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Jana Scheerer liest aus ihrem Buch.

»Er hat seinen Totenschein selbst ausgefüllt«

  • VonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim (gk). Es war eine Elvis-Hommage der etwas anderen, leiseren Art, die am Samstag im Teichhaus über die Bühne ging. Eingeladen von der »Elvisworld« in Hochheim am Main, stellte die Autorin Jana Scheerer ihr Buch »Mein innerer Elvis« im Rahmen einer 90-minütigen Lesung vor. Musikalisch begleitet wurde sie von Shezad Eikmeier, der als »Shelvis« einen bunten Strauß legendärer Titel des King zu Gehör brachte.

»Mein innerer Elvis« ist die Geschichte des Teenagers Antje, die sich bereits als kleines Mädchen in ihr Idol verliebt hat. Mit ihren Eltern, die dort einige Studienjahre verbracht haben, ist sie unterwegs nach Pittsburgh, um ein befreundetes amerikanisches Ehepaar mit deren Tochter Nelly zu besuchen. Mit viel Selbstironie und teils heftiger Kritik an ihren spießigen Eltern berichtet Antje unter anderem vom Aufenthalt in Pittsburgh, Eifersüchteleien zwischen ihr und Nelly und der Fahrt nach »Graceland«, dem überdimensionalen Elvis-Heiligtum, das jährlich Millionen Fans anzieht.

Über die Last von Kult und Kitsch

Der Weg dorthin ist mit Hindernissen, (harmlosen) Zankereien und skurrilen Erlebnissen gepflastert. Ein Kapitel ist dem Besuch der Niagarafälle gewidmet. Dort können sich Besucher neben einem Floß ablichten lassen, mit dem sie angeblich unter den herabstürzenden Wassermassen von Ufer zu Ufer gefahren sind. Antje findet den Touristenrummel einfach »zum Kotzen«.

Auf einem Markt in Pittsburgh spielt und singt sie mit ihrem Vater »In the Ghetto«. Unterdessen hat »Shelvis« diesen und weitere Lieder (»Fever«, »Wonder of you«, »Satisfy me«) professionell vorgetragen und viel Beifall des kleinen Auditoriums erhalten. Shezad Eikmeier versteht es nicht nur, den King gut zu imitieren (wie all die im Kurpark auftretenden Elvis-Imitatoren), sondern überzeugt eher mit seiner Fähigkeit, das unerreichbare Vorbild mit viel Empathie zu interpretieren. Seine Devise: Interpretation statt Imitation. Bereits beim ersten Song »Fever« hält es eine ältere Dame nicht mehr auf dem Stuhl. Sie sei mehrfach in »Graceland« gewesen; die Faszination sei noch immer so groß wie beim ersten Besuch dort.

»Hello, Mr. Presley!«: Antje ist mit Eltern und Freundin Nelly (die ihr auf den Nerv geht) endlich in »Graceland« eingetroffen. Hochgestimmte Erwartung weicht bald illusionsloser Ernüchterung: Kult und Kitsch sind kaum erträglich. Ist der King unter so viel Zuwendung nicht längst erstickt? Weht hier überhaupt noch eine Spur von seinem Genius? Nein, hier lebt gar nichts. »Graceland« ist ein bizarres Mausoleum - nichts sonst. Und wo ist Elvis? »Er hat seinen Totenschein selbst ausgefüllt« und lebt weiter in den Herzen derer, die ihn und seinen Genius lieben: »He’s always on our mind«.

Die intensive Schilderung von Antjes Gemütszustand angesichts der Monstrosität von Graceland bildet den Höhepunkt der Lesung Jana Scheerers aus ihrem Buch. Mit einem fetzigen Medley von »Shelvis« klingt die Hommage im Teichhaus aus.

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