Blick in die Bahnhofshalle: Smoothies rechts, Bücher links. Hinter Mauer und Eingangstüren sind die seit 25 Jahren verwaisten Räumlichkeiten der ehemaligen Gaststätte zu finden. Dort soll eine Werbeagentur einziehen. FOTO: NICI MERZ
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Blick in die Bahnhofshalle: Smoothies rechts, Bücher links. Hinter Mauer und Eingangstüren sind die seit 25 Jahren verwaisten Räumlichkeiten der ehemaligen Gaststätte zu finden. Dort soll eine Werbeagentur einziehen. FOTO: NICI MERZ

Nach 25 Jahren Leerstand

Ehemalige Bahnhofs-Gaststätte Bad Nauheim: Werbeagentur will einziehen

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Über den Zustand des Bahnhofs wird in Bad Nauheim viel geschimpft. Doch die Situation hat sich verbessert. Nach 25 Jahren Leerstand wird auch die ehemalige Gaststätte bald vermietet.

Zerstörte Türen, Dreck an vielen Stellen und leerstehende Gewerbeflächen - so präsentierte sich die privatisierte Bahnhofshalle in Bad Nauheim lange Jahre. Doch seit einiger Zeit hat sich das Erscheinungsbild deutlich gebessert. Dazu hat eine Grundsanierung beigetragen, aber auch die verstärkten Bemühungen der Firma Portal Real, die Eigentümerin des Jugendstilgebäudes ist, Mieter für die Räumlichkeiten zu finden.

Größtes Sorgenkind von Real-Portal-Geschäftsführer Dr. Christian Zschocke war dabei in den letzten Jahren die ehemalige Bahnhofs-Gaststätte. Deren Saal und die Nebenräume - die Gesamtnutzfläche beträgt etwa 500 Quadratmeter - stehen seit Mitte der 1990er Jahre leer. Jetzt scheint es dem Eigentümer endlich gelungen zu sein, einen Mieter zu finden. WZ-Informationen zufolge, die Zschocke bestätigt hat, handelt es sich um eine Werbeagentur, die Anfang 2021 einziehen möchte. Nähere Angaben zu dem neuen Partner macht die Portal Real GmbH nicht, lässt auch die Frage offen, ob der Mietvertrag bereits unterzeichnet ist.

"Kulturbahnhof" auf Abstellgleis

Damit könnte es ein Happy End geben, nachdem in der Vergangenheit einige andere Interessenten abgesprungen waren. Zuletzt hatte die Idee eines "Kulturbahnhofs" für Schlagzeilen gesorgt. Zschocke und die Freien Wähler von der UWG als stärkste Stadtverordnetenfraktion waren überzeugt, die Ex-Kneipe in eine neue Spielstätte für Theater Alte Feuerwache und städtische Kleinkunstbühne verwandeln zu können. Die Parlamentsmehrheit zog nicht mit, auch dieser Anlauf scheiterte.

Nachdem vor einem Jahr ein Smoothie-Laden, der auch andere Getränke und Snacks anbietet, direkt neben dem Eingang zur Bahnhofshalle eröffnet hat, zeichnet sich mit der Werbeagentur eine weitere Belebung des Gebäudes ab. Seit geraumer Zeit in der Halle aktiv sind eine Buchhandlung und eine Bäckerei-Filiale. Weiter ungenutzt ist eine Ladenfläche im Nordflügel ("Brunnen-Plaza"), etwas versteckt gelegen und somit vermutlich am schlechtesten zu vermarkten. Vor dem Einzug der Werbeagentur müssen noch einige Sanierungsarbeiten erledigt werden, nachdem es bereits vor geraumer Zeit zu einer Grundinstandsetzung und Entkernung der ehemaligen Gaststätte gekommen war.

In der Politik wird seit Jahren über den Bahnhof diskutiert. Noch im vergangenen Jahr hatte sich der FDP-Stadtverordnete und -Bundestagsabgeordnete Peter Heidt zu folgender Aussage hinreißen lassen: "Der Bahnhof sieht scheiße aus." Diesem Urteil hatten allerdings einige Politiker und Bürgermeister Klaus Kreß widersprochen. Auch der eher öffentlichkeitsscheue Zschocke hatte sich daraufhin aus der Deckung gewagt und die Investitionen aufgelistet, die getätigt wurden, nachdem er die Portal Real GmbH vor etwa sieben Jahren vom Procom-Konzern übernommen hatte.

1,5 Millionen Euro investiert

Nach Angaben von Zschocke sind seit der Privatisierung des Bahnhofsgebäudes Fassaden und Dach saniert worden. Gleiches gelte für 13 Wohnungen, Büroräume und Treppenhäuser. Einige Ladenflächen seien renoviert worden, die Halle habe einen neuen Putz samt Anstrich erhalten.

Zschocke hat eigenen Angaben zufolge bisher etwa 1,5 Millionen Euro in den Bahnhof investiert. "Insgesamt befindet sich das Gebäude in einem revitalisierten und so guten Zustand, wie es ihn in den letzten 50 Jahren nicht gab", betonte Zschocke im Mai 2019. Eine Vermietung der ehemaligen Gaststätte wäre ein weiterer Schritt in diese Richtung.

Bürgermeister Klaus Kreß ist erfreut über die Nachricht. "Eine Werbeagentur mit einem jungen Team ist eine Nutzung, die zweifellos zu einer Belebung des Bahnhofs beiträgt", sagt der Rathauschef. Er sieht den Bahnhof inzwischen auf einem guten Weg.

100 zusätzliche Stellplätze?

Der Portal Real GmbH gehört nicht nur der Bahnhof, sondern auch das Gelände links und rechts des Gebäudes. Angesichts der großen Nachfrage nach Wohn- und Gewerbefläche in Bad Nauheim will Geschäftsführer Dr. Christian Zschocke diese Grundstücke versilbern. Wie berichtet, möchte er im Süden des Bahnhofs (am "Fürstenpavillon") Gewerberäume schaffen, im Norden sollen Wohnungen entstehen. Mit diesen Plänen stieß der Investor auf Widerstand im Parlament, wobei es um die ehemaligen Kleingarten-Siedlung im Norden geht. Die Politiker lehnten den Bau von 36 Wohneinheiten zwar nicht ab, forderten aber zunächst, 15 Prozent der Wohnungen 15 Jahre lang für 8,50 Euro/Quadratmeter zu vermieten. Damit konnte sich Portal Real nicht anfreunden. Inzwischen fährt das Parlament eine neue Linie zur Förderung bezahlbaren Wohnraums. Wie andere Investoren auch ist Zschocke bereit, für 15 Prozent der Wohnfläche 700 Euro/Quadratmeter an die Stadt zu zahlen. Dieses Geld soll zur Wohnbauförderung verwendet werden.

Dann kam eine weitere Forderung der Politik: statt Wohnungen ein Parkhaus errichten. Die Verhandlungen über einen Kompromiss sind offenbar weit fortgeschritten. "Der Wunsch nach mehr Parkraum wird akzeptiert und umgesetzt. Wir gehen von einem baldigen positiven Abschluss aus", betont der Portal-Real-Chef. Bürgermeister Klaus Kreß nennt Details. Die 36 Wohnungen sollen entstehen, zusätzlicher Parkraum soll in Form einer Tiefgarage unter dem bestehenden Parkplatz Bahnhof Nord errichtet werden. "Ich gehe von einer Verdoppelung des Bestands aus, bis zu 100 neue Stellplätze sind geplant", sagt Kreß.

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