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Paul Ziche Professor

»Die Natur soll der sichtbare Geist sein«

  • VonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim (gk). Die Leinwand im Konzertsaal der Trinkkuranlage ziert eine Daguerrotypie aus dem Jahr 1850. Zu sehen ist ein alter weißhaariger Mann. Es handelt sich um den 1775 im württembergischen Leonberg geborenen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der 1854 im schweizerischen Bad Ragaz sterben wird.

Dr. Paul Ziche, Professor an der Universität Utrecht, stellte am Freitagabend im Rahmen der philosophischen Reihe in einem hoch informativen 70-minütigen Vortrag Schellings Lebenslauf und sein Werk - mit Schwerpunkt auf dessen Natur- und Kunstphilosophie - vor. Was Ziches anspruchsvolles Referat trotzdem gut verständlich machte, war seine mediale Präsentation in Form von Zeittafeln, Bildern, Tabellen, Zitaten.

Der 15-jährige Schelling teilt seine »Bude« am Tübinger Stift seit 1790 mit dem 20-jährigen Hegel und ebenso alten Hölderlin. Das Stift war die »Kaderschmiede« für den Pfarrernachwuchs im Herzogtum Württemberg.

1795 legt Schelling sein Examen in Philosophie und Theologie ab. Da er - ebenso wie seine Kameraden - keine Aspirationen auf ein Pfarramt hat, nimmt er eine Stelle als Hauslehrer bei den Herren von Riedesel an. Und bereits 1798 wird der 23-Jährige - auf Betreiben des weimarischen Geheimrats J. W. v. Goethe - Professor in Jena, dem neben Weimar bedeutendsten geistigen Zentrum Sachsen-Weimars.

Immer wieder neu erfunden

Die weiteren Stationen von Schellings erstaunlicher akademischer Karriere in Kürze: 1803 Würzburg, 1806 bis 1841 München. Ab 1841 Berlin auf Betreiben Friedrich Wilhelms IV. Nach der ihm verhassten 1848er-Revolution und wegen fehlender Resonanz bei Kollegen und Studenten zieht sich Schelling 73-jährig ganz aus der Öffentlichkeit zurück.

Sein Denkweg verläuft alles andere als geradlinig. Immer wieder hat er sich neu »erfunden«, sagte Prof. Ziche. Schelling lässt sich keiner Schule zuordnen und hat auch keine gegründet. Er beginnt als Anhänger des zwölf Jahre älteren Johann Gottlieb Fichte, dessen Subjektphilosophie in der Nachfolge Kants er bald verwirft. Auch die dialektische »Geistphilosophie« seines Studienkollegen Hegel kann ihn nicht überzeugen.

Beide Denker blenden die Natur entweder ganz aus ihren Denkgebäuden aus, oder räumen ihr darin nur einen untergeordneten Rang ein. Der etwa 30-jährige Schelling schlägt einen prinzipiell anderen Weg ein, wie Prof. Ziche anhand zahlreicher Zitate aufzeigte. Er verschreibt sich der Naturphilosophie. Natur ist für ihn nicht geistlose Materie, zu der sie bereits von Descartes als »res extensa« herabgewürdigt wurde. Stattdessen postuliert Schelling - vereinfacht formuliert - die Wesensgleichheit von Geist und Natur. Aber dieser gemeinsame Wesenskern muss erst - spekulativ, nicht empirisch - freigelegt werden. Schellings Reflexionen münden schließlich in der These: »Die Natur soll der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur sein«.

Dies bringt seiner Theorie den Namen »Identitätsphilosophie« ein.

Seine Philosophie der Kunst ist, so der Referent, eine konsequente Weiterentwicklung seiner Naturphilosophie. Kunst kann in ihren Werken gleichsam das als »Vorschein« vorwegnehmen, was in der Realität noch seiner Verwirklichung harrt - die Versöhnung von Mensch bzw. Geist und Natur. Solche Gedanken finden Zustimmung bei all jenen Zeitgenossen, die einen intellektuellen Kampf gegen die empirische Naturwissenschaft ausfechten. FOTO: GK

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