Einsam - oder »nur« allein?

  • vonHedwig Rohde
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Bad Nauheim (doe). Diskriminierung, angeborene oder krankheitsbedingte Einschränkungen, Einsamkeit: Dies sind vier Aspekte des Themas »Inklusion«, mit denen sich die seit Dezember laufende Plakat- und Social-Media-Kampagne der Stadt Bad Nauheim beschäftigt. Von der »Einsamkeit« handelt der vierte Teil. Es ist zugleich der Aspekt, der sich am schwierigsten fassen lässt.

Noch nie war unsere Welt so klein, so nah beieinander. Social Media ist das Medium unserer Zeit. Binnen Sekunden liefern uns Kurzmeldungen und Videoclips Nachrichten aus allen Ländern dieser Erde, versetzen uns mittenhinein ins weltweite Geschehen. Doch der Eindruck von Nähe, den diese Vernetzungsmöglichkeiten erzeugen, ist trügerisch.

Eine repräsentative Umfrage von Splendid Research 2019, für die 1006 Personen im Alter zwischen 18 und 69 Jahren befragt wurden, förderte erschreckende Fakten zutage: so etwa, dass sich 44 Prozent der 18- bis 69-Jährigen in Deutschland manchmal einsam fühlen, 17 Prozent (fast zehn Millionen) sogar häufig oder ständig. Mit 23 Prozent am höchsten war der Wert in einer Altersgruppe, in der man dies am wenigstens erwarten würde: Besonders einsam fühlten sich der Umfrage zufolge 18- bis 29-Jährige.

Es sind Menschen wie Jasmin H. (21), die für das Studium ihre Heimatstadt verlassen hat und nun in einem kleinen Zimmer in fremder Umgebung häufig alleine sitzt. Seit der Uni-Betrieb komplett auf Online-Veranstaltungen umgestellt wurde, hat sich ihr Problem verschärft. Zurück nach Hause ziehen will sie nicht, weil dort die Internetverbindungen oft zusammenbrechen. Am Telefon verschweigt sie der Mutter ihre Traurigkeit ebenso, wie sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Dass von Einsamkeit Menschen betroffen sein können, bei denen man dies kaum vermutet, weiß auch Dorothea Herbst. Noch voll im Berufsleben, dazu in leitender Funktion, stand ein Mitglied ihres Freundeskreises, als ihn das Thema »Einsamkeit« auf ungewöhnliche Weise betraf.

Ein jüngerer Rivale stach ihn aus, wurde sein Vorgesetzter und ordnete an, dass er die verbleibenden eineinhalb Jahre bis zur Rente jeden Tag ins Büro kommen müsse, aber ihm seine Aufgaben entzogen wurden und keiner seiner Kollegen mit ihm über fachliche Themen sprechen dürfe. »Warum er das mitgemacht hat, weiß ich bis heute nicht. Ich war entsetzt, und dann habe ich ihn jeden Tag angerufen und mindestens eine Stunde mit ihm telefoniert«, berichtet sie.

Wie wichtig Telefonate sein können, wenn die Gelenke nicht immer so wollen, wie sie sollten, ist Marlis Malwig bewusst. Die resolute 86-Jährige aus dem Ruhrgebiet hat ihr Leben lang alleine gelebt, beruflichen Erfolg gehabt und wohnt seit 50 Jahren in Bad Nauheim. Mit ihren Freundinnen und den in einiger Entfernung lebenden Familienmitgliedern hält sie telefonisch regelmäßig Kontakt. Einsam fühlt sie sich prinzipiell nicht. »Ich bin gewohnt, mit meiner eigenen Gesellschaft auszukommen«, sagt sie.

Trotzdem spürt sie, dass die Corona-Pandemie mit ihren Einschränkungen und Kontaktverboten inzwischen auf sie wirkt. »Ich merke schon, dass es mir etwas ausmacht, wenn ich nicht einfach so mal losziehen, in die Stadt gehen, bummeln oder Kaffee trinken kann«, gibt sie zu.

Als im Herbst von der Kirchengemeinde schriftlich die Bitte an sie herangetragen wurde, für die Sanierung der Orgel zu spenden, reagierte sie mit einer klaren Ansage: Die ganzen Corona-Monate habe man sich nicht um sie gekümmert, und nun wolle man Geld von ihr…

Sehr lobend äußert sie sich über Initiativen wie die der Nachbarschaftshilfe, die damit begonnen hat, ihre Mitglieder telefonisch zu kontaktieren, und diesen Telefonservice auch öffentlich anbietet. Marlis Malwig würde sich wünschen, dass dieses Beispiel Schule macht.

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Rubriklistenbild: © Hedwig Rohde

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