Ghazal Noori und ihr Bruder Kais: Intelligente junge Menschen, die ihren Weg gehen. Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung machen sie trotzdem immer wieder. FOTO. ROHDE
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Ghazal Noori und ihr Bruder Kais: Intelligente junge Menschen, die ihren Weg gehen. Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung machen sie trotzdem immer wieder. FOTO. ROHDE

Diskriminierung

Erfahrungen einer jungen Bad Nauheimerin: Immer wieder ausgegrenzt

  • vonHedwig Rohde
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Ghazal Noori stammt aus Afghanistan, lebt mit ihrer Familie seit 17 Jahren in Deutschland, ist Bad Nauheimerin. Die Studentin erzählt davon, wie sie und ihr Bruder immer wieder diskriminiert werden.

Aus einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geht hervor, dass sich 36 Prozent der Befragten schon mal diskriminiert gefühlt haben. Sprache wandelt sich permanent. Neue Begriffe werden gebildet, sind modern und verschwinden wieder, andere erhalten im Lauf der Zeit eine neue Bedeutung. So wie das lateinische Verb "discriminare". Vor 2000 Jahren bedeutete es ganz neutral "trennen, unterscheiden". Der von dem Verb abgeleitete Begriff Diskriminierung hingegen wird heute ausschließlich wertend verwendet, mit einem negativen Vorzeichen: Ein Mensch (eine Gruppe) ist getrennt von anderen, er (sie) gehört nicht dazu. Trennend kann dabei vieles sein: die Herkunft und die sexuelle Identität ebenso wie Geschlecht, Religion, Weltanschauung, sozialer Status, Behinderung oder Alter.

Neben diese eher groben Kriterien treten im Alltag zahlreiche feinere Unterscheidungen, die dazu führen können, dass einzelne Menschen oder Gruppen als "nicht zugehörig" empfunden und ausgegrenzt und/oder benachteiligt werden.

Probleme mit Lehrern

Ghazal Noori, 21-jährige THM-Studentin im fünften Semester mit einem Faible für Naturwissenschaften, lebt seit der Flucht ihrer Familie aus Afghanistan vor 17 Jahren mit Eltern und drei Geschwistern in Deutschland. Ihr Vater arbeitet als Arzt in einer Klinik, die Mutter ist in Teilzeit berufstätig, die Kinder studieren oder gehen zur Schule. Erst vor Kurzem hat die Familie ein Haus gekauft. Ghazal Nooris Erfahrungen mit Diskriminierung sind umfassend. "Am schlimmsten finde ich persönlich, dass von denen, die mitbekommen, dass man ausgegrenzt oder diskriminiert wird, 75 Prozent gar nichts machen", sagt sie.

Ihr ein Jahr älterer Bruder Kais machte während der Schulzeit Erfahrungen mit Diskriminierung. "Bestimmte Lehrer haben alles dafür getan, dass er vom Gymnasium auf eine Realschule wechselt", erinnert sich die Schwester. Sie ist heute noch empört über die Lehrerin, die ihre entsprechende "Empfehlung" mit dem Satz begründet habe, dass "die Jungs aus eurem Kulturkreis wohl nicht an ihrer Schule interessiert sind".

Kais besuchte damals die fünfte Klasse des Gymnasiums, und ausweislich seines Zeugnisses war die Versetzung in die sechste Klasse kein Problem. Dennoch zitierte besagte Lehrerin die Mutter in die Schule und forderte sie - unterstützt durch weitere Lehrer - auf, entweder einer Wiederholung der Klasse oder dem Wechsel auf die Realschule zuzustimmen.

Kopftuch ist ein Thema

"Erst als die Schulsekretärin darauf hinwies, dass sein Zeugnis doch gar nicht schlecht ist, war die Diskussion beendet. Die beteiligten Lehrer haben Kais aber bis zum Ende seiner Schullaufbahn diskriminiert. Konsequenzen hatte das nicht für sie", erzählt Ghazal Noori. Sie selbst wird kontinuierlich mit ausgrenzenden Bemerkungen konfrontiert. "Es passiert immer wieder, dass eine Kollegin zu mir sagt: ›Na, wo kommst du denn her? Wo ist dein Kopftuch? Zwingt dich dein Vater nicht dazu, eines zu tragen?‹ Oder jemand fragt bei der Einladung zu einer Feier: ›Wirst du auch das Kopftuch tragen? Bitte mach das nicht! Du darfst dich nicht unterdrücken lassen!‹"

Ghazal Noori ist eine intelligente, selbstbewusste junge Frau, doch die Häufung solcher Fragen hat im Laufe der Jahre auch bei ihr Spuren hinterlassen. Sie flüchtet dann oft in Ironie, beispielsweise mit Antworten wie "Wenn mein Ehemann das von mir verlangt, dann trage ich ein Kopftuch."

Spuck-Attacke auf der Straße

Manche Attacken beschränken sich allerdings nicht auf Worte. Als Ghazal Noori eines Tages mit ihrer Freundin, die ein Kopftuch trägt, über die Straße ging, hielt ein Auto an. Der Fahrer beugte sich aus dem Wagen, betitelte die Freundin laut schreiend als "Kopftuchschlampe" und spuckte sie an. Unterstützung erhielten die beiden jungen Frauen nicht, auch nicht bei der Polizei, wo sie Anzeige erstatten wollten. Das bringe nichts, sie sollten es besser lassen, habe die Beamtin gesagt.

Nach 17 Jahren in Deutschland zieht Ghazal, die gerne hier lebt, doch ein ernüchterndes Fazit: "Schlimm sind im Allgemeinen nicht die Beleidigungen durch irgendwelche Idioten, das Ausgrenzen oder die Diskriminierung an sich. Ich persönlich finde es am schlimmsten, wie alle die anderen, die solche Vorfälle mitbekommen, damit umgehen: 75 Prozent von ihnen machen einfach gar nichts!"

Kampagne der Stadt Bad Nauheim

"Inklusion geht uns alle an" lautet der Titel der aktuellen Kampagne der Stadt Bad Nauheim. Zehn Wochen lang (mit einer Unterbrechung wegen des Shutdowns) soll sie in klassischen und sozialen Medien mit vier Plakaten Aspekte des Themas beleuchten. Die WZ beteiligt sich an der Kampagne mit einer Artikelserie über Menschen, die von ihrem Schicksal berichten. Den Anfang machte am 5. Dezember Horst Dziggel als Beispiel dafür, dass 95 Prozent aller Behinderungen nicht angeboren sind, sondern erst im Lauf des Lebens auftreten. Heute berichten wir über Ghazal Noori, die seit 17 Jahren in Deutschland lebt und immer wieder Diskriminierung erfährt.

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