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Auch in der Seniorenresidenz Am Kaiserberg müssen Mitarbeiter und Bewohner das Beste aus der aktuellen Situation machen. Leiterin Samirah Pöpel kann beim Fototermin mit den Bewohnerinnen Gerda Wittig (M., 80 Jahre) und Gisela Krukow (91) mal kurz durchschnaufen. 

Alte Menschen schützen

Einsatz für die Risikogruppe: Wie ein Seniorenheim mit der Corona-Gefahr umgeht

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Spätestens nach den Corona-Todesfällen in einem Würzburger Altenheim ist klar: In solch einer Einrichtung ist größte Vorsicht geboten. Auch in der Bad Nauheimer Seniorenresidenz Am Kaiserberg.

Wer derzeit seinen Vater oder seine Mutter in der Bad Nauheimer Seniorenresidenz Am Kaiserberg besuchen möchte, muss durch den Haupteingang eintreten. Die Seiteneingänge sind geschlossen. An der Rezeption trägt sich der Besucher in eine Liste ein - mit Name, Adresse, Uhrzeit und dem Namen desjenigen, den er besuchen will. Bleiben darf der Besuch höchstens eine Stunde. Das Maximum pro Tag und Besucher. Corona verlangt von der Gesellschaft viel ab. Im Seniorenheim gilt das besonders. Alte Menschen gehören zur Risikogruppe. Der Alltag von Chefin Samirah Pöpel und ihren Mitarbeitern ist auf den Kopf gestellt.

Corona-Risikogruppe: Was bei Desinfektionsmittel zu bedenken ist

Es fängt bei der Hygiene an. Die ist auch sonst wichtig, aber in Corona-Zeiten spielt Desinfektion eine noch größere Rolle. Dennoch hänge man nicht alle fünf Meter einen Spender auf, sagt Pöpel. Erstens reiche es, wenn sich die Bewohner gründlich die Hände waschen würden, zweitens gebe es an allen wichtigen Stellen im Haus Desinfektionsmittel, drittens sei Nachschub schwer zu bekommen, auch wenn das Seniorenheim noch mit allen Schutzmaterialien ausgerüstet sei. Viertens gehe es um den Schutz demenzkranker Bewohner, die Desinfektionsmittel eventuell unsachgemäß benutzen könnten - mit üblen Folgen. "Sie würden es möglicherweise trinken, weil sie denken, es sei ein Wasserspender", sagt Pöpel.

Thema Besuch: "Gerade für unsere demenziell erkrankten Bewohner wäre es ganz schwierig, wenn wir eine komplette Kontaktsperre einführen würden", erläutert Pöpel. Es gibt jetzt enge Grenzen. Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dürfen nicht kommen. Sie können sich aber via Skype zuschalten, so sehen und hören die Bewohner ihre Liebsten wenigstens auf dem Handy oder auf dem Tablet. Das Kaiserberg-Team will diesen Service ausbauen, sagt Pöpel.

Corona-Risikogruppe: Bingo statt Ball, Garten statt Konzert

Nur die engsten Angehörigen dürfen kommen. Wer Husten oder Schnupfen hat, muss draußen bleiben. Mittlerweile treffe das auf volle Akzeptanz, erläutert die Leiterin. Anfangs sei das nicht immer so gewesen. "Wir machen auch von unserem Hausrecht Gebrauch." Zu Beginn hätten es zwei Leute nicht eingesehen, wegen Husten und Schnupfen draußen zu bleiben. "Wir haben mit der Polizei gedroht", sagt Pöpel.

Viele hätten aus Sorge um die Angehörigen ihre Besuche eingestellt. Die Bewohner müssen damit und mit anderem klarkommen. Normalerweise gibt es einen Shuttle-Bus in die Stadt, derzeit wird er nur zum Warentransport genutzt. Bis vor Kurzem haben Bewohner einander Schaumbälle zugeworfen und in der Kochgruppe geschnippelt. Heute sitzen sie in großen Räumen und kleinen Gruppen je zwei Meter auseinander, spielen Bingo oder singen. Oder sie gehen einzeln mit Pflegerin oder Pfleger durch den Garten. "Das ist am besten, dann sind sie an der frischen Luft", sagt Pöpel. "Viele haben diese innere Unruhe, sie brauchen die Bewegung." Chorauftritte fallen weg, ebenso der Besuch des Hundetherapeuten. Die Einzelbetreuung hat zugenommen.

Corona-Risikogruppe: Wenn der Friseurbesuch als Ritual wegfällt

Verlustängste und Sorgen um die eigene Gesundheit seien bei den Bewohnern zu spüren, sagt Pöpel. Die meisten würden die Einschränkungen klaglos hinnehmen, doch nicht jeder sehe alles ein. Einer Frau sei empfohlen worden, das Haus nicht zu verlassen, sie habe sich dennoch Richtung Innenstadt aufgemacht - nach dem Motto "Ich bin 90 Jahre, habe einen Weltkrieg erlebt". Für einen sehr gepflegten Herrn war es furchtbar, dass der Friseursalon im Haus schließen musste, sagt Pöpel. "Dann enden wir alle wie Hippies", habe er gesagt - mit Bedauern. Ein Ritual ist für ihn weggebrochen.

Damit keinem Bewohner die Decke auf den Kopf fällt und vor allem niemand krank wird, geben Pöpel und ihr Team alles. Die Chefin ist voll des Lobes für ihre Mitarbeiter: "Die sind alle sehr motiviert und sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie arbeiten mit ganz viel Herzblut und Engagement."

Eine 100-prozentige Garantie, dass das Virus nicht in die Seniorenresidenz eindringe, gebe es nicht, sagt Pöpel. "Wir sind an der vordersten Front und werden es bis zum Schluss auch bleiben."

Corona-Risikogruppe: Etwa 400 Bewohner und fast 280 Mitarbeiter

Die Bad Nauheimer Seniorenresidenzen Am Kaiserberg und Im Park gehören zur Alten- und Pflegeheim Schacht GmbH. Geschäftsführerin ist Carolin Reifschneider. Am Kaiserberg gibt es 170 Plätze, wovon etwa 165 belegt sind, Im Park werden aktuell fast alle 240 Plätze genutzt. Die meisten Bewohner sind über 80, die Älteste am Kaiserberg ist 99, Im Park gibt es eine 101-Jährige. In beiden Häusern arbeiten insgesamt fast 280 Menschen.

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