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Bezahlbares Wohnen ist in Bad Nauheim machbar – Genossenschaft liefert den Beweis

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Von: Bernd Klühs

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KSWG-Geschäftsführer Gerhard Dyroff steht in einem Wohnzimmer.
Die Bauweise entspricht modernsten Energiespar-Standards, die Ausstattung ist modern: KSWG-Geschäftsführer Gerhard Dyroff in einer der bezahlbaren Wohnungen, die in Bad Nauheim Süd errichtet worden sind. © Nicole Merz

Ein Mietpreis von 8,50 Euro im Neubau ist unmöglich, weil nicht kostendeckend. Das wird in Bad Nauheim oft behauptet, eine Genossenschaft hat den Gegenbeweis.

Bad Nauheim – Immer wieder wird von Bad Nauheimer Politikern die städtische Wohnungsbau-Gesellschaft (Wobau) genannt, wenn es um die Errichtung von bezahlbarem Wohnraum geht, der dringend benötigt wird. Doch wie sieht die Realität aus? Bei den Wobau-Neubauten in der Dieselstraße stand unter dem Strich eine Quadratmeter-Kaltmiete von deutlich über 11 Euro, beim derzeit laufenden Projekt im Baugebiet Bad Nauheim Süd wird wohl die 12-Euro-Grenze geknackt. Von Wohnraum, der für Gering- und Normalverdiener geeignet ist, kann keine Rede sein. Den Mietpreis für diesen Personenkreis setzt die Politik mit maximal 8,50 Euro an.

Nicht nur manche Stadtverordnete und Bürgermeister Klaus Kreß haben in jüngster Vergangenheit bezweifelt, dass günstige Mietwohnungen unter den aktuellen Bedingungen errichtet werden können, ohne Verluste einzufahren. Auch Wobau-Prokurist Torsten Gräf hatte sich im Dezember entsprechend geäußert. »Hier einen Mietpreis von 8,50 Euro zu realisieren, ist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten völlig ausgeschlossen«, sagte Gräf zu den beiden Neubauten mit 18 Wohnungen, die das städtische Unternehmen gerade in Bad Nauheim Süd hochzieht.

Bezahlbares Wohnen in Bad Nauheim: Deutliche Differenz beim Mietpreis

Völlig ausgeschlossen? Nur ein paar Meter weiter steht das Mehrfamilienhaus der Kleinsiedlungs- und Wohnungsbau-Genossenschaft (KSWG) Bad Nauheim mit sechs Einheiten. Wobau und KSWG genießen beide eine Grundstückspreis-Subventionierung durch die Stadt, zahlen nur 300 Euro pro Quadratmeter. Beide bauen nach modernsten Energiesparkriterien, verzichten auf die teure Tiefgarage, errichten die Gebäude aber mit Keller und behindertengerecht, also mit Aufzug.

Beide bieten E-Ladesäulen, gute Ausstattung und eine Photovoltaikanlage, nutzen als Energiequelle die Kalte Nahwärme der Stadtwerke. Es herrschen sehr, sehr ähnliche Bedingungen. Doch was steht unter dem Strich? Die Wobau wird etwa 12 Euro Kaltmiete verlangen, die KSWG 8,50 Euro, die laut Geschäftsführer Gerhard Dyroff für 30 Jahre garantiert werden. Zudem komme es zu keiner Quersubventionierung innerhalb der Genossenschaft. »Wir erwirtschaften die Finanzierung des Neubaus ausschließlich mit den dortigen Mieteinnahmen.«

Bezahlbares Wohnen ist in Bad Nauheim machbar: Beim Baubeginn später dran

Ein wichtiger Unterschied: Die Wobau hinkte beim Baubeginn hinterher. Während die KSWG im Frühjahr 2020 loslegte, dauerte es bei der Wobau bis zum Sommer 2021. Die ohnehin horrenden Baupreise liegen somit bei der städtischen Firma noch etwas höher. Andererseits sollte die Wobau mit dem immer solventen Bürgen Stadt Bad Nauheim bessere Finanzierungsbedingungen ausgehandelt haben. »Wir haben nicht das günstigste Angebot genutzt, sondern uns mit dem langjährigen Partner Volksbank auf eine Finanzierung über 15 Jahre mit einem Zinssatz von 1,2 Prozent geeinigt«, sagt Dyroff.

