Jetzt wird es ernst, aber mit ganz viel Spaß: Klassenlehrer Oliver Segieth erklärt den Kindern die wichtigsten Regeln.
+
Jetzt wird es ernst, aber mit ganz viel Spaß: Klassenlehrer Oliver Segieth erklärt den Kindern die wichtigsten Regeln.

Singen verboten

Einschulung in Corona-Zeiten: Alle haben Bauchkneifen

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
    schließen

Einschulung bedeutet, dass alles neu ist: Schule, Schulhof, Mitschüler, Lehrerinnen und Lehrer, Klassenraum. Da muss man sich erstmal zurechtfinden.

Damit das auch in Zeiten von Corona klappt, lud die Bad Nauheimer Stadtschule am Samstag gleich zu sieben Einschulungsfeiern auf den Schulhof ein. Das hatgeklappt, die Kinder wollen wiederkommen. Singen ist verboten. Aber Tanzen nicht. Die Stadtschule an der Wilhelmskirche hat mit Holger Kapteinat einen neuen Musiklehrer, der seine Entertainerqualitäten zeigt. Beim "Singenden Känguru" stampfen alle die Füße auf den Boden oder wiegen wie Elvis die Hüften. Jetzt sind die Kinder wach, und Schulleiterin Margit Boas begrüßt alle.

Zwei Begleitpersonen pro Kind durften an der Feier teilnehmen. Bei Regen, in der Turnhalle, wäre es nur eine Person gewesen. Aber das Wetter hält, und Boas erläutert, was alles neu in Zeiten von Corona ist. "Im normalen Schulbetrieb hätten wir sieben Einschulungen nicht organisieren können", sagt sie der WZ. Fünf Einschulungen an der Wilhelmskirche und zwei in der Rotdornstraße stehen an. Das ist stressig, aber Boas und ihre Kolleginnen und Kollegen lassen sich nichts anmerken. Vielleicht behalte man den Samstag als Einschulungstag bei, sagt Boas. "Dann müssen die Eltern dienstags keinen Urlaub nehmen." In den ersten zwei Wochen nur Klassenunterricht, keine AGs, Maskenpflicht im Schulhaus, Abstandsregeln in den Pausen: "Sollte es einen Corona-Fall geben, können wir die Infektionskette leichter nachvollziehen."

Die Stadtschule ist mit 550 Schülerinnen und Schülern die größte Grundschule im Kreis. Die Corona-Regeln gelten aber genauso an den kleineren Schulen.

"Was lernt man in der Schule?", will Boas wissen. "Mathe und Rechnen" platzt es aus einem Jungen heraus. Dann liest die Rektorin die Geschichte von "Willi Wiberg" vor, der bei der Einschulung merkt, dass er nicht der einzige ist, der ein "Bauchkneifen" spürt. Wenn alle Bammel haben, ist das gleich nicht mehr so schlimm. Amalia, Johanna und Maja aus der 3. Klasse machen den Neuen Mut: "Wir helfen Euch, damit Ihr Euch zurechtfindet", sagen die Schulpatinnen. Jedes Kind bekommt eine(n).

Im Gänsemarsch in den Klassenraum

Beim Klassenfoto sollen alle die Schultüte in eine Richtung halten. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen "links" und "rechts" hat sich noch nicht ganz herumgesprochen. Dann rufen alle "Spaghettiiiiii", das Foto ist im Kasten, und die 1f marschiert im Gänsemarsch ins Klassenzimmer.

Klassenlehrer Oliver Segieth und seine Kollegin Julia Schmidt begleiten die Kinder, die sich mit glitzernden Haarspangen (die Dame) oder Fliege (der Herr) herausgeputzt haben. Segieth zeigt den Kindern als erstes die "Psst!- Regel": Einen Finger vorm Mund, einen Arm in die Luft strecken, so zeigt man, dass man zuhören will.

Im Sitzkreis versammeln sich zwölf Mädchen und sieben Jungen (ein Kind fehlt). Amira, Ella, Mark, Phillip, Mina, Yu Hang und die anderen schauen gespannt, als Segieth den Klassenbär vorstellt. Er hat noch keinen Namen, die Kinder sollen sich übers Wochenende einen ausdenken. "Mein Bär heißt Henri", sagt ein Kind. Dieser Name scheidet schon mal aus. "Ich habe einen Hasi", meldet sich ein Mädchen. Auch schön.

Dann liest Segieth die Geschichte vom "Frieder" vor, der sich nicht sicher ist, ob die Oma beim Befüllen der Schultüte alles richtig gemacht hat. Aber die Zeit rennt. "Wer kann die Uhr lesen?", fragt Segieth. Mehrere Finger gehen in die Höhe, ein Mädchen verkündet stolz: "Es ist kurz vor Eins." Da ist es bereits 13.15 Uhr, und Segith und Schmidt verteilen Elternbriefe, die wo eingepackt werden? "In die Mappenpost?" Fast richtig. "Postmappe" heißt das Ding.

Wer hat Lust auf Hausaufgaben, will Segieth wissen. "Ich nicht", meint ein Mädchen trocken. Die meisten anderen recken den Arm in die Höhe, das ist ein Anfang, damit kann man arbeiten. Als die ersten drei Blätter verstaut sind, stöhnt Tessa: "Ich hab’ den Überblick verloren." Und dann wird auch noch ein viertes Blatt ausgeteilt! Schule ist doch ganz schön stressig, zumal sich jetzt die Schnur vom Namensschild in der Haarspange verheddert. Am Ende bekommen alle Kinder eine von der Stadt gespendete Brezel, aus hygienischen Gründen in Papier eingepackt. Viele neue Erfahrungen, aber am Ende freuen sich die Kinder auf Dienstag. "Ich komme wieder", sagt ein Mädchen. Es gibt noch so viel zu erfahren und zu lernen.

Einschulung in Zahlen

2850 ABC-Schützen in 69 Grundschulen werden in diesem Jahr in der Wetterau eingeschult; vergangenes Schuljahr waren es 2800 Kinder. 108 Kinder (2019: 99) besuchen kreisweit eine Vorschulklasse, teilt das Staatliche Schulamt für den Wetteraukreis und den Hochtaunuskreis mit. Alle Zahlen sind seit Jahren ansteigend. Insgesamt werden in den Wetterauer Grundschulen 11 075 Kinder unterrichtet. Die Einschulungsfeiern finden traditionell dienstags statt, nach dem montäglichen Schulbeginn. Die Stadtschule an der Wilhelmskirche in Bad Nauheim mit ihrer Dependance in der Rotdornstraße macht eine Ausnahme. Wegen der Corona-Pandemie gab es hier am Samstag sieben Einschulungsfeiern nacheinander.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare