koe_Literaturtag_Einstei_4c
+
Neugierige Zuhörerinnen und Zuhörer sitzen im Schatten des Goldsteinturms Dr. Brigitte Schulze (stehend) hat für sich und die Literaturgruppe Texte rund um einen amüsanten, humorvollen Albert Einstein entdeckt.

Einsteins unbekannte Verse

  • VonHanna von Prosch
    schließen

Bad Nauheim (hms). Zwischen Vogelgezwitscher und Kindergeplapper vorbeispazierender Familien weilten am Sonntag zwölf an Literatur interessierte, neugierige Zuhörerinnen und Zuhörer im Schatten des Goldsteinturms, um der Kultursoziologin Dr. Brigitte Schulze zuzuhören. Was sie entdeckten, waren Einsteins unbekannte Gedichte und Briefe an von ihm verehrte Damen und Kollegen:

»Heureka!«.

Es waren nur Fragmente, die aus dem reichhaltigen Programm des »Aktionstags Musik und Literatur in Hessen« übrig geblieben waren, nachdem sich viele Veranstalter nicht mehr rechtzeitig auf die plötzlichen Lockerungen einstellen konnten. In Bad Nauheim wanderte eine Gruppe mit Musik von Frauke pur und Gedichten von Klaus Harald Zöltzer zum Mammutbaum auf der Skiwiese. Auch am Planetenweg im Goldsteinpark lachte die Sonne. Und um die ging es letztlich auch in der spannenden Lesung rund um einen amüsanten, humorvollen Albert Einstein.

Das bekannte Foto mit der herausgestreckten Zunge lässt vielleicht schon ahnen, dass der weltberühmte Physiker und Nobelpreisträger von 1921 sich selbst nicht so ernst nahm. Er hielt es mit dem einfachen Leben und wollte vor allem nicht als Genie tituliert werden. Zu seinem 50. Geburtstag am 14. März 1929 überreichen ihm bibliophile Mitstreiter ein Bändchen mit dem Titel »Gelegentliches von Albert Einstein«. Es ist ein Schatzkästlein, das, wie Brigitte Schulze aus der Einführung zitierte, den Menschen Einstein birgt, »der aus der Tiefe seiner wunderbar reichen Persönlichkeit auch auf anscheinend abseitigen Gebieten bemerkenswerte Worte zu finden weiß«. So schrieb er einer Verehrerin auf die Autogrammkarte: »Wo ich geh und wo ich steh, stets ein Bild ich von mir seh‹, auf dem Schreibtisch, an der Wand, nur den Hals an schwarzem Band. Männlein, Weiblein wundersam, holen sich ein Autogramm, jeder muss ein Kritzel haben von dem hochgelehrten Knaben. Mensch, so frag in all dem Glück ich im rechten Augenblick, bist verrückt du etwa selber oder sind die andern Kälber?«

Er reimte, verfasste Knittelverse, spießte die Doppelbödigkeit in bürgerlicher Alltagsmoral mit Worten auf. Er dichtete im Stil von Wilhelm Busch, wenn er verliebt war oder sich langweilte. Dabei pflegte er als Pazifist und kritischer Intellektueller nach seiner Emigration in die USA auch tief greifende Korrespondenz mit gleichgesinnten Frauen wie Elisabeth, Königin von Belgien, Maria Born, seiner Stieftochter Margot oder Mascha Kaléko. Neckisch-Heiteres, unterzeichnet mit seinem Spitznamen »Der betrübte Elefant A. E.« reimte er bei längerer Abwesenheit für seine letzte Liebe Johanna Fantova. In diesen Briefgesprächen fühlten sie sich zum Teil in ihrer jüdischen Herkunft verbunden, vor allem aber in ihren literarisch-poetischen, musischen und humanitären Leidenschaften. Sie ermutigten sich gegenseitig zu der während des NS-Regiems oft verschütteten Sprache der Menschlichkeit.

Genie zu sein, war ihm nicht wichtig

In einem Brief an Königin Elisabeth von Belgien empfiehlt Einstein der Freundin ein Reklam-Bändchen, das ihr den im 18. Jahrhundert lebenden Physiker und Universalgelehrten aus Ober-Ramstadt, Georg Christoph Lichtenberg, näherbringen soll - Insbesondere in dem »ergötzlichen Brief der Erde an den Mond«. Auf Lichtenberg beruft sich Einstein gerne. Er tritt in einen Dialog mit dem längst gestorbenen Seelenverwandten, wie Schulze in der Open-Air-Lesung deutlich macht. So klingt Lichtenbergs Bekenntnis zur Menschenliebe in Einstein nach, beide waren streitbare Geister für ihre Ideale, beide verehrten Isaac Newton. Für Einstein sind dessen Gesetze über Energie und Schwerkraft Basis für seine Relativitätstheorie.

Das immer wieder für Dispute sorgende - auch 1920 bei seinem Kongressbesuch in Bad Nauheim - »Geheimnis der Sonne«, also dass auch Licht Materie ist, erfuhr die Gruppe beim anschließenden Gang entlang des Planetenwegs anhand einer gestellten Szene.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare