshaker« («Knochenschüttler«) dabei und ein Holzrad mit Eisenrädern. Der Nachbau eines weiteren Rades von 1810 erinnerte an moderne Kleinräder.

Flanieren mit einigen Erbstücken

Unter den Besuchern promenierten zwei ältere Damen »ohne Namen« in Schwarz-Weiß. Seit gut 14 Jahren bereichern sie das Festival stilgerecht. »Kleidung, Schmuck und Täschchen sind alles Erbstücke. Als ich sie auf dem Dachboden im Schrank entdeckte, musste ich kräftig lüften«, erzählt eine von ihnen.

Stolz am Fahrrad steht Inge Rauner-Gensrich im selbst entworfenen und genähten cremefarbenen Spitzenkleid. Über die Schulter hat sie die Fuchsstola geworfen, über den Sommerhandschuhen blitzt eine Granat-Armspange. Mindestens 45 Minuten brauche sie, um die Garderobe anzulegen und für die Hochsteckfrisur unterm Hut. »Ich habe schließlich keine Zofe. Dafür muss mein Mann beim Einhaken des Gürtels behilflich sein.«

»Die Damen waren damals wie heute auf Wirkung bedacht«, erklärt Ulrike Hofmockel aus Dietenhofen die Hutmode. Gediegene Hüte mit Feder für den dezenten Typ oder zum Einkaufen, großer Kopfschmuck und auffällige Farben zum Repräsentieren.

Und da schlendern auch schon drei junge Herren von den Eisenbahnfreunden Wetterau vorbei. Philipp hat den eleganten Cutaway angelegt und blickt etwas nervös auf die Taschenuhr an der Kette. Da kann Florian André nicht mithalten, denn er muss als Mann der Mittelschicht mit einem graugestreiften Tagesanzug vorlieb nehmen. Der obligatorische Spazierstock darf nicht fehlen. Und Tristan ist in der schnieken Ausgehuniform eines Lokführers der Großherzöglichen Hessischen Eisenbahn ein stolzer Mann des gehobenen Dienstes.

Auch Handwerker sind vertreten, wie die Keramikerin Elisabeth Reuter, die die Jugendstilfarbe Türkis und sanfte wellige Muster auf ihren Töpfereien verwendet. Wie Möbelrestaurator Harald Sättler erklärt, dauert es 40 Stunden, einen Stuhl von Grund auf zu restaurieren: »Meistens sind durch lange Nutzung Verbindungen lose und müssen neu verleimt werden. Dann waschen oder lösen wir die Holzoberfläche an, schleifen sie, bringen mehrere Schichten Schellack auf und polieren diesen von Hand. Anschließend wird die Sitzfläche neu geflochten oder mit Stoffen nach Originalmustern gepolstert.« Zwischen einem unrestaurierten Thonet-Kinderhochstuhl und einem zum Lackieren vorbereiteten Stuhl sieht man deutlich den Unterschied.

Nebenan haben Kinder ihre Ecke, wo sie, wie früher, aus Draht Armbänder und Blumen biegen können. Nach Originalmotiven aus dem Sprudelhof werden im Linoldruck Stoffe bedruckt. Damals waren auch Stelzenlauf, Steckenpferdreiten und Seilspringen beliebte Kinderbeschäftigungen, was manche Kleinen mit Begeisterung ausprobieren.

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