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Patrizia Zewes Großmutter Christine Pfeffer

Das Wirken der Familie Pfeiffer

Patrizia Zewes Familie: Eine Bad Nauheimer Mode-Dynastie

  • vonAndreas Matlé
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In Patrizia Zewes Familie, der Familie Pfeiffer, findet man Frauen, die für die Mode in Bad Nauheim Pionierinnen gewesen sind. Zewe selbst nimmt in dieser Geschichte eine bedeutende Rolle ein.

Und sie war doch in London! Und auch in Paris. Was 1971 für eine 20-Jährige keine Selbstverständlichkeit war. Alleine dorthin zu reisen, war zumindest ungewöhnlich. Dabei noch Geschäfte in einem hippiesken Umfeld zu tätigen, eine kleine Sensation. Und das mit dem Segen ihrer Eltern und der Großmutter. »Die war sogar ganz verrückt nach dieser Idee«, sagt Patrizia Zewe.

Die freigeistige Einstellung ihrer Großmutter Christine Pfeffer verwunderte nicht. War sie es doch gewesen, die nach ihrer Schwägerin Mariette Pfeffer vor über 100 Jahren die Mode nach Bad Nauheim gebracht hatte. Im Alleingang. »Tja«, sagt die 70-jährige Künstlerin Patrizia Zewe, »in unserer Familie gab es schon immer starke Frauen.« Mit ironischem Augenaufschlag fügt sie hinzu: »Und die Männer waren lieb.«

Bad Nauheim: Mode-Legende Patrizia Zewe wuchs in eine Dynastie hinein

Aber zurück zum Auslöser dieser außergewöhnlichen Geschichte: Vor wenigen Wochen wurde in der freitäglichen Kolumne »Vor 50 Jahren« beschrieben, wie die damals 20-jährige Marion Patrizia Pfeffer (die heutige Patrizia Zewe) in der Stresemannstraße 5 die erste Boutique Bad Nauheims für junge Leute eröffnete, was einen enormen Run hervorrief. In der Kolumne wurde zwar erwähnt, Marion Pfeffer sei von ihren Eltern, die in der Parkstraße das Modehaus Pfeffer führten, zwecks Hineinschnupperns nach Frankfurt (ins exklusive Modehaus Pfüller in der Goethestraße), nach Sylt und Lausanne geschickt worden, nicht aber nach London - wie der Kolumnist arglos vermutet hatte. Was hiermit korrigiert sei.

Marion Pfeffer-Zewe wurde 1951 in Bad Nauheim geboren, sie wuchs in eine Art Mode-Dynastie hinein, was zu Konflikten mit einem Lehrinstitut wie der St. Lioba führen musste. »Ich kreuzte manchmal in einer Kleidung wie Prinzessin Rotz auf - und wurde nach Hause geschickt, um mich erst mal anständig anzuziehen, wie es hieß.«

Mode-Boutique „Marion“: Ein Hauch von Revolution in Bad Nauheim

Dass sie nach der Schulzeit ins Geschäft der Eltern einsteigen würde, stand so gut wie fest. Allerdings war Marion Pfeffer auch eine »68erin«, wie sie einräumt. Jedoch keine, die sich in Stereotype zwängen ließ. »Bei den Demos in Frankfurt tauchte ich in flachen, damals total hippen weißen Courrege-Stiefelchen auf. Da hieß es: Was will die denn hier?« Na was wohl? Demonstrieren. Aber eben in ihrem Look.

Im Zuge der »68er« brach sich Flower Power seine Bahn. Umgangsformen, Musik, Mode. »Da waren wir uns in der Familie einig: Darauf müssen wir reagieren.« So eröffnete die Mode-Boutique »Marion«, for young girls only. Vorne, in der Parkstraße, das althergebrachte Geschäft, auf der Rückseite in der Stresemannstraße ein Hauch von Revolution, Aufbegehren, Anderssein.

Marion Pfeffer brach auf nach Paris in die Rue d’aboukir, durchwühlte in den Souterrains der angesagten Ateliers die Kartons, fuhr mit ihrem Mini nach London in die Second-Hand-Läden und in das Kaufhaus »Biba«, stopfte das kleine Auto bis oben hin voll mit Hot Pants, bunten Gewändern und was eben so angesagt war.

»Wenn neue Ware kam«, erinnert sie sich, »standen die Leute Schlange vor der Boutique.« Überhaupt habe sich der Laden zu einem Treffpunkt für junge Leute entwickelt. Cola an der Theke, Musik vom Plattenspieler. Für Modeschauen sei die Stresemannstraße - damals noch keine Fußgängerzone, diese sollte später ihr Vater mitinitiieren - gesperrt worden.

