Gut 180 Menschen haben nahe des Aliceplatzes in Bad Nauheim gegen Rassismus demonstriert.
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Gut 180 Menschen haben nahe des Aliceplatzes in Bad Nauheim gegen Rassismus demonstriert.

Für Vielfalt und Frieden

Demo in Bad Nauheim setzt klares Zeichen  gegen Rassismus

  • vonHedwig Rohde
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Etwa 180 Menschen haben nahe des Aliceplatzes in Bad Nauheim gegen Rassismus demonstriert. Zwecks Wahrung des Abstands gab es bunte Bänder - die noch einen anderen Zweck haben.

Ein Zeichen gegen Rassismus und für die bunte Vielfalt der Stadt haben am Samstagvormittag 180 Menschen bei einer ebenso nachdenklich wie hoffnungsvoll stimmenden Veranstaltung gegenüber des Aliceplatzes gesetzt. Zu der Kundgebung hatten die Frauenbeauftragte der Stadt, Patricia Mayer, der Ausländerbeirat und die gemeinnützigen Vereine Juka, Internationaler Club Bad Nauheim (ICBN) und Interkulturelle Kompetenz und Integration (IKI) aufgerufen.

Bunte Bänder, die während der Veranstaltung die Wahrung der Hygieneabstände in den Teilnehmerreihen sichergestellt hatten, wurden nach dem Abspielen des Liedes der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung »We shall overcome« aneinandergeknotet und um einen Baumstamm gewickelt, wo sie bis auf weiteres das Selbstverständnis der Stadt und ihrer Menschen versinnbildlichen.

Zum zweiten Mal binnen weniger Monate aus einem ähnlichen Anlass in einer Gedenkveranstaltung aufzutreten, mache ihn »traurig, wütend und ratlos«, bekannte Bürgermeister Klaus Kreß. Er erinnerte an die im Grundgesetz verankerten Prinzipien von der Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen und der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und forderte, »die Denkmale in den Köpfen und Herzen der Menschen, die sich nicht einfach stürzen ließen, mit Geduld und Ausdauer Staubkorn für Staubkorn abzutragen«.

Demo in Bad Neuheim: Gabriele Horcher spricht über ihre Erfahrungen

Die Diversität der Menschen sei von der Natur, der Evolution, von Gott gewollt, erklärte Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Hahn. In Bad Nauheim erlebe man, wie die äußerliche und mentale Diversität der Menschen das Zusammenleben interessant, spannend und lehrreich mache, den Horizont erweitere und immer wieder wertvolle Denkanstöße gebe. Die Missachtung und aktive Verletzung von Menschenwürde sei eine »schlimme Schandtat, die nicht unbeachtet, unbestraft und ungesühnt bleiben darf«.

Die 73-jährige Gabriele Horcher erinnert sich noch sehr gut an die Attribute »süßes, kleines Schokoladenmädchen« oder »rassige Frau«, mit denen sie in früheren Jahren ihrer Hautfarbe wegen bedacht worden ist. Versteckte und öffentliche Diskriminierungen verstärkten sich zurzeit wieder. Rassismus blühe im Stillen, deshalb sei es zunächst wichtig, das Vorhandensein des Rassismus in der Gesellschaft als Problem zu definieren und dann ohne Hass zu bekämpfen. Wichtig sei die Erkenntnis: »Kein Kind wird als Rassist geboren, sondern als Mensch.«

Demo in Bad Nauheim: Für Respekt statt Toleranz

Dass sich selbst in einem Meisterwerk der deutschen Literatur, dem Roman »Joseph und seine Brüder« des Nobelpreisträgers Thomas Mann, »Abgründe von Fremdheit und Respektlosigkeit, menschenunwürdige Zerrbilder verbergen«, stellte Dr. Ulrich Becke an den Beginn seiner Ansprache und knüpfte daran die Mahnung, dass, »wenn wir genau hinsehen, … wir solche Bilder auf dem Grund unseres eigenen Bewusstseins (entdecken)«. So müsse beispielsweise die Frage »Sie sprechen aber schon sehr schön Deutsch. Wo kommen Sie denn her?«, gerichtet an einen Menschen, der in Deutschland geboren und aufgewachsen sei, sehr kränken, denn sie bedeute nichts anderes als »Du gehörst nicht dazu. Du bist was Anderes.« Auch mit dem Toleranzbegriff setzte sich Becke kritisch auseinander. Dieser sei im alltäglichen Sprachgebrauch »ein Wort von oben nach unten«, nach dem Motto: »Du bist zwar anders, aber ich bin jetzt mal so nett, dich zu tolerieren«. »Respekt« sei das bessere und angebrachtere Wort, es entspreche dem Blick auf Augenhöhe, von Angesicht zu Angesicht. Respekt kennzeichne den »wahren Dialog auf gleicher Ebene: Da zählt jeder Mensch gleich viel, auch in seiner grundsätzlichen Andersartigkeit, seiner Würde, seinem Streben nach Glück, seiner Freiheit«. In der Trauer über die Geschehnisse gebe es Hoffnung auf den Morgen, aber bis es Morgen werde, »haben wir alle noch einen langen Weg durch die Nacht vor uns«.

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