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Dr. Bernt Kampmann übergibt die Spende an Tierpflegerin Sophie Pfingstl. Staffordshire Terrier Ayk ist mit zur Spendenübergabe gekommen. Der fünfjährige kastrierte Rüde ist zurzeit im Tierheim, sucht aber ein Zuhause.

»Empathie, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Bescheidenheit«

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
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Bad Nauheim (bf). Sprache verbindet. Und sie macht Freude - das Lernen, das Anwenden. Deswegen kommt immer dienstags im Salon D des Bad Nauheimer Parkstifts Aeskulap eine Gruppe Bewohner zusammen - zum English Conversation Circle. Um eben Konversation auf Englisch zu betreiben. Eines der Mitglieder, Dr. Liselotte Maier, ist am 17. Februar im Alter von 97 Jahren verstorben.

Im Conversation Circle hätten die Mitglieder überlegt, wie sie der Verstorbenen gedenken könnten, erzählt Dr. Bernt Kampmann. Der Bad Nauheimer und frühere Leiter der Diabetes-Klinik ist Aeskulap-Bewohner und Mitglied in der englischen Runde. Zuerst habe man darüber nachgedacht, einen Baum auf dem Areal zu pflanzen. Doch nach einigen Überlegungen sei man zu dem Schluss gekommen, Spenden zu sammeln - für das Tierheim Wetterau.

An die Ostfront geschickt

Denn, sagt Kampmann, das entspreche der Persönlichkeit der Verstorbenen am ehesten. Zeitungsartikel über die problematischen baulichen Zustände des Tierheims haben die Entscheidung bestätigt. 400 Euro sind zusammengekommen, die nun an das Tierheim übergeben worden sind.

Wer Dr. Liselotte Maier gewesen ist und wie sie es als Frau trotz der Kriegswirren geschafft hat, Ärztin zu werden - das durften die Mitglieder des Conversation Circle durch ein Interview erfahren, das im Juli 2020 in der Runde entstanden ist. Die Mitglieder Dr. Wolfgang Schaper, Dr. Jutta Schaper, Jürgen Matthiessen und Helga Matthiessen haben die Fragen ausgearbeitet und übersetzt.

Liselotte Sihle, so lautet ihr Geburtsname, wird 1923 geboren. Nach dem Abitur möchte sie Ärztin werden. Doch das sei 1942 nicht einfach für eine Frau gewesen, sagt Dr. Liselotte Maier in dem Interview. Schon früh habe sie sich für Wissenschaften interessiert: »Physik, Chemie, Biologie, sogar Mathe.« Und für die Medizin. Doch, sagt sie: Hitler habe nicht gewollt, dass Frauen Medizin studieren. »Auf der anderen Seite wurden viele Ärzte gebraucht wegen des Krieges.«

Liselotte Sihle bekommt schließlich die Erlaubnis für ein Medizinstudium im von den Deutschen besetzen Prag. Doch wegen des Krieges kann sie ihr Studium nicht beenden: Sie wird als Rot-Kreuz-Helferin an die Ostfront geschickt. An einem kalten Januartag durchbrechen russische Truppen die deutsche Verteidigungslinie - nur 70 Kilometer von der Ambulanz entfernt, in der Liselotte Sihle stationiert ist. Ihr und den anderen gelingt die Flucht.

Als sie wieder in Deutschland angekommen sind, kontaktiert sie die Rot-Kreuz-Zentrale in Berlin. Sie wird zuerst nach Hamburg, dann nach Ütersen geschickt - in ein altes Schulgebäude, in dem sie ein einfaches Krankenhaus für deutsche Soldaten aufbauen sollen. Nach der Kapitulation kümmern sie und die Kollegen sich um rund 600 Patienten; englische Militärs sind die neuen Vorgesetzten.

Studium in Hamburg

In der Zwischenzeit kommen Mutter, Bruder und Schwester nach Hamburg. Auch die angehende Ärztin bekommt die Erlaubnis, dort zu leben - aber nur, weil sie zustimmt, eine Putzstelle anzunehmen. Im Wintersemester 1946/47 kann sie wieder ihr Medizinstudium aufnehmen.

Die Situation ist dennoch nicht einfach. Liselotte Sihle muss wegen Multiple-Sklerose-Beschwerden eine Zeit lang ins Krankenhaus. Als sie wieder nach Hause kommt, lebt sie mit Mutter und Geschwistern in einem Zimmer. Es sei eine Zeit des Hungers gewesen, sagt sie in dem Interview.

Letztlich gelingt es ihr, ihr Ziel zu erreichen: Sie schließt das Studium ab, arbeitet in den ersten Jahren in Krankenhäusern, wird Kinderärztin, erlangt ihre Promotion. Und sie trifft in dieser Zeit den Mann, den sie heiraten wird: Dr. Klaus Maier. Das Paar lebt in Frankfurt und bekommt einen Sohn. Erst Jahre später ziehen die Maiers nach Bad Nauheim, wo er eine Praxis eröffnet, in der auch sie arbeitet.

Allerdings nur für eine Weile. Er verkauft seine Praxis, sie arbeitet zuerst an der Uni Frankfurt in einem Labor, später wieder im Wetteraukreis: als Kinderärztin in einer kleinen Praxis. Zudem ist sie für die Gesundheitskontrolle der Kinder im Kreis zuständig, die in die Schule kommen. Später lehrt sie noch in der Carl-Oelemann-Schule der Landesärztekammer die Fächer Bakteriologie und Hygiene.

In dem Interview von 2020 wird Dr. Liselotte Maier gefragt, ob sie ein Vorbild hatte. Ihre Antwort: keine spezielle Person. Sie habe jeden Menschen geschätzt mit Charakter und den Eigenschaften Empathie, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Bescheidenheit.

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