Experte für die jüngere Geschichte Chinas: Dr.Thomas Weyrauch erläutert die Inhalte seines Buches über den Aufenthalt chinesischer Spitzenpolitiker in Bad Nauheim. Zu den aufmerksamen Zuhörern gehört Bürgermeister Klaus Kreß.
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Experte für die jüngere Geschichte Chinas: Dr.Thomas Weyrauch erläutert die Inhalte seines Buches über den Aufenthalt chinesischer Spitzenpolitiker in Bad Nauheim. Zu den aufmerksamen Zuhörern gehört Bürgermeister Klaus Kreß.

Buchvorstellung in Bad Nauheim

»Chinesische Politik – made in Bad Nauheim«: Ein wichtiger Mosaikstein lokaler Historie

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Die Liste prominenter Gäste, die Bad Nauheim zum Weltbad machten, ist lang. Wenig bekannt ist von chinesischen Politikern, die in den 1930er Jahren von hier aus versuchten, ihr Land zu retten.

Bad Nauheim – Der Zweite Weltkrieg dauerte von 1939 bis 1945. Das ist die deutsche Lesart. Chinesen sehen das anders: Sie beziffern den Beginn auf 1931, ab 1937 waren dann weite Teile des Landes dem brutalen Vernichtungskrieg der Japaner ausgesetzt. Bis 1945 verloren mehr als 20 Millionen chinesische Zivilisten und Soldaten ihr Leben.

Vor diesem Hintergrund spielte sich der Aufenthalt von drei chinesischen Politikern in Bad Nauheim ab, alle drei waren im Lauf ihrer Karriere Ministerpräsident. Sie waren 1935 und 1937 zu Gast und versuchten von hier aus, auf die chinesische Politik Einfluss zu nehmen oder Unterstützung für ihr Land zu organisieren.

»Chinesische Politik – made in Bad Nauheim«: Kuraufenthalt im Grand Hotel

Diese in der lokalen Geschichtsschreibung wenig bekannte Episode beschreibt der Jurist und Historiker Dr. Thomas Weyrauch in seinem 67-Seiten-Buch »Chinesische Politik - made in Bad Nauheim (1935 - 1937)«. Bei seinen Recherchen kooperierte er eng mit der Arbeitsgemeinschaft Geschichte Bad Nauheim und Stadtarchivarin Brigitte Faatz.

In Bad Nauheim war bislang vor allem der Kuraufenthalt von Hu Hanmin bekannt. Der ehemalige Regierungschef und Parlamentspräsident reiste mit elf Begleitern am 20. August 1935 an und logierte bis Mitte Oktober im Grand Hotel. Der herzkranke Politiker, der 1936 starb, unterzog sich einer Kur. Hintergrund des Aufenthalts waren politische Querelen in der Führung der chinesischen Nationalpartei. Hu hatte an Einfluss verloren und war als Parlamentspräsident unter Hausarrest gestellt worden. Er zog sich deshalb ins Exil in die britische Kronkolonie Hongkong zurück. Von dort aus kam er nach Bad Nauheim.

Autor Weyrauch geht davon aus, dass es während der Kur zu einem Briefwechsel mit der Parteiführung in China kam. Letztlich kehrte der Politiker dorthin zurück. Hu in Bad Nauheim - das wurde auch in der Auslandspresse erwähnt. Weyrauchs Buch beinhaltet einen Artikel der Schweizer Zeitung »Le Rhône«. Kurios: Das Blatt berichtete über einen Urlaub von Hu »in den Nauheimer Bädern in der Nähe von Mainz«.

»Chinesische Politik – made in Bad Nauheim«: Noch ein Ministerpräsident

Bei seinen Recherchen ist der Autor auf einen Spitzenpolitiker gestoßen, der Hu 1935 begleitete. In den alten Meldebüchern, die das Stadtarchiv besitzt, ist ein Jurist namens Ching Hui Wang erwähnt. »Das genannte Geburtsdatum ist ein starkes Indiz dafür, dass es sich um Wang Chonghui handelte«, erklärt Weyrauch. Chinesische Namen wurden damals oft falsch geschrieben. Wang war später ebenfalls Ministerpräsident und nahm als Vertreter Chinas 1943 an der Konferenz von Kairo teil, wo er mit Churchill und Roosevelt über die Nachkriegsordnung in Asien verhandelte.