Der Geschäftsführer nahm sich die Zeit, in langen Verhandlungen mit der Führung des Bad Nauheimer Bauunternehmens H + R alle Einsparmöglichkeiten auszuloten und das Ziel stets im Auge zu behalten. »Der H + R-Chef hat die Idee der Genossenschaft verstanden und uns ein konkurrenzlos günstiges Angebot gemacht«, sagt Dyroff.

Bad Nauheim: Förderung für bezahlbaren Wohnraum nicht konsequent

Zieht er den Vergleich zum Wobau-Projekt in der Nachbarschaft, hat er noch weniger Verständnis für die Politik der Stadt. Nach Ansicht Dyroffs wird die Förderung bezahlbaren Wohnraums in Bad Nauheim nicht konsequent betrieben. »Das war unser erster Neubau in Bad Nauheim seit 1973. Vor Kreß war kein Bürgermeister bereit, uns ein günstiges Grundstück zur Verfügung zu stellen.« Als Fehler wertet der KSWG-Geschäftsführer die endgültige Absage des Bauprojekts am Friedhof Nieder-Mörlen (die WZ berichtete). Die Genossenschaft wollte sich dort engagieren. Die von Anwohnern getragene BI habe sich mit ihrem Protest durchgesetzt. »Von Asozialen und Negern, die dort hinziehen wollten, war dabei die Rede«, kritisiert Dyroff.

Die Investorenabgabe von Bauträgern, die Eigentumswohnungen in der Stadt errichten, hält er für richtig, aber nicht die Verwendung der Gelder. Die Einnahmen, die künftig fließen sollen, allein der Wobau zukommen zu lassen, sei juristisch fragwürdig. Auch die KSWG müsse profitieren. Dyroff: »Wie eine Vorprüfung ergeben hat, widerspricht der städtische Beschluss dem EU-Wettbewerbsrecht. Wir behalten uns vor, dagegen rechtlich vorzugehen.«

Bezahlbarer Wohnraum in Bad Nauheim: 164 Wohnungen in 22 Häusern

1947, direkt nach Kriegsende, herrschte in Bad Nauheim große Wohnungsnot. Um die zu lindern, gründete sich die Bad Nauheimer Kleinsiedlungs- und Wohnungsbau-Genossenschaft (KSWG). Ihr wurden einige Wiesen in der Kernstadt als Bauland zur Verfügung gestellt, damals am Rand der City, heute fast mittendrin. Aktuell verwaltet Geschäftsführer Gerhard Dyroff, der sich seit etwa 40 Jahren für die KSWG engagiert, 164 Wohnungen in 22 Häusern. Die Quadratmeter-Kaltmiete liegt zwischen 3,20 und 8,50 Euro. »Für manche Mieter wurden die Preise seit 50 Jahren nicht erhöht. Nur bei einer umfassenden Sanierung wird mehr verlangt«, sagt Dyroff.

Die KSWG würde gerne mehr bauen, kommt aber angesichts der Preisexplosion in der Kurstadt kaum noch zum Zug. Voraussetzung ist die preiswerte Überlassung eines Grundstücks durch die Stadt. Dazu zeigte sich die politische Führung jahrzehntelang nicht bereit. Erst in jüngster Zeit ist das Fehlen bezahlbaren Wohnraums in Bad Nauheim ins Zentrum politischer Überlegungen gerückt. Deshalb wurde der KSWG, die 225 Mitglieder hat, ein Grundstück in Bad Nauheim Süd zu einem Kaufpreis von 300 Euro pro Quadratmeter überlassen. (Bernd Klühs)

Ein Bauprojekt in Bad Nauheim wurde nun gestoppt. Am Friedhof in Nieder-Mörlen entsteht kein Wohnraum.

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