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Deutliche Kritik an Umzugsplänen des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes

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Von: Bernd Klühs

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Noch ist der Ärztliche Bereitschaftdienst in diesem Gebäude des Hochwaldkrankenhauses zu finden. Doch die Kassenärztliche Vereinigung plant einen Umzug in die Innenstadt, was bei Politikern und GZW-Vertretern für Kopfschütteln sorgt. © Nicole Merz

Der Ärztliche Bereitschaftsdienst will in Bad Nauheim umziehen. Was harmlos klingt, sorgt für Aufregung bei Ärzten und Politik. Wie wirkt sich die Neuerung auf die Patientenversorgung aus?

Einen Auftritt wie diesen sind Beobachter der Bad Nauheimer Kommunalpolitik von Bürgermeister Klaus Kreß nicht gewohnt. In der letzten Parlamentssitzung dieses Jahres ergriff er zu Beginn das Wort, um über ein »Gerücht« zu berichten.

Vor etwa vier Wochen hätten sich »Hinweise verdichtet«, wonach der Obmann des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) Wetterau, Marc de Groote (Friedberg), mit dieser Einrichtung vom Hochwaldkrankenhaus in die Bad Nauheimer Innenstadt umziehen wolle. »Die niedergelassenen Ärzte wurden von dieser Entwicklung offenbar ebenso überrascht wie das GZW und sind einigermaßen entsetzt beziehungsweise unglücklich darüber«, betonte Kreß in der Sitzung.

Kreß befürchtet fatale Folgen

Auch aus Sicht des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW), dessen Aufsichtsrat der Bürgermeister angehört, hätte ein solche Umzug »fatale Folgen«, bringe Ärger und Verdruss für die Patienten mit sich. Laut Kreß sprechen mehrere Argumente gegen den Umzug. Bislang versorgt der ÄBD Patienten mit nicht allzu schweren Erkrankungen im Zeitraum zwischen Schließung der Arztpraxen und Mitternacht. Dabei sei eine enge Kooperation mit der Notaufnahme möglich, weil beide Institutionen im selben Gebäude des Hochwaldkrankenhauses untergebracht sind.

Diese Zusammenarbeit ist nach Auffassung des Bürgermeisters auch nötig, weil viele Patienten unsicher seien, ob sie im Ernstfall Notaufnahme oder Bereitschaftsdienst in Anspruch nehmen sollen. Wer irrtümlich die Notaufnahme aufsucht, muss nur wenige Schritte bis zum ÄBD gehen. Umgekehrt kann der Bereitschaftsdienst schwerkranke Menschen schnell in die Klinik einweisen lassen. Künftig müssen Betroffene, denen es ohnehin nicht gut geht, wieder ins Auto steigen, um die richtige Anlaufstelle anzusteuern. Zudem, so Kreß, gebe es in der City oft kaum freie Parkplätze für Leute, die dort den ÄBD aufsuchen müssen.

GZW will Integriertes Notfallzentrum

Ähnlich argumentiert GZW-Geschäftsführer Dr. Dirk M. Fellermann. »Medizinisch hat sich bundesweit und auch aus Sicht des GZW die räumliche Nähe von Ärztlichem Bereitschaftsdienst und Krankenhaus-Notaufnahme bewährt«, sagt er. Laut Fellermann ist eine noch engere Kooperation nötig, um die Arbeit beider Einrichtungen zu optimieren.

Sobald der Krankenhaus-Neubau fertig ist, will der GZW-Chef dort ein modern eingerichtetes Integriertes Notfallzentrum (INZ) gründen. Darin würden ÄBD und Notaufnahme quasi vereint. Dieses Modell sei in einem Pilotprojekt am Klinikum Höchst erprobt worden und werde von der neuen Bundesregierung befürwortet.

Gerüchten, wonach das INZ politisch nicht mehr gewollt sei, erteilten Fellermann und Kreß eine Absage. Falsch seien auch kursierende Behauptungen, das GZW habe den Mietvertrag für die Räume des Bereitschaftsdienstes in der Klinik gekündigt. Dieser Vertrag laufe nach wie vor, denn vonseiten des ÄBD sei bislang ebenfalls keine Kündigung eingegangen.

In Klinik fehlt Wartezimmer

Klar ist, die Umzugsabsicht ist kein Gerücht, sondern Fakt. Das bestätigt Karl M. Roth, Abteilungsleiter Kommunikation der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, die den ÄBD landesweit organisiert. WZ-Informationen zufolge wollen die Ärzte das ehemalige Domizil des Naturheilvereins Bad Nauheim/Bad Vilbel (Kurstraße 13-15) übernehmen. Der Verein war vor geraumer Zeit ausgezogen und hatte im August seine Auflösung beschlossen.

»Wir sind sehr zufrieden, moderne Räumlichkeiten für unsere Bereitschaftsdienst-Zentrale gefunden zu haben und damit den Standort Bad Nauheim zu sichern«, erklärt Roth. Der ÄBD verlasse den bisherigen Standort, weil die Räume veraltet seien. In erster Linie fehle ein Warteraum für Patienten. Das GZW habe »trotz intensiven Austauschs« keine angemessene Problemlösung anbieten können. Laut Fellermann sind dem ÄBD 2011 größere Räume offeriert worden. Das habe die KV aber abgelehnt. Erst nach Ausbruch der Pandemie sei Vergrößerungsbedarf angemeldet worden, dafür habe es spontan keine Lösung gegeben.

»Aus unserer Sicht waren alle, auch die politischen Gremien über die Situation informiert, leider ohne konkrete Unterstützungsangebote«, kommentiert der Pressesprecher die Kritik von Kreß. Die räumliche Trennung von ÄBD und Klinik-Notaufnahme hält Roth für unproblematisch. Das funktioniere auch in anderen Regionen. Das Vorhaben der GZW-Geschäftsführung, gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten im Klinik-Neubau ein Integriertes Notfallzentrum zu schaffen, sei bisher nicht eingehend mit der KV diskutiert worden. Ohnehin handele es sich um eine »Zukunftsvision«, der ÄBD benötige aber eine zeitnahe Lösung. Über den Umzugszeitpunkt schweigt sich Roth aus.

ÄGB-Angebot ständig reduziert

Das Angebot des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes Wetterau wurde in den vergangenen Jahren immer weiter reduziert. 2011 wurde die Zahl der Anlaufstellen verringert. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) schloss die ÄBD-Praxen in Friedberg und Butzbach, seitdem müssen Patienten aus diesen Städten und der Umgebung nach Bad Nauheim fahren. Zudem wurden die Öffnungszeiten zweimal geändert. Ab Anfang 2019 war der ÄBD am Hochwaldkrankenhaus nur noch am Wochenende die ganze Nacht über im Dienst, zuvor galt das an allen Tagen. Jetzt schließt die Praxis immer um Mitternacht. Auch danach können Erkrankte die Rufnummer 116 117 wählen, da es laut KV-Pressesprecher Karl M. Roth einen Hausbesuchsdienst für die frühen Morgenstunden gibt. Die Schließung um Mitternacht begründet er mit einer sehr geringen Inanspruchnahme zwischen 0 und 7 Uhr. Genug dienstbereite Ärzte gebe es, etwa 300 niedergelassene Mediziner beteiligten sich.

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