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Was gibt die technische Ausstattung her, was brauchen die Schüler, wie viel können die Lehrer leisten, und wo setzt der Datenschutz Grenzen? Auch die Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Schule setzt sich mit diesen Fragen auseinander.

Distanzunterricht

Digitales Dilemma in Bad Nauheim: Eine Schule und ihr Unterricht in Pandemie-Zeiten

  • vonHanna von Prosch
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Beim Distanzunterricht gibt es von Schule zu Schule Unterschiede. Das sorgt mitunter auch für Unmut. Ein Blick auf die Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Schule zeigt, wo die Schwierigkeiten liegen.

Im Moment ist es Glückssache, an welcher Schule ein Kind ist«, klagt Christina Kron, Mutter eines Achtklässlers an der Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Schule (ELS). Vom Unterricht erwartet sie konkret Videounterricht nach Stundenplan. Arbeitsaufträge in der Schulplattform einzustellen, die sich die Kinder im Selbststudium erarbeiten müssten und die teilweise noch nicht einmal vom Lehrer korrigiert würden, sei unzumutbar, sagt sie. Auf ihre verschiedenen Anfragen in der Schule habe sie zwar freundliche, aber unbefriedigende Antworten erhalten - mit Hinweisen auf den Datenschutz oder mangelnde technische Ausstattung.

Als Gegenbeispiel führt Kron unter anderem die Bad Nauheimer Lioba-Schule und die Friedberger Augustinerschule an, wo es durchgängig Videounterricht gebe. »Den gibt es bei uns auch, für manche aber nur ab und zu«, erwidert ELS-Schulleiterin Uta Stitterich. »Allerdings sind wir mit nur vier Webcams für die Videokonferenzen ausgestattet. Beim Landkreis, der für die Technik zuständig ist, haben auch wir schon mehrfach darauf hingewiesen, dass noch immer nicht in allen Gebäudeteilen der Schule WLAN vorhanden ist. Auch der Glasfaseranschluss, der bereits im Keller liegt, müsste gerade für den kommenden Wechselunterricht dringend zur Verfügung stehen.«

Lehrer am Limit

Grundsätzlich gebe es das Schulportal, in das die Aufgaben eingestellt würden, selbst gedrehte Videos, Sprachanleitungen für den Fremdsprachenunterricht oder nützliche Links. »Rückmeldungen über Schulaufgaben können wir nicht immer allen geben. Das sprengt den Rahmen dessen, was die Kolleginnen und Kollegen leisten können«, gibt Stitterich zu bedenken. »Die sind auch am Limit. Viele arbeiten von zu Hause, zum Beispiel weil sie zu Risikogruppen gehören. Und zwar unter den gleichen schweren Bedingungen wie alle anderen im Homeoffice.«

Natürlich gebe es, wie überall, immer unterschiedlich gute und motivierte Lehrkräfte. Gebe es Klagen, solle man sich an Klassenleitung oder den Elternbeirat wenden, wirft Schulelternsprecherin Carolin Pascal ein. »Wir sind schon früh im Lockdown mit einem Fragebogen auf die Eltern zugegangen und haben im Dialog mit der Schulleitung versucht, Schwierigkeiten abzustellen. Wir sind auch mit den Elternbeiräten der anderen Schulen im Kontakt. Die Erwartungen sind sehr unterschiedlich, die Knackpunkte gleichen sich aber.«

Tücken des Videounterrichts

Tatsächlich findet zum Beispiel in der Lioba-Schule sehr viel Videounterricht statt. Doch Oberstufenleiter Winfried Auel sieht, wie seine Kollegin an der ELS, darin nicht nur Positives: »Kinder in den unteren Jahrgangsstufen sind mit einem ganzen Tag vor dem Bildschirm vollkommen überfordert. Es muss ein guter Mix sein. Wir waren selbst überrascht, dass die Großen sich so disziplinieren, dass sie die Konferenzen einfordern.«

Einfach ist diese Unterrichtsform aber für alle nicht. Stitterich nennt ein Beispiel: »Wenn Schülerinnen und Schüler die Kamera wegdrücken und sich auch sonst nicht zu Wort melden, dann reden wir mit schwarzen Kacheln auf dem Bildschirm, ohne zu wissen, ob dahinter noch jemand sitzt.« Außerdem, so zeige die Erfahrung, wollen und müssen Kinder Freiraum zur Eigenarbeit haben.

Die Sache mit dem Datenschutz

Der Datenschutz, das sei richtig, sagt die Schulleiterin, beschere viele Graubereiche. »Wir halten uns an die Konferenzsysteme, die vom hessischen Datenschutzbeauftragten für diese Ausnahmezeiten geduldet sind. Wir wissen aber nicht genau, wo was gespeichert wird. Besonders problematisch ist, das Recht am eigenen Bild zu wahren.«

Mit einem Vorurteil möchten Schulleitung und Elternbeirat aufräumen: Die Lehrkräfte gehen im Distanzunterricht an ihre Grenzen. Allein die unzähligen E-Mails, das Vorbereiten, Ausdrucken, Hochladen, Korrekturen, Wiederholungen, Videogespräche und Konferenzen forderten sehr viel Mehraufwand als der Regelunterricht.

Digitalisierung ist Dreh- und Angelpunkt

Die Ernst-Ludwig-Schule kann den Schülern im Leihverfahren 120 iPads zur Verfügung stellen, damit bei gleichzeitiger mehrfacher PC-Beanspruchung oder mangelnder digitaler Ausstattung im Haushalt kein Kind über das Smartphone den Unterricht mitverfolgen muss. Bisher war die Resonanz darauf sehr gering. Zum Vergleich mit der ELS, die zum Beispiel bei der WLAN-Versorgung auf die Aktivität des Landkreises angewiesen ist, hat die Lioba-Schule schon vor fünf Jahren begonnen, sich mit der kommenden Digitalisierung zu beschäftigen. Sie hat mit einem Team eigene Plattformen entwickelt, die sie auch selbst zahlt. Öffentlichen Schulen stehen aber auch solche Plattformen zur Verfügung. Aus dem Bundesprogramm »Tablets für Schüler« hat auch die Lioba-Schule Geräte erhalten.

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