Bad Nauheimer Mode-Ikone zog es hinaus in die Welt

1972 heiratete Marion Pfeffer das erste Mal. Im schwarzen langen »Ossie Clark«-Kleid, er im schneeweißen Anzug. »Der Pfarrer von St. Bonifatius wusste nicht, wohin er schauen sollte«, muss sie heute noch lachen.

Nach drei Jahren übernahm eine Angestellte, die auch Marion hieß, die Boutique, »Ich wollte hinaus in die Welt«, bekräftigt Zewe. »Und mein Vater verstand das.« Für einige Jahre modelte sie für Betty Barclay und andere Firmen. Sie arbeitete als Künstlerin zunächst in Düsseldorf, später in München.

Seit gut zwei Jahren lebt Zewe wieder in Bad Nauheim, in einer Wohnung, die Kunst, Mode und Individualität ausatmet. Schnell hat sie sich auch hier einen Namen als Künstlerin gemacht, die Mode mit bildender Kunst vereinigt. Im Juli stellt sie im Rahmen ihrer Installation »Denim for Life« im Dolce aus.

Nach so vielen Jahren die Rückkehr nach Hause? Das Zuhause? Zewe vermeidet die direkte Antwort: »Ja, es ist schön hier.« Und sie zitiert ihr Motto: »Leben ist Kunst. Kunst ist Eigensinn. Eigensinn macht Spaß.«

Als die Mode in die Kurstadt Bad Nauheim kam

Als Patrizia Zewe vor gut zwei Jahren aus München nach Bad Nauheim in ihr Elternhaus - das früheres Hotel »Europäischer Hof« - in der Stresemannstraße zurückzog, begann sie, die in Kisten auf dem Dachboden konservierten Erinnerungen zu heben. Sie stieß auf ihre 1889 geborene Großtante Mariette. Eine elegante Frau, die - so bilden es die alten Fotos ab - die erste Modedame Bad Nauheims war, Jugendstilkleider vorführte und sich der damaligen Womens Lib-Bewegung zugehörig fühlte. In Bad Nauheim kurten internationale Gäste, mit ihnen traf mondäne Mode ein, die keine besser zu präsentieren wusste als Mariette.

Mit Grammophon im Boot auf dem Starnberger See

Ihr Bruder Philipp heiratete schließlich Christine (Patrizia Zewes Großmutter), die voller Selbstbewusstsein 1922 den ersten Modesalon Bad Nauheims eröffnete: »Spitzen-Pfeffer«, benannt nach ihrem Spitznamen. In der Fürstenstraße 11, später umbenannt in Adolf-Hitler-Straße. Fotos bilden ab, dass es ein einträgliches Geschäft gewesen sein muss. Ausflug zum Eiffelturm, Bootstouren auf dem Starnberger See mit Grammophon an Bord, Kraftfahrzeuge, die es an Wucht mit den heutigen SUVs aufnehmen könnten, aber eleganten daher rollten. Und immer wieder ein Gläschen Sekt in den Händen. »Die haben es damals richtig krachen lassen«, urteilt Patrizia Zewe.

Dependance in München-Schwabing

Da Christine Pfeffer gute Freunde in München hatte, eröffnete sie in Schwabing eine Dependance. »Sie wohnte in der Hohenzollernstraße - dort, wo ich 60 Jahre später wohnen sollte«, ist Zewe noch heute erstaunt. Jedenfalls fuhr die Großmutter öfter nach Wien, um Ware einzukaufen. Beim Zwischenhalt in München verkaufte sie einen Teil der Spitzen-Blusen an die Frauen von Industriellen und der »Bewegung«, die in den 30er Jahren eine fatale Mischung bildeten. Das hat Patrizia Zewe Briefen aus dieser Zeit entnommen. Darunter Briefe von Freunden, die ihre Verzweiflung ob der politischen Entwicklung schildern.

Im Juni 1954 zogen die Pfeffers von der Parkstraße 6 in das größere Geschäft mit der Nummer 8. Inzwischen führten die Eltern mit der Großmutter die Geschäfte. Die Gründerin jedoch stand noch bis zu ihrem Tod 1984 im Geschäft. »So als Senior-Chefin mit Sektglas in der Hand«, sagt Patrizia Zewe verschmitzt. Nachdem ihr Vater erkrankt war, wurde das Geschäft an Frau Reitmeier verkauft. (Andreas Matlé)

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