Studioatmosphäre herrscht im großen Saal der Musikschule: Bastian Götz, der FSJ-Kultur-Absolvent vom Vorjahr, bedient das Video-Pult, Mikrofone und Kameras. Tim Zhou (11) am Klavier und als Gast die junge Cellistin Momo Pirschel (9) sind schon ein bisschen daran gewöhnt und präsentieren ihre Stücke souverän.	FOTO: HANNA VON PROSCH
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Studioatmosphäre herrscht im großen Saal der Musikschule: Bastian Götz, der FSJ-Kultur-Absolvent vom Vorjahr, bedient das Video-Pult, Mikrofone und Kameras. Tim Zhou (11) am Klavier und als Gast die junge Cellistin Momo Pirschel (9) sind schon ein bisschen daran gewöhnt und präsentieren ihre Stücke souverän. FOTO: HANNA VON PROSCH

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Bad Nauheim (hms). Livestream-Konzerte sind für die Musikschule inzwischen nichts Neues. Aufregend und irgendwie seltsam bleiben sie aber doch. Beim Auftaktkonzert traten am Sonntag 29 junge Talente vor Mikrofon und Kamera. Sie werden sich im Februar mit einer Videoaufzeichnung auch dem Regionalwettbewerb »Jugend musiziert« stellen.

Man wartet auf den begeisterten Beifall, wenn ein gelungener Vortrag zu Ende ist. Aber da wedeln nur acht Hände im Zuschauerraum, als ob es Gehörlose wären, denen man applaudiert. Wegen der Corona-Beschränkungen darf kein Publikum im großen Musikschulsaal anwesend sein, außer der Lehrkraft, Musikschulleiter Ulrich Nagel, einer Begleitperson und Videotechniker Bastian Götz. Dafür häufen sich im Chat Klatschehände, Daumen hoch, Lob und Dank. Sogar der »Chapelladies Choir« aus Großbritannien bewundert die Vielfalt der instrumentalen Darbietungen. Und eine Oma bekundet mit Herzchen: »Toll gemacht. Ich hab euch lieb.«

»Das digitale Konzert hat Vor- und Nachteile. Einer der Vorteile ist, dass wir wesentlich mehr Publikum erreichen und das in der ganzen Welt«, sagt Nagel. Daher auch seine Begrüßung Punkt 16 Uhr auf Deutsch, Englisch und Französisch. Immerhin waren teilweise fast 80 Bildschirme registriert, die Zuhörenden ungleich mehr.

Als Nachteil wird selbst von den jüngsten Mitspielenden das fehlende Publikum genannt. Tim (11) freut sich, wenn er zu Hause das Video sehen kann, aber noch mehr auf richtige Konzerte. Alina Kosch (16) und Christian Obertowski (17), zählen zu den Erfahrenen an zwei Flügeln: »Dann ist einfach mehr Adrenalin drin, die ganze Konzertatmosphäre ist eine andere. Man übt ja immer allein, da muss der Auftritt etwas Besonderes sein.«

Trotzdem haben sich die Mädchen und Jungen schick gemacht für ihren Auftritt und sind höchst konzentriert. Eintritt vorne, Noten aufs Pult, Maske ab, die Soloinstrumente nachstimmen, spielen, verbeugen, Maske auf, Abgang durch die hintere Tür. Zwischendurch richtet Götz die Mikrofone neu ein. In mindesten vier Videoeinstellungen nah und in der Totale bringt er die Spielenden auf den Bildschirm. Im Nebenraum sorgt Alexander Holz für den guten Ton.

Unten im Foyer nehmen Eva Weber und Mira Sennhenn, die das Freiwillige Soziale Jahr Kultur in der Musikschule absolvieren, die Beteiligten in Empfang, führen die Namensliste und weisen ihnen die Räume zum Einspielen zu. Oben öffnet eine von ihnen für den nächsten Auftritt die Tür zum Saal - natürlich alles mit medizinischem Mundschutz und Abstand. Besser könnten die Regeln nicht eingehalten werden.

Für Klavierlehrer Benjamin Schütze bedeutet der Livestream eigentlich weniger Arbeit, denn die fünf bis sieben vorbereitenden Vorspiele, zum Beispiel in Altenheimen, fielen weg, genauso wie der Aufenthalt in der Musikakademie. Der Kleingruppenunterricht fand regelmäßig statt, weil die Musikschule einen pädagogischen Auftrag erfüllt. Doch Vorspielpraxis mit Publikum sei durch nichts zu ersetzen, betont er.

Durchspielen ohne Schnitte

Ungleich größer ist der technische und organisatorische Aufwand: »Wir haben eine leistungsstarke Kamera angeschafft und große Monitore, die Software ist sehr speziell. Und es braucht seine Zeit, allein im ersten Teil des Konzertes die Mikrofone auf die zwei Flügel einzurichten«, sagt Nagel.

So gerüstet und erprobt, finden in diesen Tagen die Wettbewerbsaufzeichnungen statt. Durchspielen ohne Schnitt: Danach bewertet die Jury in diesem Jahr. Wie beruhigend ist es dabei doch zu wissen, dass auch in dieser Ausnahmezeit der Förderverein der Musikschule erneut die Besten mit Zusatzunterricht unterstützt hat.

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