Für die stark eingeschränkte Sommer-Tour hat Sarah Lesch zwei Kollegen mitgenommen statt ihre Band: Daniel am Piano und Akkordeon und Erik an der Gitarre, am Schlagzeug und als Gesangspartner. FOTO: HMS
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Für die stark eingeschränkte Sommer-Tour hat Sarah Lesch zwei Kollegen mitgenommen statt ihre Band: Daniel am Piano und Akkordeon und Erik an der Gitarre, am Schlagzeug und als Gesangspartner. FOTO: HMS

Der Einsamkeit zum Trotze

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim(hms). Noch einmal ein lauer Sommerabend, ein Glas Wein in der Hand, Waffelduft in der Nase. Auf der glatten Wasserfläche der Trinkkuranlage spiegelt sich neben Baummonstern das Halbrund der Konzertmuschel im stimmungsvollen Farbwechsel. Auf der Bühne: Sarah Lesch - verträumt, sehnsuchtsvoll, aufrüttelnd. Ein würdiger Abschluss für die Sommerreihe 2020, veranstaltet vom Kulturamt mit dem TAF.

"Der Einsamkeit zum Trotze" heißt das vierte Album der Liedermacherin mit dem Schmelz in der Stimme, das im Mai herauskam. Als ob sie es geahnt hätte, dass viele Menschen in dieser Zeit einsam sein würden.

Wie gut sei es da, das Lagerfeuer einzuschalten statt des Fernsehers. In ihren lyrischen Texten macht sie den Menschen Mut, wünscht ihnen Hoffnung und Kraft. "Das Glück war sicher schon da, man hat es nur nicht gesehen", singt sie und zitiert Konstantin Wecker: "Wir haben alle die gleiche Sehnsucht." Sehnsucht als Arbeits-prinzip der Bardin.

Die 34-jährige Wahl-Leipzigerin ist eine Selfmade-Künstlerin von musikalischem Format. In ihren Liedern erzählt sie Alltagsgeschichten, Erlebnisse aus Begegnungen, sie spiegelt sich selbst und denkt nach über die Welt, die Menschen und die Liebe.

Ihre Sprache ist gewählt, es sei denn, sie will provozieren. Ihre Stimme ist facettenreich, klar und weich, kraftvoll und zurückhaltend. Ja, sie kann sich in Rage reden und singen, wenn sie das Publikum auffordert: "Ich beschwere mich am Mikrofon, beschwere mich deutlich und über vieles. Lasst uns gemeinsam Lösungen finden!" Dazu passt die Familiengeschichte vom rosa Elefanten, worin nichts, was wichtig war, ausgesprochen wird. Schweigen ist Gift. Ihre "Zaungäste der Unendlichkeit" sind Menschen aus dem schwäbischen Heimatdorf. Es sind die damaligen und heutigen In-den-Süden-Tramper aus Erik Manus Song "1000 und ein Mensch", die Individuen, die nicht sie selbst sein können. Lesch dichtet, erzählt, redet und singt mit dem Publikum über das Heimweh und die Reiselust, über den Wunsch, nicht alleine schlafen zu müssen.

Charmant und augenzwinkernd trägt sie ein auf der Raststättentoilette begonnenes Liebesgedicht vor, greift in ihrem pausenlosen Eindreiviertel-Stunden-Programm abwechselnd zur Ukulele, akustischen Gitarre oder Mundharmonika. Sie interpretiert die jüdische Lyrikerin Mascha Kaleko mit "Kein Kinderlied". Und sie verrät in einem sehr kleinen, sehr süßen Song ihr Postgeheimnis: "Ich würd gern mal ein Brief an Dich sein..."

Für die stark eingeschränkte Sommertour hat Sarah Lesch zwei Kollegen mitgenommen statt ihre Band, Daniel am Piano und Akkordeon und Erik an der Gitarre, am Schlagzeug und als Gesangspartner.

Sie ist dankbar, dass diese Auftritte wieder möglich sind. Das ist auch Karl-Friedrich Klein vom Rotary Club Bad Nauheim-Friedberg, für den die Künstlerunterstützung ein großes Anliegen ist: "Wenn wir an Kultur verarmen, tun wir nichts für unsere Seele. Und wir brauchen Mut, so wie Sarah Lesch davon singt." Wann ist die richtige Zeit etwas zu tun?", fragt die Sängerin und öffnet am Ende ein sehr persönliches Schicksalsfenster. Morgen könne alles schon anders sein. Aber wenn man ungeplante Wege gehe, werde man auf Inseln treffen, die man sonst nicht betreten hätte.

Und während sie nach dankbarem Applaus zum Abschluss ein sehr nachdenkliches Lied anstimmt mit dem Refrain "Die Laterne geht aus, geh nach Haus", senkt sich die Nacht über die Trinkkuranlage. Nur ein wenig Rot beleuchtet noch das Wasser.

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