Diese uralten Kessel stammen noch aus der Anfangszeit, sie sind nicht mehr in Funktion.
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Diese uralten Kessel stammen noch aus der Anfangszeit, sie sind nicht mehr in Funktion.

Jugendstilbauwerk

Denkmal und modernes Kraftwerk

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Kleine, dezentrale Anlagen zur Strom- und Wärmeerzeugung sind in Zeiten der Energiewende das Nonplusultra. Was heute hochmodern ist, wurde in Bad Nauheim bereits vor gut 100 Jahren praktiziert.

"Achtung! Kopf einziehen!" Beim Gang in den Keller des Heizkraftwerks am Goldstein ist Vorsicht geboten. An mehreren Stellen besteht Verletzungsgefahr, wie Betriebsleiter Horst Gleissner erläutert. Der Mitarbeiter der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Mittelhessen (EAM) bietet derzeit im Rahmen der Tage der Industriekultur Führungen durch das Baudenkmal an. "Diese Veranstaltungen sind ausgebucht, das Interesse ist riesig", sagt der 59-Jährige. Kein Wunder, denn das Kraftwerk, das unter Aufsicht von Architekt Wilhelm Jost in den Jahren 1904 bis 1906 errichtet wurde, fasziniert nicht nur Technikfreaks. Modernste Anlagen stehen neben denkmalgeschützten Gegenständen aus den Anfangsjahren wie alten Kesseln, der früheren Schalttafel oder Kipploren, die zum Abtransport der Kohleschlacke dienten. Hinzu kommt der zwei Kilometer lange Tunnel, der vom Kraftwerk zum Sprudelhof und weiteren ehemaligen Staatsbad-Betrieben führt. Die dort vor gut 100 Jahren verlegten Leitungen zum Transport von Warmwasser und Dampf werden nach wie vor genutzt.

Gleissner, der seit 1998 im Heizwerk arbeitet, kennt sich aus mit Historie und Technik des Jugendstilgebäudes. Fakten und Zahlen sprudeln nur so aus ihm heraus. "Als die Maschinenzentrale, so die offizielle Bezeichnung, errichtet wurde, war sie auf dem modernsten Stand der Technik." Die Kurbetriebe des "Weltbads" mussten zuverlässig mit Wärme und Strom versorgt werden. Außerdem wurde dort auch Eis für Hotels, Gaststätten und den Kurbetrieb hergestellt. Begehbarer Tunnel in die Innenstadt

Neben dem Kraftwerk-Gebäude mussten der begehbare Tunnel in die Innenstadt gebaut und im Kraftwerk riesige Kessel sowie Dampfturbinen installiert werden. Zudem wurde auf dem 7700-Quadratmeter-Grundstück am Goldstein ein riesiger Kran errichtet, um die Kohle ins Gebäude zu transportieren, mit der damals das Wasser erhitzt wurde. Güterzüge fuhren direkt ans Gebäude heran, um das Brennmaterial anzuliefern.

1912 legten die Techniker mit der Strom- und Wärmeproduktion los. "Die Strommenge reichte aus, um die ganze Stadt zu versorgen, der Rest wurde über eine sieben Kilometer lange Leitung zu einem Kraftwerk in Wölfersheim transportiert", erläutert der Betriebsleiter. Die anfallende Wärme, quasi ein Abfallprodukt, wurde in Form von Dampf oder heißem Wasser zum Heizen der Gebäude des Kurbetriebs genutzt.

Die Wärmeversorgung läuft weiter nach diesem Prinzip, wobei Dampf kaum noch zum Einsatz kommt. Den meisten Kunden wird heißes Wasser geliefert, mit dem die Heizung betrieben wird. Hat das Wasser seine Energie abgegeben, wird es zurück ins Kraftwerk gepumpt. Gleiches gilt fürs Kondenswasser, das entsteht, wenn der Dampf abkühlt.

"Aktuell werden 50 Gebäude in Bad Nauheim mit Nahwärme versorgt. Im letzten Jahr ist die neue Wohnanlage im ehemaligen Hotel Kaiserhof angeschlossen worden, demnächst werden die Eigentumswohnungen im Salinenhof beheizt", sagt Markus Hardt, Leiter dezentrale Energiekonzepte bei EAM. Der Tunnel, in dem es über 40 Grad warm ist, verbindet das Kraftwerk mit dem Sprudelhof, führt von dort aus in südwestlicher Richtung bis zum Grand Living (früheres Grand Hotel) und in nordwestlicher Richtung bis zum Conparc-Hotel.

Die Stromproduktion per Dampfturbinen endete 1976, nach Ansicht des Staatsbades war sie nicht mehr wirtschaftlich genug. Erst 2012 installierte der neue Eigentümer EAM ein modernes Blockheizkraftwerk, das mit Gas betrieben wird und im Jugendstilgebäude steht. "Es hat eine Leistung von 600 Kilowattstunden, das reicht zur Versorgung von 1300 Haushalten", erläutert Hardt. Zentrale für ganz Hessen

"Auch ohne Stromproduktion hat das Heizwerk zu Staatsbad-Zeiten schwarze Zahlen geschrieben. Heute sind wir mit unseren Preisen nach wie vor konkurrenzfähig", sagt Gleissner. 2003 hatte er sich gewundert, dass die Stadtwerke kein Interesse an der Übernahme des Kraftwerks zeigten. Auch nach so vielen Arbeitsjahren kann sich der 59-Jährige für den Mix aus moderner Technik und Museumsstücken begeistern. An seinem Computer-Arbeitsplatz steuert und überwacht er nicht nur das Bad Nauheimer Kraftwerk, sondern auch ähnliche EAM-Anlagen in ganz Hessen. Wenn in Bad Nauheim ein Defekt auftritt, muss es schnell gehen, rund um die Uhr ist ein Mitarbeiter in Bereitschaft. Lachend erzählt Gleissner von einem Besuch in der Kerckhoff-Klinik, ebenfalls ein Kunde. "Bei euch wird es gleich kalt", hatte er den dortigen Haustechnikern verkündet. Frierende Patienten – das kommt in einer Klinik nicht so gut. Doch Gleissner bekam die Störung rechtzeitig in den Griff. Auf die uralte und doch moderne Nahwärmeversorgung ist eben Verlass.

Info

Großherzog erteilte Auftrag

In den 111 Jahren seines Bestehens hat das Heizkraftwerk mehrfach seinen Besitzer gewechselt. 1904 hatte Großherzog Ernst Ludwig von Hessen den Jugendstil-Architekten Wilhelm Jost mit dem Bau beauftragt. Nach dem Ende der Adelsherrschaft ging es ins Eigentum des Landes Hessen über und wurde Teil des Staatsbades Bad Nauheim. 2003, kurz vor der Kommunalisierung der Kurbetriebe, verkaufte das Finanzministerium die Anlage an die Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Mittelhessen, damals Tochter des Energiekonzerns EON. 2014 wurde die EAM an 12 Landkreise und 112 Kommunen in Hessen und Südniedersachsen veräußert. Hauptbetätigkeitsfelder des Unternehmens sind der Betrieb von Stromnetzen und die Erzeugung erneuerbarer Energien.

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