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»Es wird nicht einfach. Aber fruchtbar«, sagt Dr. Matthias Eigelsheimer vor seinem Hegel-Vortrag.

»Das Ganze ist das Wahre«

  • VonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim (gk). Nachdem Dr. Matthias Eigelsheimer sein erstes Hegel-Referat vor drei Wochen dessen Kritik an der Aufklärung, insbesondere der Philosophie Immanuel Kants gewidmet hatte, stand am Freitagabend in der Trinkkuranlage Methode und Ziel der Dialektik Hegels im Mittelpunkt.

»Es wird nicht einfach. Aber fruchtbar.« Mit dieser Ankündigung stimmte der Referent die zahlreich erschienenen Hörerinnen und Hörer auf einen schwierigen Vortrag ein. In der Tat: In seinem weitausholenden 80-minütigen Vortrag vermittelte Eigelsheimer einen intensiven Einblick in die Spezifika Hegel’schen Denkens am Beispiel seiner dialektischen Methode - ein »Alleinstellungsmerkmal« gegenüber allen philosophischen Denkern von der Antike bis in die Gegenwart.

Ziel dieser Methode ist nicht weniger als die begriffliche Durchdringung der gesamten Realität. Was vor ihm in einzelnen Disziplinen wie Metaphysik, Ontologie, Logik, Anthropologie, Staats-, Rechts- Kunst- und Naturphilosophie nebeneinander abgehandelt wurde, will Hegel nun in einem universellen Zusammenhang miteinander vermitteln, bei dem Begriff und Realität eins werden und damit die Unterschiede zwischen Geist und Natur, Mensch und Welt »aufgehoben«, »versöhnt« sind.

Diesen »Zustand« der Identität von allem und jedem, in dem alle Dynamik zum Stillstand kommt, nennt Hegel das »Absolute« bzw. »Ganze«. »Das Ganze ist das Wahre«, so lautet sein Schlüsselsatz. Alles Partikulare dagegen ist »abstrakt« bzw. »unwahr« in dem Sinn, dass es noch nicht auf den Begriff seiner selbst gebracht wurde.

Die Kathedrale des Denkens

Dr. Eigelsheimer verglich dieses systematische - aus der Sicht vieler Hegel-Kritiker hypertrophe - Unternehmen mit der Errichtung einer »Kathedrale des Denkens«.

Aber worin besteht nun eigentlich das Spezifische dialektischen Denkens bzw. dialektischer Entwicklung? Anhand von guten Beispielen gelang es dem Referenten, dieses Kernstück von Hegels Philosophie zu veranschaulichen.

Mithilfe seines These-Antithese-Synthese-«Gerüsts« glaubt Hegel, sehr vereinfacht ausgedrückt, die Gegensätze bzw. Widersprüche des »Seins« in seiner Gesamtheit - also einschließlich des Menschen - begrifflich »vermitteln« bzw. miteinander »versöhnen« zu können. Der Gedanke, alles Seiende existiere in Gestalt unzähliger Gegensatzpaare, ist dabei nicht neu. Bereits von Heraklit wird der berühmte Satz: »Der Krieg ist Vater aller Dinge« überliefert. Wobei unter »Krieg« (gr. »polemos«) Gegensatz zu verstehen ist.

Auch das Verhältnis Mensch-Natur ist, so der Referent, ein dialektisches Gegensatzpaar. Als »These« gebiert die vormenschliche Natur den Menschen aus ihrem »Schoß«, dessen onto- wie phylogenetische Entwicklung sich als »Antithese« zu ihr verhält. D. h. der Mensch bleibt kein Naturwesen, sondern wird zum Kulturwesen. Er macht sich zum Herrn über die Natur. Zwischen beiden entsteht ein bis heute nicht »überwundener« Gegensatz - der von vielen für prinzipiell unüberwindbar gehalten wird (Umweltzerstörung).

Entscheidend für Hegel ist jedoch, dass er selbst einen solchen Fundamental-Gegensatz nicht als starre Dualität, sondern als prinzipiell versöhnbar versteht. Er glaubt an dessen Aufhebung nicht in einem Schritt, sondern im dreifachen Sinn als - bewahren = »einfrieren«, auf eine höhere Stufe heben und zum endgültigen Verschwinden bringen.

An vielleicht keinem Beispiel lässt sich der utopische Gehalt Hegel’schen Denkens besser demonstrieren als am dialektischen Verhältnis Mensch-Natur.

Lang anhaltender Applaus belohnt einen exzellenten Vortrag.

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