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Haben die geheimnisvollen Zeichen aus dem Außen etwas zu bedeuten? Manch einer glaubt daran.

Das „zweite Gesicht“?

Wetterauerin glaubt, Dinge voraussagen zu können – Psychologe spricht von Zufällen

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Mit zwölf Jahren hatte die Frau aus der Wetterau ihre erste Eingebung, seit dem sieht sie immer wieder Dinge, bevor sie passieren. Ein Psychologe hält das aber nur für Zufall.

Bad Nauheim – Oft sind es kleine, jähe Momente, in denen jemand etwas ahnt oder vorhersieht, das tatsächlich eintrifft. Für die Beteiligten sind diese Erlebnisse verblüffend. Kann das wirklich Zufall sein? Habe ich das „zweite Gesicht“? Solche Fragen stellen sich. Saskia K. (Name geändert) etwa, die in ihrem Leben schon oft Erfahrungen gemacht hat, die sie als übersinnlich bezeichnen würde. Es begann, als sie zwölf Jahre alt war. »Ich ging mit einem Freund einen Weg entlang und sagte zu ihm: ›Pass auf, da vorne liegt ein grünes Kaugummi-Papier.‹ Das lag dann tatsächlich da.« Die heute 57-Jährige wusste dies intuitiv, ohne zuvor an dieser Stelle gewesen zu sein.

Viele Jahre später fuhr sie mit ihrem Mann in den Urlaub in seine britische Heimat. Nachts zuvor starb seine Mutter, doch der Schwiegervater bestand darauf, dass das Paar trotzdem wie geplant im Wohnwagen durch Südengland reiste. »Ich wusste nicht, dass ich schwanger bin und vielleicht war ich es auch noch nicht. In diesem Urlaub träumte ich von einem blonden Mädchen. Es hatte lange Haare, blaue Augen und saß auf einer Blumenwiese«, blickt die Bad Nauheimerin zurück.

Wetterauerin will von ihrer ungeborenen Tochter geträumt haben

Tatsächlich wurde im Januar 2000 ihre jüngste Tochter mit blonden Haaren und blauen Augen geboren. »Ein paar Tage nach diesem Traum fuhren wir zur Trauerfeier der Schwiegermutter«, erzählt Saskia K. weiter. Plötzlich hatte sie das Gefühl, als lege ihr jemand die Hand auf die Schulter und sagte: »Mach dir keine Sorgen, es geht ihr gut.« Gemeint war die Verstorbene. Saskia K. drehte sich um, aber da stand niemand.

Das jüngste Ereignis war dieses Jahr im Januar. Die Bad Nauheimerin sagte plötzlich zu ihrer jüngsten Tochter: »Ich werde in diesem Jahr noch Oma.« Ihre mittlere Tochter stellte ein paar Tage später ihren neuen Freund vor. Nicht lang danach erfuhr Saskia K., dass die Tochter tatsächlich ein Kind erwartete. Sie war schon schwanger gewesen, als sie den Partner vorstellte, wollte aber nichts sagen, da die Beziehung noch ganz frisch war.

Blonde Haare und blaue Augen: Wusste Saskia K. aus der Wetterau das schon vorher?

Später begann die Diskussion um das Geschlecht des Kindes, worauf Saskia K. der werdenden Mutter sagte: »Mach dir keine Sorgen, das Mädchen ist gesund.« Die Tochter sagte nach einer Untersuchung: »Mama, du hattest recht, es wird ein Mädchen.« Saskia M. erwiderte nur: »Das wusste ich von vornherein.« Die Haarfarbe einer anderen Enkelin sagte sie ebenso voraus wie das Aussehen eines weiteren Enkelkinds.

Noch ein Erlebnis: »Ich hatte mich im Februar 2018 auf eine Stelle beworben und war zweimal zum Vorstellungsgespräch. Im Juni bekam ich eine Absage.« Im Juli hatte sie ein Gespräch in einer anderen Firma. Als sie nach Hause kam, sagte Saskia K. zu ihrem Lebensgefährten: »Ich werde irgendwann in der ersten Firma arbeiten. Die sind selbst schuld, wenn sie meinen Job jemand anderem gegeben haben.« Am nächsten Tag rief die Personalabteilung an: »Haben Sie noch Interesse?« Sie hätten da wohl einen Fehler gemacht. K. bejahte und unterschrieb den Arbeitsvertrag.

