Für Karlheinz Jost ist der Beruf Fahrlehrer "ein unglaublich schöner". Für seine Fahrschule sucht er aber seit über zwei Jahren mehrere Fahrlehrer.	FOTO: MMF
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Für Karlheinz Jost ist der Beruf Fahrlehrer »ein unglaublich schöner«. Für seine Fahrschule sucht er aber seit über zwei Jahren mehrere Fahrlehrer. FOTO: MMF

Fahrschule Jost

Bad Nauheim: Fahrschule reagiert auf Mangel an Fahrlehrern in der Wetterau

  • vonMarion Müller
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Der Fahrlehrermangel macht sich auch in der Wetterau bemerkbar. Die ersten müssen Kunden wegschicken, weil sie nicht genug Fahrlehrer haben. So auch die Fahrschule Jost.

  • In der Wetterau herrscht ein Mangel an Fahrlehrern.
  • Für die Fahrschulen ist die Situation nicht einfach, Corona erschwert die Lage zusätzlich.
  • Bad Nauheim: Erste Fahrschule zieht Konsequenzen.

Bad Nauheim – Karlheinz Jost sitzt an seinem Schreibtisch in der Fahrschule in Nieder-Mörlen, hinter ihm die Leinwand für den Beamer. Vor ihm ist eine große Plexiglasscheibe am Schreibtisch befestigt, ebenso an den Tischen, wo die Fahrschüler während des Theorieunterrichts sitzen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie zeigen sich auch in der Fahrschule Jost. »Wir mussten insgesamt acht Wochen die Fahrschule schließen«, sagt der Chef.

Fahrlehrermangel in der Wetterau: Standort Ockstadt geschlossen

Karlheinz Jost ist seit 35 Jahren Fahrlehrer und betreibt seit 33 Jahren mit seiner Frau Susanne die Fahrschule. In der Wetterau haben sie insgesamt drei Standorte: Zwei in Nieder-Mörlen und einen in Dorheim. Den Standort in Ockstadt mussten sie schließen. Aber nicht erst seit Corona: »Wir haben einfach nicht genug Fahrlehrer«, beklagt Jost. »Wir suchen seit über zwei Jahren drei bis vier Fahrlehrer.« In Ockstadt könne kein Unterricht mehr stattfinden.

»Zwei Drittel aller Fahrschulen in Deutschland suchen Fahrlehrer«, erzählt Jost. »Ich kenne bei uns in der Wetterau keine Fahrschule, die keine Fahrlehrer sucht.« Dabei ist für Karlheinz Jost der Beruf »ein unheimlich schöner«. »Ich mache das unglaublich gerne«, sagt er begeistert.

Seiner Meinung nach gingen immer noch viele davon aus, dass der Beruf schlecht bezahlt sei. Früher sei das auch so gewesen. Doch heute würden Fahrlehrer sehr gut bezahlt, sogar überdurchschnittlich. 3500 Euro brutto verdiene ein Fahrlehrer bei 220 Schulstunden.

Fahrlehrermangel in der Wetterau: Kosten für die Ausbildung selbst tragen

Ein weiteres Problem seien die Kosten für die Ausbildung. Denn die müsse der angehende Fahrlehrer selbst tragen. Diese lägen zwischen 10 000 und 15 000 Euro. Hinzu käme, dass die meisten eine Umschulung zum Fahrlehrer machen. Das heißt, sie haben vorher Geld verdient und müssten während der einjährigen Ausbildung auf Gehalt verzichten. »Die Frage ist, wer kann das?«, gibt Jost zu bedenken.

Früher habe vor allem die Bundeswehr Fahrlehrer ausgebildet. »Heute kommen fast keine mehr«, sagt Jost. »Die Arbeitsagenturen haben 2017/2018 zu spät erkannt, dass Fahrlehrer ein Mangelberuf ist.« Inzwischen finanzierten die Arbeitsagenturen Umschulungen. Eine weitere Finanzierungsmöglichkeit gebe es mit dem Meister-Bafög.

Was der Fahrschul-Chef an seinem Beruf mag: »Ich habe mit allen Altersklassen zu tun und lerne viele verschiedene Leute kennen.« Das begeistere ihn. Nur die Verwaltungsaufgaben, die er als Chef hat, mag er nicht besonders. Ein weiterer positiver Punkt: »Ich kann mir die Zeit frei einteilen.«

Fahrlehrermangel in der Wetterau: Arbeitszeiten auch mal abends oder am Wochenende

Allerdings müsse auch mal abends oder am Wochenende gearbeitet werden. Hauptarbeitszeit sei vor allem der späte Nachmittag. Das schrecke viele ab. »Allerdings ist der Rhythmus anders, und man muss nicht den ganzen Tag arbeiten. Man kann zum Beispiel mit Frau und Kind zu Mittag essen. In welchem Beruf kann man das heute noch?« In der Fahrschule Jost müssten die Fahrlehrer in der Regel nicht am Wochenende arbeiten.

Das Ehepaar Jost bietet ihren Fahrlehrern Fort- und Weiterbildungen an. Die Kosten dafür übernehme die Fahrschule. »Ich möchte, dass unsere Fahrlehrer auf dem Markt bestehen können, wenn wir irgendwann aufhören«, sagt Jost. Er habe zur Zeit zwei vollwertige Fahrlehrer, die alle Klassen ausbilden dürfen, bis auf die Klasse D, den Busführerschein. Fahrlehrer hierfür gebe es nur sehr wenige. Das liege laut Ehepaar Jost vor allem an dem »großen Papierkram«, um ausbilden zu dürfen.

Fahrlehrermangel in der Wetterau: Lange Wartezeiten für Prüfungstermine

Die Corona-Pandemie erschwere die Ausbildung neuer Fahrlehrer zusätzlich. »Vier Fahrlehrer warten seit Wochen auf einen Prüfungstermin«, beklagt der Fahrschulleiter. Aber nicht nur die Fahrlehrer müssen länger auf ihre Prüfungstermine warten. Auch die Fahrschüler müssen teilweise bis zu vier Wochen warten, bis sie beim TÜV ihre Prüfung ablegen können.

»Über 50 Leute habe ich weggeschickt. Das hängt aber auch zum Teil mit Corona zusammen«, sagt Susanne Jost. Die Konsequenz seien vor allem Umsatzeinbußen. »Wir können nicht mehr alle bedienen«, sagt Karlheinz Jost. »Das hätten wir nie gedacht, dass wir durch den Personalmangel Kundschaft ablehnen müssen.«

Fahrlehrermangel in der Wetterau: 981 Fahrlehrer-Prüfungen seit 2018

Die Fahrschule Jost beschäftigt zur Zeit sieben Fahrlehrer in Vollzeit, drei in Teilzeit und vier in Ausbildung. Während der Ausbildung absolvieren angehende Fahrlehrer ein Schnupperpraktikum. Nach der einjährigen Ausbildung müssen sie erneut ein Praktikum in der Fahrschule absolvieren. Dieses dauert laut Karlheinz Jost Minimum 4,5 Monate und in der Regel sechs. Das abschließende Praktikum werde zudem vergütet.

Das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt hat seit 1. Januar 2018 insgesamt 981 Fahrlehrer-Prüfungen in allen Prüfungsteilen durchgeführt. Die Zahl beinhaltet die Prüfungsteile Fachkundeprüfung, fahrpraktische Prüfung und Lehrproben. Aufgeteilt auf die einzelnen Jahre sind das: 2018 (396), 2019 (361), 2020 Stand 1. September (224). Das RP Darmstadt umfasst zehn Landkreise, darunter der Wetteraukreis, und vier kreisfreie Städte.

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