Von weltpolitischer Bedeutung war der Besuch von Finanzminister Kong Xiangxi (später Ministerpräsident von China) in Bad Nauheim, »welcher vor Ort gänzlich in Vergessenheit geraten ist« (Weyrauch). Der Politiker traf Ende August ein. Eine Woche zuvor hatte Japan seinen Angriffskrieg gegen China gestartet. 1931 hatte der aggressive Nachbar bereits die Mandschurei überfallen.

»Chinesische Politik – made in Bad Nauheim«: Brief an Hitler und Überwachung

Kong, der als Nachfahre von Konfuzius galt, reiste 1937 durch Europa und in die USA, um Waffenlieferungen sowie politische Unterstützung für China zu organisieren. Mitte Juni traf er Hitler auf dem Obersalzberg. »Hitler hat erklärt, Deutschland sei nicht an Krieg interessiert und wolle im japanisch-chinesischen Konflikt vermitteln. Zwei Lügen, die für Kong nicht erkennbar waren«, sagt Weyrauch. Am 3. September 1937 wandte sich der Minister von Bad Nauheim aus erneut an Hitler. Kong, der sich einer Kur unterzog und im Hotel Carlton (Ludwigstraße) residierte, schrieb einen Brief an den Diktator. Darin schlug er einen unterwürfigen Ton an und lobte Hitler in den höchsten Tönen. Ein Beispiel: »Als großer Kämpfer für Gerechtigkeit, nationale Freiheit und Ehre sind Sie uns allen ein Vorbild geworden.«

Weyrauch interpretiert den Brief als erneuten Versuch, Hitler als Vermittler zu gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Nazis bereits auf die Seite ihres Verbündeten Japan geschlagen. »Eine Antwort auf seinen Brief hat Kong nie erhalten.« Der Gast aus Asien wurde stattdessen vom SS-Sicherheitsdienst überwacht, der fast alle Besucher erfasste. Kong traf sich mit vielen Waffenproduzenten, darunter ein A. Nussbaum aus London, den der SD in seinem Bericht als »Jude« kenntlich machte.

»Chinesische Politik – made in Bad Nauheim«: Bislang unbekannte Fakten

Der Jurist, Historiker und China-Experte Dr. Thomas Weyrauch (67) hat bereits einige Bücher über Ostasien verfasst. Er ist Vorstandsmitglied des Freundeskreises Hessen-Taiwan und der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft. Zudem ist der 67-Jährige Vizepräsident der World Association for Chinese Studies. 1989 hatte ihn die Stadt Duisburg in ihr Verbindungsbüro nach Wuhan entsandt. Danach arbeitete Weyrauch lange im Bundestag und im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Auf das Thema seiner neusten Publikation »Chinesische Politik - made in Bad Nauheim« kam er durch Kontakte zur Arbeitsgemeinschaft Geschichte, an deren China-Vortragsreihe sich Weyrauch 2022 beteiligen wird. Mit Hilfe der AG und von Stadtarchivarin Brigitte Faatz begann der Autor zu recherchieren, bislang nicht bekannte lokalhistorische Fakten wurden zutage gefördert.

Laut Johannes Lenz (Sprecher AG Geschichte) habe die kleine Arbeitsgemeinschaft erneut dazu beigetragen, einen Aspekt bekannt zu machen, dessen Bedeutung weit über Bad Nauheim hinausreiche. Als weiteres Beispiel nannte Lenz die »Göttinger Erklärung«, in der 18 renommierte Wissenschaftler 1957 vor Überlegungen Adenauers gewarnt hatten, die Bundeswehr mit Atomwaffen auszurüsten. Tatsächlich war diese bekannte Erklärung in Bad Nauheim verfasst worden.

Wie Bürgermeister Klaus Kreß erklärte, habe er durch das Buch dazugelernt. »Von dem Aspekt Weltpolitik und dem Aufenthalt chinesischer Gäste dieser Qualität war mir nichts bekannt.«

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