Wetterauerin hat keine Kontrolle über ihre „Vorahnungen“

Für sie ist schon immer klar: Die Zeit auf der Erde ist nur ein Fingerschnippen angesichts der Ewigkeit. »Und da kann ich mir nicht vorstellen, dass so was Einmaliges wie der Mensch nicht von irgendjemandem geschaffen wurde. Da gibt es noch was anderes. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod«, sagt sie. Einfluss auf den Moment, in dem ihre Ahnungen kommen, kann sie nicht nehmen. »Ich weiß nicht, ob es Menschenkenntnis ist oder Vorahnungen sind, aber ich finde das immer sehr spannend«, schildert sie.

Für Übersinnliches interessiert sie sich, glaubt an die unsichtbaren Nabelschnüre zwischen den Sphären. Von Dingen wie Kartenlegen hält sie allerdings nichts. »Ich war zwar mal bei einer Kartenlegerin. Was sie erzählte, war aber sehr schwammig, und es traf selten das ein, was sie erzählt hat«, stellt Saskia K. fest. Schon einige Male überlegte sie, wieso sie Dinge im Vorhinein weiß, aber ihr fiel keine sinnvolle Erklärung ein. »Mit Lottozahlen funktioniert es leider nicht«, lacht sie.

Psychologe erklärt das Phänomen „Zweites Gesicht“

Gibt es so etwas wie das »Zweite Gesicht«?

Martin Heß: Die meisten Menschen kennen solche Erlebnisse. Die einen gewichten das mehr, die anderen sehen es als das, was es in der Regel ist: ein Zufall. Alle Kinder erleben in ihrer Entwicklung eine »magische Phase« in der sie ausprobieren, ob sie dem Schicksal in die Karten schauen können. Beim spielerischen Versuch, Dinge vorherzusagen, kann es zu einem Zufallstreffer kommen. Daraus entsteht mitunter der Glaube an besondere Fähigkeiten, Innen- und Außenwelt miteinander in Verbindung zu bringen. Jeder weitere Zufallstreffer verstärkt diesen Glauben. Die zahllosen Ideen aber, die nicht Wirklichkeit werden, werden ausgeblendet.

Kann ein Traum ein Ereignis vorhersagen?

Martin Heß: Manchmal entwickeln Menschen die Vorstellung, ein Erlebnis schon einmal geträumt oder vorausgesagt zu haben. In den meisten Fällen beruht das auf einer »Erinnerungsfälschung«, einer auch bei Zeugen- oder Opferaussagen gefürchteten Illusion: Man glaubt, Erlebnisse gehabt zu haben, die es in Wirklichkeit so gar nicht gab. Das kommt häufiger vor, wenn starke Emotionen im Spiel sind. Sie können regelrecht die persönliche Geschichte verändern. Die leichte Form davon kennt jeder: das Déjà-vu: Man ist in einer Szene und denkt: »Hier war ich doch schon mal« oder »Das habe ich schon mal erlebt.« Doch beruht das lediglich auf einer kurzfristigen Fehlschaltung im Gehirn, bei der Eindrücke aus der Gegenwart quasi über das Gedächtnis umgeleitet werden.

Ist also alles nur Einbildung?

Martin Heß: In gewisser Weise ist unser gesamtes Erleben »Einbildung«. Was uns real erscheint, ist in Wahrheit eine Simulation, die Gehirn und Nervensystem erzeugen. Ähnlich wie die Bilder in dieser Zeitung zwar die Wirklichkeit simulieren, aber nicht die Wirklichkeit sind. Mit der echten Realität können wir gar nicht direkt in Berührung kommen! In die Konstruktion der individuellen »Wirklichkeitsinsel« fließen auch Informationen ein, die wir unbewusst aufnehmen. Das wichtigste dabei sind die Töne und Zwischentöne der menschlichen Kommunikation und die dadurch ausgelösten Emotionen und Erwartungen. Doch trotz aller Wissenschaft bleibt auch hier ein geheimnisvoller Rest. So haben Mystiker schon immer in großer Übereinstimmung darauf hingewiesen, dass die Gegensätzlichkeit von Himmel und Erde, Geist und Materie, Religion und Naturwissenschaft eben auch nur auf einer Illusion beruhen, in Wahrheit alles zutiefst miteinander verbunden ist und wir alle einen Funken der göttlichen Schöpferkraft in uns tragen.

Martin Heß ist systemischer Psychologe sowie Trainer und Coach für Management-, Personal- und Organisationsentwicklung. Er und seine Frau Andrea sind Inhaber der Firma STEP in Hoch-Weisel. (ihm)

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