Ein eingezäuntes Experiment

  • vonred Redaktion
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Bad Nauheim(pm). Wer derzeit auf einen bewaldeten Hang schaut, sieht die Misere schon mit bloßem Auge: Zwischen all dem Grün zeigen sich schüttere, grau-braune Stellen oder gar größere Flächen, die man schon von Weitem als tote Bäume erkennen kann. Vor allem sind es die Fichten, denen die Trockenheit des inzwischen bereits dritten regenarmen Sommers in Deutschland zusetzt.

Bürger packen beim Bewässern an

Die flach wurzelnden Bäume bräuchten ein kühl-feuchtes Klima, das unsere trocken-heißen Sommer nicht mehr bieten. Der Borkenkäfer gibt den Bäumen den Rest, sie sterben ab, werden gefällt oder von den immer häufiger auftretenden Stürme entwurzelt.

Die Wetterau gehört zu den wärmsten und trockensten Gebieten Hessens, wo sich die Auswirkungen des Klimawandels früher und deutlicher zeigen als in anderen Regionen.

Der ehemalige Fichtenbestand im Bad Nauheimer Frauenwald nahe des Sendemastes ist wegen Trockenheit und Borkenkäferbefall im Sommer 2019 abgestorben. Heute ist dort nur noch ein eingezäunter Kahlschlag von etwa einem Hektar zu sehen. Ein Kahlschlag hinter einem Zaun? Ein unscheinbares Schild von Hessen Forst mit der Überschrift "Klimaschutzwald" weist auf eine Testpflanzung hin, und wer genau hinschaut, der kann viele, teils winzig kleine Baumsetzlinge zwischen den Brombeerranken sehen. Hessen Forst hat sich im Frühjahr dazu entschlossen, dort zehn verschiedenen Baumarten anzupflanzen.

"Wir testen unter anderem Atlaszeder, Baumhasel, Esskastanie, Elsbeere, Wildbirne, Platane und Walnuss" erläutert Eckhard Richter, Förster in Bad Nauheim. Das Experiment mit heimischen und fremden Baumarten ist in der näheren Umgebung Bad Nauheims bisher einzigartig und hat schon Interesse von forstwissenschaftlichen Institutionen angezogen. Die jungen Bäumchen sind gut angegangen und haben bisher dank des Zauns ohne Schäden durch Wildverbiss überlebt. Die größten Gefahren sind nun die auch in diesem Sommer vorherrschende Hitze und Trockenheit. Andernorts gibt es schon schlechte Erfahrungen aus dem Sommer 2018, als 20 bis 30 Prozent aller Setzlinge verdorrt sind.

Mitte Mai sind über 20 Bad Nauheimer und Friedberger Bürger einem Aufruf von Hessen Forst und der BI Waldpark Skiwiese gefolgt und haben in einer fast dreistündigen Aktion rund 3500 Baumsetzlinge bewässert. Jetzt, bei der erneuten Aktion Mitte August, waren wieder etwa 15 Personen dabei. Eine schweißtreibende Arbeit mit zwei vollen Gießkannen in den Händen auf schwierigem Gelände. Denn obwohl Hessen Forst die Flächen zwischen den Setzreihen vorher freigeschnitten hatte, leisteten die vielen Brombeerranken und sonstigen Wildkräuter dornigen Widerstand.

Welche Bäume kommen gut klar?

Welche Baumart passt zum Boden im Frauenwald, welche zu den anderen Bäumen und Pflanzenarten, die es dort gibt? Welche ist unter den Bedingungen des Klimawandels langfristig für unsere Region geeignet? Welche kommt mit dem Wild, das sich in den umgebenden Wäldern aufhält, am besten zurecht? Fragen, die erst in vielen Jahren beantwortet werden können - wenn in diesem und den heißen Sommern der nächsten Jahre weiterhin einige Bürger die Gießkannen in die Hand nehmen und die jungen Setzlinge versorgen. Dann wird das Experiment im Frauenwald gelingen, und einige der oben genannten Fragen können beantwortet werden.

Auch wenn es in den vergangenen Tagen in Bad Nauheim wieder mehr geregnet hatte, von Entwarnung kann keine Rede sein. Die wenigen Niederschläge drangen meist nur in die oberen Bodenschichten ein.

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