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»Ich denke langfristig«, sagt Natalie Pawlik. Nach dem Achtungserfolg vor vier Jahren will sie nun im zweiten Anlauf das Direktmandat für den Bundestag gewinnen.

Wahl am Sonntag

Bundestagswahl-Kandidatin Natalie Pawlik (SPD): Netzwerkerin will im zweiten Anlauf nach Berlin

  • David Heßler
    VonDavid Heßler
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Diese Frau hat einen Plan. Natalie Pawlik, 28 Jahre alt, will nach Berlin. Für die Bad Nauheimerin ist es nach 2017 der zweite Versuch, das Direktmandat zu gewinnen. Dank guter Netzwerkpolitik innerhalb der SPD dürfte sie selbst bei einer Niederlage im nächsten Bundestag sitzen.

Bad Nauheim – Es sei anders als 2017, sagt Natalie Pawlik. Heute werde sie von Verbänden, Vereinen oder Unternehmen angesprochen, sie im Wahlkampf doch einmal zu besuchen. Damals war es andersherum. Da trat Pawlik als Newcomerin gegen den gestandenen CDU-Politprofi Oswin Veith an. Der siegte, aber die damals 24-Jährige holte fast 30 Prozent der Erststimmen und gewann schnell die Überzeugung, vier Jahre später noch einmal anzutreten. »Es war für mich immer ein Perspektivprojekt, ich denke langfristig«, sagt Pawlik. Die SPD steht dabei geschlossen hinter ihr.

Zufall ist das nicht: Pawlik hat sich durch geschicktes Netzwerken in aussichtsreiche Position gebracht: Sie steht auf Platz 6 der Landesliste und dürfte angesichts der aktuellen Umfragewerte einen Platz im Bundestag so gut wie sicher haben. Als Bezirksvorsitzende der Jusos Hessen-Süd, stellvertretende Vorsitzende der Wetterauer SPD, Fraktionsvorsitzende der Bad Nauheimer SPD und als Kreistagsmitglied ist sie mit gerademal 28 Jahren in der kommunalpolitischen Welt längst etabliert. Pawlik leitet das Frankfurter Büro des SPD-Europaabgeordneten Udo Bullmann und ist auch dessen Ersatzkandidatin. Sollte er vorzeitig ausscheiden, würde sie nachrücken. »Parteiarbeit ist extrem wichtig für die Meinungsbildung im Land«, sagt die Sozialdemokratin. Dabei muss sie nicht immer in vorderster Reihe stehen, lässt etwa in Bad Nauheimer Stadtparlament anderen den Vortritt. »Ich bin nicht die Person, die ständig die Bühne sucht«, betont sie. Aber: »Wenn es wichtig ist, dass etwas gesagt wird, dann tue ich das.« So wie beim SPD-Parteitag 2017, als sie sich auf der großen Bühne gegen die GroKo aussprach.

Bundestagswahl in der Wetterau: Natalie Pawlik (SPD) ist nicht unzufrieden mit Scholz

Genützt hat es nichts. Der Finanzminister der Großen Koalition, Olaf Scholz, ist nun ihr Kanzlerkandidat. Pawlik hatte bei der Wahl des Parteivorstands gegen Scholz und für das Duo Esken/Walter-Borjans votiert. »Ich bin aber keine Dogmatikerin. Man muss Entscheidungen immer im Kontext der Zeit bewerten«, erklärt sie, warum sie eine Große Koalition nach der Wahl nicht von vornherein ausschließen würde, »auch wenn das nicht meine Wunschkonstellation wäre«. Rot-Rot-Grün übrigens auch nicht.

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Unzufrieden sei sie mit Scholz nicht. Er habe in der Corona-Krise vieles richtig gemacht, sich von der schwarzen Null verabschiedet und Hilfspakete auf den Weg gebracht. Und sowieso gehe es ja nicht nur um den Kanzlerkandidaten, sondern auch um das Programm. »Progressiv und sehr sozialdemokratisch« sei das; es könne den Sozialstaat in moderne Zeiten tragen.

Wetterauer Bundestagswahl-Kandidatin will Kinderarmut überwinden

Pawlik, 1992 in Sibirien geboren, aufgewachsen in einem Bad Nauheimer Aussiedlerwohnheim, hat früh gelernt, sich durchzusetzen. Ein Schulsystem, bei dem »die Herkunft nicht den Bildungserfolg von Kindern bestimmt«, war ihr nicht vergönnt. Man müsse Kinder individuell fördern, durch kleinere Klassen und mehr Schulsozialarbeit Chancen schaffen, sagt die frühere Kreisschulsprecherin.

Durch Corona seien Ungleichheit und Fehlentwicklungen in der Gesellschaft noch verstärkt worden. »Seit die Stellen wieder offen sind, haben wir die Fälle in der Jugendhilfe. Da ist einiges schief gelaufen, was jetzt ans Licht kommt«. Die SPD wolle eine Kindergrundsicherung einführen, um Kinderarmut zu überwinden. Schüler aus sozial schwachen Familien müssten Nachhilfe bekommen können, Geld für Freizeitangebote und die nötige digitale Ausstattung für den (Heim)Unterricht.

Bundestagswahl in der Wetterau: Natalie Pawlik (SPD) will inspirieren

Wer Bildung genießt, ist auch weniger anfällig für rechte Parolen: Pawlik, die neben allerlei sexistischen Nachrichten (»Ich habe da mittlerweile eine Distanz entwickelt«) auch gerne mal »Nazi-Post« geschickt bekommt, weiß, dass sich die AfD bei Russlanddeutschen großer Beliebtheit erfreut. »Auch wenn man hier sicher nicht eine ganze Community verurteilen darf.« Als Mitglied im Verein Deutsche Jugend aus Russland leiste sie Bildungsarbeit und habe die Erfahrung gemacht, dass man die Menschen mit der richtigen Ansprache auch überzeugen könne. Nicht umsonst habe sie 2017 im Butzbacher Degerfeld, das als sozialer Brennpunkt gilt, viele Stimmen geholt. »Manche haben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufgegeben«, weiß Pawlik. Aber sie würde sich wünschen, dass ihr Werdegang auch andere, vor allem junge Frauen, motiviert, sich gesellschaftlich einzubringen. Ihr Beispiel schließlich zeige: »Man kann etwas bewirken.«

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 15.09.2021.

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