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Die Fitnessstudios haben wieder geöffnet, bieten ihr Angebot aber auf »Sparflamme« an. Wie hier im Opti-Mum in Bad Nauheim wird auf Abstand zwischen den Geräten geachtet, pro Stunde werden nur sechs Kunden zugelassen. Termine werden über eine App vergeben.

Nach dem Lockdown

Wetteraukreis: Fitnessstudios öffnen wieder – Das Training startet im Aufwärm-Modus

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Wer rastet, der rostet: In Hessen sind seit 8. März die Fitnessstudios wieder geöffnet. Momentan läuft eine Art »Aufwärmprogramm«, die Sorgenfalten der Betreiber müssen aber noch abtrainiert werden.

Torsten Gubitzer hat sämtliche Geräte umgestellt. Die Laufbänder, Crosswalker, Stepper und Trainingsfahrräder im Opti-Mum in der Frankfurter Straße in Bad Nauheim wurden wie Straßenfluchten aneinandergereiht, mit genügend Abstand und so, dass einem niemand in den Weg kommt. Wer will, kann an der frischen Luft trainieren. In einem seitlich gelegenen Hof hält sich gerade ein Mann fit. Viele Kunden sind nicht da. »15 wären möglich«, sagt Gubitzer. »Wir starten mit sechs Kunden pro Stunde, fangen soft an.«

Gubitzer betreibt mit seiner Frau Anja fünf Fitnessstudios in Friedberg, Bad Nauheim (2), Rosbach und Ober-Ursel. Im vergangenen Jahr erarbeitete er ein Hygienekonzept, legte es dem Gesundheitsamt vor. »Wir hatten gute Argumente.« Das Gesundheitsamt aber sagte Nein, drohte gar mit einem hohen Bußgeld. Es gebe keine Sonderregelungen, hieß es, er könne ja vor dem Verwaltungsgericht klagen. Was Gubitzer nicht tat. »David gegen Goliath? Das bringt nichts.«

Fitnessstudios keine Hotspots sondern hilfreich in der Corona-Pandemie

Am 1. November mussten die Fitnessstudios schließen. Die Öffnung kam für die Branche überraschend, aber Gubitzer war vorbereitet. Die Mitglieder melden sich zu Terminen nun über eine Trainings-App an, Duschen und Umkleiden sind geschlossen, Spinde für Schuhe und Jacke stehen gleich am Eingang.

Auch wenn die Inzidenz derzeit wieder steigt: Die Öffnung der Fitnessstudios sei richtig und wichtig für die Kunden. »Viele haben erhebliche Probleme mit dem Rücken, den Gelenken oder haben Arthrose.« Solche Beschwerden brechen nach einer monatelangen Pause wieder auf, weiß Gubitzer. Das lasse sich leicht statistisch belegen. Fitnessstudios seien keine Corona-Hotspots, sondern im Gegenteil »Problemlöser«. »Sport und Bewegung sind ein wichtiger Bestandteil des Lebens.« Viele Kunden klagten, sie hätten zugenommen. Jetzt werden die Pfunde wieder abtrainiert.

Fitnessstudios im Wetteraukreis: Vorwürfe gegen Politik

In Sachen Überbrückungshilfe hat Gubitzer die gleichen Erfahrungen wie viele andere Selbstständige gemacht. »Das war eine Katastrophe.« Anfang März wurde der letzte Betrag für die Dezember-Hilfe überwiesen. Die Miete muss bezahlt werden, dazu kommen Personalkosten, die durch Kurzarbeit zwar aufgefangen werden. »Aber die Mitarbeiter haben weniger in der Tasche.«

Gubitzer ist sauer. Er fragt sich, ob die Politiker wissen, wie Unternehmen funktionieren. Ob sich der Wirtschaftsminister mit Fitnessstudios auskennt? Wohl eher nicht. Das Hin und Her sorge für Verunsicherung bei den Kunden. »Und Unsicherheit schlägt sich aufs Konsumverhalten aus.«

Wetteraukreis: Den Fitnessstudios fehlen Neukunden

Die Branche rechnet mit einem Kundenrückgang von 20 bis 25 Prozent. Gubitzer: »Wir liegen knapp darunter.« Nicht, weil Mitglieder gekündigt hätten. Mitgliedsbeiträge wurden im Lockdown nicht abgebucht. Aber es fehlen die Neukunden.

Das bestätigt auch Andreas Lindemann, der am Goldstein ein alteingesessenes Fitnessstudio betreibt. »2020 hat niemand eine Neumitgliedschaft abgeschlossen. Das war ein verlorenes Jahr.« Die Kunden sind ihm treu geblieben. Über Facebook hat er sie mit Trainingsvideos versorgt, es wurden auch hier keine Mitgliedsbeiträge abgebucht. »Wir erhalten Überbrückungsgeld. Aber das reicht nicht für die Butter aufs Brot.«

Corona-Maßnahmen für Fitnessstudios in der Wetterau

Lindemann hat für Innen einen Luftfilter angeschafft und für Outdoor-Angebote ein Zelt für den Garten gekauft. Nur gibt es keine Genehmigung für diese Kurse, nur individueller Sport ist möglich. Und die Saunen sind, warum auch immer, ebenfalls geschlossen. »Obwohl der Aufenthalt in der Schwitzkabine völlig unproblematisch ist.«

Nach vier Monaten ohne Training - wie schafft man es da, den »inneren Schweinehund« zu überwinden? »Mit dem Frühling kommt auch die Motivation wieder. Das sollte jeder nutzen«, sagt Eike Kurschmitz. Er ist mit seinem Fitnessstudio »EK Personal Fitness« gerade von der Diesel- in die Kurstraße umgezogen, bietet nur individuelles Training an, keine Gruppenkurse. Sein wichtigster Tipp für den Neustart im Fitnessstudio lautet daher: »Man sollte einen Trainer zu Rate ziehen, der einem in den Hintern tritt.« Wie lange das geht und ob der momentane Anstieg der Inzidenzzahlen nicht zum nächsten Lockdown führt, weiß niemand in der Branche.

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