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Erdogan-Umfrage: Verunsicherung ist spürbar

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Immer wieder Erdogan: Auch bei Demonstrationen in Deutschland taucht das Konterfei des türkischen Präsidenten des Öfteren auf – hier in Form eines Schals.
Immer wieder Erdogan: Auch bei Demonstrationen in Deutschland taucht das Konterfei des türkischen Präsidenten des Öfteren auf – hier in Form eines Schals. © DPA Deutsche Presseagentur

Bad Nauheim (mi). Wie schätzen Türken, die in Bad Nauheim leben, die politische Lage in ihrer Heimat ein? Viele wollen sich zu diesem Thema überhaupt nicht äußern, andere vertrauen der Kraft der Demokratie weiter, fast alle hatten große Angst um ihre Verwandten, als das Militär Präsident Erdogan von der Macht vertreiben wollte.

Die meisten türkischstämmigen Bad Nauheimer haben Brüder, Schwestern, Eltern oder Kinder, die sich angesichts der Sommerferien gerade in der Ursprungsheimat aufhalten. »Wir haben telefoniert mit unseren Verwandten, und man hat uns beruhigt«, erzählt eine in Bad Nauheim lebende Türkin. Sie hatte natürlich große Angst, als das »Soldatenregime«, wie sie es formuliert, versucht hat, Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP-Regierung von der Macht zu vertreiben.

Ihren Namen möchte die Frau für politische Aussagen allerdings nicht in diesem Zeitungsartikel genannt wissen – so wie viele ihrer Landsleute, die in der Wetterau leben und auch hierzulande bezüglich der politischen Verhältnisse in der Heimat sehr verunsichert sind.

Er hätte nie geglaubt, dass im Jahr 2016 so etwas noch einmal passieren könnte, erklärt ein Bad Nauheimer Geschäftsmann, der wie viele Türken in der Kurstadt sofort abwinkt, als er nach seiner Einschätzung über die Situation dort gefragt wird. Über Politik im Allgemeinen, die Retourkutsche von Erdogan nach dem Putsch und den Ausbau seiner Machtposition mithilfe des Ausnahmezustands möchte auch er nicht öffentlich spekulieren.

»Wir schauen hier Fernsehen oder lesen die hiesigen Zeitungen. Aber wer weiß, was dort unten wirklich gerade geschieht«, meint Bektas Berktas, der in der Kurstadt eine Änderungsschneiderei betreibt und zur aktuellen Regierung in der Türkei derzeit keine Alternative sieht.

Erinnerung an Putsch von 1980

»Erdogan ist vom Volk gewählt worden und hat die Demokratie auch verteidigt. Sein Medienbild hierzulande ist natürlich überschattet und wird negativ gezeichnet, aber andere westliche Politiker haben auch schon Fehler gemacht. Vielleicht wird auch in den hiesigen Medien einiges schwärzer gemalt, als es wirklich ist«, überlegt Ertekin Tosunoglu, der bald nach Izmir fliegen wird, wo sich der Großteil seiner Familie bereits seit einigen Tagen aufhält.

»Weil wir auch in der Vergangenheit schon einiges erlebt haben, halte ich die aktuelle Lage nicht für so bedrohlich wie damals und habe aktuell keine Angst um meine Verwandten«, erinnert sich Tosunoglu an den Militärputsch von 1980, der bereits der dritte in der türkischen Geschichte war. Damals war die Armee unter Leitung von Generalstabschef Kenan Evren erfolgreicher als kürzlich und übernahm die Regierung.

Auch Aydin Berktas, der längst in der Bad Nauheimer Altstadt zu Hause ist, steht in ständigem Kontakt mt Verwandten in Ankara, der türkischen Hauptstadt, wo er geboren ist. »Meine zwei Schwestern, meine Mutti, mein Bruder, alle sind gerade dort. Aber ich habe keine Angst um sie. Der Putsch in den 80er Jahren war schlimmer. Damals war die Lage gefährlicher. Natürlich hoffen wir, dass es auch in der Zukunft Demokratie und Freiheit in der Türkei gibt – auch unter Erdogan. Er ist ja selbst von der Demokratie nach oben gespült worden.«

Auch Berktas’ Schwager, der als politischer Berater in der Türkei tätig ist, hält die Situation dort aktuell nicht für so bedrohlich, wie sie in Deutschland beschrieben werde. »Ich bin ganz sicher, dass der Großteil der türkischen Bevölkerung aus Demokraten besteht. Das hat man auch in den letzten Wochen erkannt«, ist Aydin Berktas überzeugt.

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